«Das tickende Herz» ist ein Roman der magischen Delirien. Lutz Seiler beschwört in präziser Sprache eine Wanderung durch Unbewusstes in einer Welt, die von der Gefahr des Terrors überschattet ist.
«Das tickende Herz» ist ein Roman der magischen Delirien. Lutz Seiler beschwört in präziser Sprache eine Wanderung durch Unbewusstes in einer Welt, die von der Gefahr des Terrors überschattet ist.
Paul Jandl20.10.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten

Hannelore Foerster / Imago
Allein in Erfurt. Ganz allein in der Welt. Wer ist man dann noch? «Es ist, als hätte man seinen Ausweis verloren – vor Gott», denkt der junge Dichter Carl nach einer schlecht besuchten Lesung. Die Freundin hat ihn gerade verlassen. Zu Hause in Berlin wird der Weihnachtsbaum in der grossen einsamen Wohnung noch lange vor sich hinnadeln, aber der biografische Tiefpunkt ist auch ein neuer Anfang.
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Lutz Seilers neuer Roman «Das tickende Herz» beginnt melancholisch und mysteriös zugleich. Er wird diese Tonlage halten, bis er sich in immer absurdere Höhen schraubt und zur politisch-magischen Groteske wird, die in manchem an die literarischen Treppenwitze eines Thomas Pynchon erinnert. Der Leser allerdings erinnert sich auch an die früheren, etwas bekömmlicheren Romane Lutz Seilers.
An den grossen, auf der Insel Hiddensee spielenden und 2014 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten «Kruso» und an «Stern 111», das Werk, das 2020 den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen hat. «Das tickende Herz» setzt fort, was die Vorgängerromane begonnen haben. Eine Geschichte, in der die Éducation sentimentale eines Autors eng mit dem Ende der DDR und dem unmittelbaren Nachwende-Deutschland verbunden ist.
Es ist die letzte Jahrtausendwende. Ein trüber Winter, aber nach der misslungenen Lesung in Erfurt gibt es für Carl Bischoff einen Lichtblick. Eine junge Frau mit dem Vornamen Aysha «und einem komplizierten slawischen Nachnamen» spricht ihn an. Eine Kennerin seines schmalen lyrischen Werks, das nur aus einem einzigen Buch besteht. Aysha trägt seltsame Fellschuhe, spricht fünf Sprachen und weiss auch Bescheid in der Grammatik des Schamanismus. An der Hotelbar macht sie davon Gebrauch und appliziert ganz nebenbei eine Art Mal auf Carls Hand. Ein Stigma? Ein Erkennungszeichen? Und dann noch Ayshas Satz: «Die Linie, an der wir entlanggehen werden, liegt unterhalb des Wunsches.»
Donnergrollen aus der Ferne«Das tickende Herz» ist ein Roman der magischen Delirien, eine Wanderung durch Unbewusstes, während die Welt in einem neuen Bewusstsein erwacht. Die Gefahr des Terrors überschattet die Stimmung. 9/11 ist am Ende bei Lutz Seiler die absolute Zuspitzung dieser Lage, aber im Roman wirkt das New Yorker Fanal wie ein Donnergrollen aus der Ferne.
Carl ist mit sich selbst beschäftigt. In der Berliner Jablonskistrasse wohnt er Tür an Tür mit dem Freund Fränkie, einem nüchternen Technik-Nerd und Kumpan aus den schon in «Stern 111» beschriebenen Zeiten. Gemeinsam erinnert man sich an das Kellerlokal namens «Assel» der frühen Neunziger und an den freundlich verstrahlten Chefutopisten Hoffi, genannt «der Hirte».
Hoffi war eine Art Wiedergänger des Kruso aus dem gleichnamigen Roman Lutz Seilers. Als gelernter Maurer hält sich Carl mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser und kann sich über gutes Geld freuen, als er von einer älteren Dame den Auftrag bekommt, den Dachgiebel ihres Hauses neu zu verputzen. Das Problem: Am Giebel gibt es eine schlecht isolierte Stromleitung. Über Carls Maurerhand fährt ein elektrischer Schlag in seinen Körper. Das und der Sturz vom Gerüst bilden einen Augenblick seltsamer Initiation. Der Maurer läuft nach Hause, und die Gedichte strömen buchstäblich aus ihm heraus.
Ein karrieretechnisches Wunder will es, dass er zum berühmten Poetry International Festival in Rotterdam eingeladen wird. Danach ist er in Amsterdam bei einem dubiosen Dichtergeheimbund zu Gast, der sich in der Nachfolge Stefan Georges sieht. Plötzlich gibt es Lesungen auch in Italien. Auf geheimnisvolle Weise hat Aysha, die sich bei einer Reise an die Kurische Nehrung Carl Bischoff ziemlich ausführlich hingibt, immer ihre Hände im Spiel.
