"Russlandversteher! Ich verstehe euch nicht", ruft in der SZ der russisch-schweizerische Schriftsteller Alexander Estis. In FAZ und taz singen der Schweizer Historiker Thomas Maissen und der Ethnologe Olaf Zenker je ein Liebeslied auf Deutschland und seine Demokratie. In der Welt fragt sich Güner Balci, welche Brücken die Spitzenkandidatin der Berliner Linken Elif Eralp in einer Hamas-freundlichen Moschee bauen will. In der Zeit erklärt Mouhanad Khorchide, warum er einen liberalen Islam lehrt - zur Not auch unter Polizeischutz. Die FAZ berichtet von einem bizarren Streit um das Kennedy-Center in Washington.
"Ihr, Putins Pazifisten, glaubt, Putin will keinen Krieg", ruft der russisch-schweizerische Schriftsteller Alexander Estis in der SZ all jenen Russlandverstehern von BSW bis AfD zu, die immer noch auf Friedensverhandlungen mit Putin setzen. Das sage der ja schließlich selbst. Doch "Putins Frieden ist ein Diktatfrieden. Putins Frieden ist ein kurzzeitig ausgesetzter Krieg. Mit den alten, doch mehr als je zuvor gültigen Worten des dissidentischen Sowjetschriftstellers Andrej Sinjawskij: 'Entweder wird das Imperium eine Welt nach der anderen verschlingen - oder es muss zerfallen.' Ihr, Putins Pazifisten, wisst nichts von Tschetschenien? Von Abchasien und Bergkarabach? Von Georgien? Von Syrien? Von Libyen? Von der Krim? Ihr, Putins Pazifisten, wisst nicht, welche Witze sich russische Soldaten erzählen: 'Ja, wir wollen 'mir' - und zwar den ganzen' (Mir bedeutet sowohl 'Frieden' als auch 'Welt'). Ihr, Putins Pazifisten, wollt nicht sehen, was offensichtlich ist: Sofort nach Ende der letzten Friedensverhandlungen fliegen Raketen auf Kiew, auf Häuser, auf Menschen. ... Russlandversteher! Ihr versteht Russland nicht. Aber Russland versteht euch. Russland versteht, wie ihr tickt. Russland versteht, was euch aufregt. Russland versteht, was ihr fürchtet. Russland versteht euch - und zwar als nützliche Idioten."
In der SZ begleitet Silke Bigalke eine kleine Gruppe junger russischen Wahlkämpfer, die für ihre Partei für die am Wochenende anstehenden Parlamentswahlen Wahlkampf machen - nur handelt es sich bei der Partei um die faktisch verbotene Jabloko-Partei. Sich für sie zu engagieren, kann gefährlich sein. Warum machen es die jungen Wahlkampfhelfer trotzdem? "'Die Situation im Land betrifft mich persönlich schon deshalb, weil ich ein Mann bin', sagt Nikita. (...) Der 19-Jährige teilt die Angst von vielen, dass der Kreml nach der Wahl wieder mobilmachen, mehr Männer zur Armee einziehen könnte. 'Ich habe mich irgendwann bei dem Gedanken ertappt, dass alle meine Pläne spätestens im Oktober enden', sagt der Student." Wahlkampfhelferin Deja "vermisst ihre Freunde, die bereits ins Ausland geflohen sind. 'Das ganze Land bebt, alles bricht zusammen', sagt die 24-Jährige, das sei beängstigend. Natürlich ist es auch riskant, Flyer mit Friedensbotschaft zu verteilen, aber Dmitrij zuckt mit den Schultern: 'Wenn man drüber nachdenkt, was ist dann gefährlicher, Wahlkampf zu betreiben oder in einen Krieg zu geraten?'"
Im Westen und in Europa geht immer wieder die Angst um, Putin könne im Ukrainekrieg nuklear eskalieren - das hält der Politikwissenschaftler Andreas Umland in der NZZ für sehr unrealistisch. "Die Nettobilanz strategischer Gewinne und Verluste für Moskau durch die Explosion eines oder mehrerer Atomsprengköpfe in der Ukraine wäre unvorhersehbar. Sofern Kiew nicht vollständig kapituliert, dürfte Moskau durch solch eine Eskalation mehr verlieren als gewinnen. Angesichts der bisher gezeigten gesellschaftlichen Widerstandsfähigkeit der Ukraine wird das Land als Reaktion auch auf einen Nuklearschlag nicht einfach aufgeben. Den Rest der Welt, darunter auch viele Länder des globalen Südens, hingegen wird ein russischer Bruch des nuklearen Tabus schockieren und viele Länder zur Sistierung ihrer Beziehungen zu Moskau bewegen."
