Der Bestsellerautor lässt in seinem Roman einen verschwundenen Ehemann mysteriöse Zeichen senden.
Der Bestsellerautor lässt in seinem Roman einen verschwundenen Ehemann mysteriöse Zeichen senden.
21.10.2026, 05.30 Uhr
3 Leseminuten

Joël Hunn / Diogenes-Verlag
Die literarische Produktion von Martin Suter erinnert an einen Adventskalender. Alle Jahre wieder erscheint zuverlässig ein neues Buch, mit bewährtem Inhalt und Stil, aber dezenten Qualitätsschwankungen. Oft kann sich die Kundschaft über ein verfrühtes Weihnachtsfest freuen, manchmal ist das Resultat ernüchternd.
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Wenn die Toten Zeichen senden, muss man hinsehen, das ist spätestens seit dem Film «The Sixth Sense» bekannt. So geschieht es Mila Pedroni, deren Mann Sascha eines Abends nicht mehr nach Hause kommt. Die Polizei ermittelt wegen eines möglichen Betrugs: Sascha verwaltet Gelder bei einem – Obacht, Wortungetüm – Lohnbuchhaltungsdienstleister, nun ist nicht nur der Angestellte verschwunden, sondern auch 1,8 Millionen Franken.
Sechs Jahre ohne StreitDoch Mila bleibt völlig ruhig, sie ist sich sicher, ihr Mann steckt irgendwo da draussen. Schliesslich sendet er regelmässig Lebenszeichen, nur für sie: Ein längst ausrangierter Hut taucht wieder auf. E-Mails und Sprachnachrichten ploppen auf, nur um auf magische Weise und unpraktisch für Zeugen wieder zu verschwinden. Ein Globus verweist auf den südpazifischen Inselstaat Vanuatu, auf den sich Sascha womöglich geflüchtet hat.
Wie so oft bei Suter bricht auch in «Ein und Alles» das Irrationale in die Bünzli-Blase behüteter und begüterter Schweizer Mittelschichtler ein. Doch anders als etwa bei «Die Zeit, die Zeit» gibt es keinen Piks, folgt keine produktive Irritation. Das liegt vor allem an Mila, einer merkwürdig blassen und ambitionslosen Figur, deren Oberflächlichkeit Suter nicht mit allerlei eleganten und extravaganten Volten kaschieren kann.
Mila arbeitet als Assistentin an der Universität und wohnt im Haus ihrer pensionierten Patin Brigitte, die ihren Garten und einen Fimmel für asiatische Meditation pflegt. Was der jungen Frau wichtig ist: «Lesen, Musik, Kunst und Liebe, kurz: Leben.» Eine Beschreibung, die für ein Dating-Profil ausreichend sein mag, aber, da nicht weiter ausgeführt, für einen Roman des populärsten Schweizer Autors erheblich zu dünn ist.
Ähnlich banal gestaltet sich die Beziehung des Paares, an die sich Mila erinnert: Sex zur Musik von Leonard Cohen, in sechs Jahren Ehe kein einziger Streit. Manchmal orderten die beiden zwei Pizzen, um sie anschliessend zu teilen. Das Leben von Mila ist so penetrant und übertrieben auf ihren elf Jahre älteren Mann ausgerichtet, dass man lange glauben könnte, nun folge eine fiese Tradwife-Offenbarung. Oder gar eine mörderische Hinterhältigkeit von Highsmithschem Ausmass.
Leider weit gefehlt, der Titel lässt es bereits erahnen: «Ein und Alles» versinkt vollständig im vagen Esoterik-Kitsch. Es geht um das kollektive Bewusstsein, um die Aufhebung der Trennung zwischen dem «Ich» und dem «Anderen». Die Figur des Quantenphysikers Rupert Schoch im Roman soll diesem Phänomen zu etwas mehr Seriosität verhelfen als nur die Floskel: Alles ist mit allem verbunden.
Überall nur GefühleAllerdings bringt der als Outsider auf dem Campingplatz hausende Wissenschafter als Erklärung nur apodiktisch heraus: «Ich für meinen Teil weiss es, Punkt.» Überall nur Gefühle. Und Suter lässt Mila sämtliche Einwände, die andere Figuren gegen den abstrusen und voller Logiklöcher steckenden Krimiplot in Stellung bringen, schlicht zur Seite wischen.
«Ein und Alles» hätte ein kompositorisches Gegenstück zu «Melody» sein können, dieser süffigen, spannenden Trauerfeier des Verlorenen, 2023 einer der grössten Erfolge des Autors. Statt dass ein junger Mann dem Geist einer Frau hinterherjagt, verhält es sich diesmal umgekehrt.
Doch der bekannte Suter-Sog fehlt komplett, und auch der handelsübliche Twist am Ende fällt ausgesprochen mau aus. Da hilft dann auch der Hinweis im Nachwort auf den italienischen Physiker Federico Faggin nichts mehr: «Von seinem Denken geht dieser Roman aus.» Die reale Geschichte dieses Denkers hätte man lieber gelesen.
Martin Suter: Ein und Alles. Roman. Diogenes, Zürich 2026. 304 S., Fr. 38.90.