Mit Strahlung gesalbtSie sorgt auch dafür, dass er zum «ersten deutschen Dichter in der Steppe» wird. Eine Tournee durch Kasachstan findet statt. Aysha verlässt mehr und mehr ihre Rolle als Geliebte des Berliner Poeten und folgt ihrer Berufung, wenn nicht gar ihrem Beruf. Sie ist Sprössling eines alten kasachischen Schamanenclans, der wiederum zu den Gaiaisten gehört, den «Erdbeschützern».
Sind Dichter auch so etwas wie Schamanen? Man kann Lutz Seilers Roman in dieser Hinsicht durchaus ideologiekritisch hinterfragen. In seinem Werk gibt es immer schon ein unterirdisches Zusammenfliessen von Physik und Metaphysik. Epiphanische Augenblicke, in denen die Poesie wie ein Blitzableiter des Götterfunkens wirkt. In «Das tickende Herz» ist der Stromschlag unterm Dachgiebel ein fein ironisches und allegorisches Bild.
Aber es gibt auch noch etwas anderes, das der 1963 geborene Schriftsteller schon in seinem frühen Gedichtband «pech & blende» thematisiert hat: die Bergwerke für Uranerzabbau in seiner thüringischen Heimat. Aus den Fluten der Geschehnisse des neuen Romans taucht immer wieder eine vage Kindheitserinnerung Carls auf. Er sei einmal in radioaktive Schlacken gefallen und von der Grossmutter nur mit knapper Not gerettet worden.
Ein mit Strahlung Gesalbter also. Das kann sich nur ein ganz nah an der Lyrik entlangschreibender Romancier wie Lutz Seiler ausdenken. Die Metapher ist zwingend: der Dichter als wandelnder Geigerzähler. Als tickendes Herz. Und im Wort Geigerzähler steckt auch noch der Erzähler.
Zuerst einmal in die RehaWas sich in der kasachischen Steppe abspielt, folgt einem immer wilderen Erfindungsfuror. Auf seiner Lesungstournee, die von hohen staatlichen Funktionären genauso begleitet wird wie von illustren Gestalten aus dem Aysha-Clan, gerät Carl in ein Reisedelirium. Zu viel Alkohol und unverdauliches Kamelfleisch treiben den Dichter aus einem Provinzhotel hinaus in den tiefen Frost.
Auf einer Parkbank legt er seine Kleider ab und ergibt sich der Kälte. Als halb erfrorenes Bündel Mensch wird er geborgen und fortan auf einem Schlitten durch Eis und Schnee gezogen. Einem stimmigen Ziel zu: den atomar verseuchten Gebieten von Semipalatinsk, wo die Sowjetunion früher ihre Kernwaffen getestet hat. In einem riesigen Explosionskrater soll der Poet aus Pankow per Rakete Richtung Erdmittelpunkt geschossen werden. Vor dem grossen Knall winkt noch die sprechende Ziege Dodo ins Cockpit. Man kennt sie schon aus «Stern 111».
Ist das ein Fiebertraum, Jules-Verne-Fiktion oder doch ein bisschen Thomas Pynchon? In dessen Roman «Die Enden der Parabel» gibt es das Phänomen eines Mannes, der 1944 per Erektion den mutmasslichen Londoner Einschlagsort deutscher V2-Raketen anzeigen konnte. Ein Kriegsabwehrzauber wie vielleicht auch in Seilers «Das tickende Herz». Aus Thüringen kamen die Uranerze für die sowjetischen Atomsprengköpfe, jetzt kommt der verstrahlte, aus Thüringen gebürtige Dichter als zivile Gegenwaffe. Als Erdbeschützer.
Minus mal minus ergibt plus. Lutz Seiler ist der Schamane der Literatur. Er schreibt mit einem wundergläubigen Vertrauen in die Sprache, und deshalb sind seine Sätze auch so erdenthoben schön und klar. Wenn die Handlung von «Das tickende Herz» nicht ganz klar ist, dann macht das vielleicht gar nichts. Wie bei Pynchon. Der traurige Lyriker Carl Bischoff spinnt ziemlich rum, und sein Erfinder schickt ihn im Roman-Epilog erst einmal in die Berliner Reha. Dort kann er gerne für ein Weilchen bleiben.
Lutz Seiler: Das tickende Herz. Roman. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2026. 464 S., Fr. 40.90.
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