Vor einigen Wochen hat der deutsche Historiker Stefan Rebenich in der FAZ ein Loblied auf die Schweiz gesungen, wo er lebt und auch nicht mehr weg will (unser Resümee). Heute geht's andersrum: Der Schweizer Historiker Thomas Maissen erzählt in der FAZ, warum er so gern in Deutschland lebt - Heidelberg, um genau zu sein - und dort nicht mehr weg will. Er bewundert vor allem "den historiografischen und erinnerungspolitischen Umgang der Bundesrepublik mit Schuld und Verantwortung. Es würde der Völkerverständigung dienen, wenn andere sie zum Vorbild nähmen: nicht nur Russland und Serbien oder die einstigen Achsenmächte Japan und Italien, auch Frankreich oder die Schweiz." Außerdem sei er nicht nur Schweizer, sondern auch Europäer: "Deutschland ist die Hauptstütze, politisch wie finanziell, für dieses Europa. Diese demokratische, rechtsstaatliche Stütze will ich mitstützen, nicht nur fiskalisch, sondern als Staatsangehöriger auch politisch. Erhebliche Herausforderungen stehen an, etwa in Form der AfD, deren Verfassungstreue nicht gesichert ist. Wenn die unverzichtbare Stütze Europas wegbrechen sollte, wer sonst kann die historisch einmalige Friedensordnung gewährleisten, in der wir aufwachsen durften? Bestimmt nicht die Schweiz, die ihr neutrales Gärtchen weiter kultivieren möchte, selbst wenn die Welt zugrunde geht."
Auch der Ethnologe Olaf Zenker ermuntert in der taz, Deutschland einfach mal positiv zu sehen: "Stellt euch vor, wir leben in einem Land, das sich von der Behauptung nicht bange machen lässt, hier stehe auf der einen Seite eine abgehobene Elite und auf der anderen 'das Volk'. Natürlich gibt es Macht und Privilegien. Aber politische Gegner sind keine Feinde - in einem Land, das seine eigene Vorstellung eines guten Zusammenlebens nicht nur daraus gewinnt, wogegen es ist. ... Stellt euch vor: Wir leben in diesem Land! Nicht weil hier alles so wäre, wie es sein sollte. ... Aber wir leben in einem Land, in dem Entscheidungen korrigierbar bleiben müssen. Und in dem alle dazugehören - bei allen Unterschieden. Gerade deshalb schützt die freiheitlich-demokratische Grundordnung die gleiche Freiheit und Würde aller und darf sich gegen diejenigen verteidigen, die sie beseitigen wollen."
In Österreich gilt ab diesem Schuljahr ein Kopftuch-Verbot für Mädchen unter 14 Jahren. Im Interview mit der NZZ erklärt die dafür zuständige Integrationsministerin Claudia Bauer (ÖVP), weshalb dieses - von der SPÖ und den liberalen NEOS mitgetragene - Verbot an Schulen so wichtig ist. Es sei wichtig, "dass die Schule der Ort ist, wo sich Mädchen frei entfalten können. Wir wollen ihnen Selbstvertrauen und Selbstbestimmtheit vermitteln. Das Kopftuch steht dem vollkommen entgegen, weil es sie unsichtbar macht. Je früher es getragen wird, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau es jemals ablegt. Dazu gibt es Studien. Es mag sein, dass manche das Kopftuch freiwillig tragen, weil auch die Mutter und die große Schwester das tun. Aber wir wollen den Mädchen Zeit geben bis zur Religionsmündigkeit, das zu entscheiden. Dann sind sie sich auch der Konsequenzen eher bewusst." Und außerhalb der Schule können sie es ohnehin tragen.
Spätestens der Auftritt des Rappers Dahabflex bei einer Veranstaltung der Neuköllner Linken bringt die Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp in Erklärungsnot, wie ihre Partei zum Antisemitismus steht (unsere Resümees). Die Neuköllner Integrationsbeauftragte Güner Balci nimmt ihr in der Welt jedenfalls ihre Distanzierung nicht ab. Besonders wurmt sie, dass Eralp im Zuge dieser Debatte in einem Interview auf einen Besuch einer Begegnungsstätte verwies, wo sie "Brücken bauen" wollte. Dabei handelte es sich um eine Moschee. "Der Leiter der Moschee, Mohamed Taha Sabri, erschien zudem auf Fotos mit hochrangigen Hamas-Funktionären; einer von ihnen wird per Haftbefehl gesucht. Das ist keine Nebensächlichkeit. Wer dort Wahlkampf macht, sollte Fragen zu Islamismus und Antisemitismus nicht ausklammern. (...) Wer sich gegen antisemitische Parteikollegen nicht durchsetzt und Worten keine Konsequenzen folgen lässt, trägt ebenso dazu bei wie jemand, der Gewaltaufrufe als bloß unterschiedlich lesbar behandelt. Das gefährdet jüdisches Leben in Deutschland und überall."
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