Von der Bronzezeit übers Mittelalter bis zu Villeroy & Boch: In Wallerfangen wird Geschichte lebendig. Und das ganz ohne hauptamtliche Mitarbeiter. Was es im Historischen Museum zu entdecken gibt.
Serie | Wallerfangen · Von der Bronzezeit übers Mittelalter bis zu Villeroy & Boch: In Wallerfangen wird Geschichte lebendig. Und das ganz ohne hauptamtliche Mitarbeiter. Was es im Historischen Museum zu entdecken gibt.
22.09.2026 , 23:00 Uhr
Blick in den Ausstellungssaal des Historischen Museums Wallerfangen: Die Ausstellung zeigt unter anderem die Industrialisierung und die Entwicklung der Wallerfanger Keramikfabrik.
Foto: Alexandra BroerenEine Reise durch mehr als 3000 Jahre Zeitgeschichte macht das historische Museum in Wallerfangen möglich. Das alles sogar ohne einen einzigen hauptamtlichen Mitarbeiter. Denn alle, die beim Trägerverein, dem Verein für Heimatforschung Wallerfangen mitarbeiten, tun das ehrenamtlich.
Unsere Zeitreise beginnt im Untergeschoss, in der Bronzezeit. Schon damals nahm die Geschichte von Vaudrevange, dem heutigen Wallerfangen, ihren Anfang. Es war ein idealer Ort sich anzusiedeln: zwischen zwei Handelsstraßen nahe am Fluss. In den Vitrinen sind Kopien von Funden aus der Umgebung ausgestellt, deren Originale im französischen Musée d’Archéologie nationale zu finden sind: Schmuckstücke und Alltagsgegenstände. Mit Hilfe eines dreidimensionalen Landschaftsmodells wird deutlich, wie die Besiedlung von und rund um Wallerfangen erfolgt ist.
In der ehemaligen Lehrerwohnung wird heute die Entwicklung Wallerfangens im Mittelalter gezeigt.
Foto: Alexandra Broeren„So klang die Bronzezeit“, erklärt Rudolf Echt, der im historischen Museum Wallerfangen den Bereich der Vor- und Frühgeschichte betreut, und zeigt auf ein Tintinnabulum – eines der ältesten bekannten Musikinstrumente. Den originalgetreuen Nachbau dieses Instruments, dessen Verwendung noch im Dunkeln liegt, hat das Museum Stefan Michelbacher zu verdanken, der in sorgfältiger Kleinarbeit das Original, das aus dem 9. Jahrhundert vor Christus stammt, kopiert hat.
Eine Etage höher, in der ehemaligen Lehrerwohnung des alten Schulhauses, tauchen wir dann ins Mittelalter ein. Die kleine Siedlung aus der Bronzezeit hatte sich bereits zu einer Stadt gemausert. Nicht zuletzt wegen des „Wallerfanger Blaus“, dem Azurit-Pigment, das über die Jahrhunderte von Künstlern heiß begehrt war und mit dessen Abbau bereits in der Römerzeit begonnen worden war. Wallerfangen stieg sogar zur Hauptstadt der „Bailliage Allemande“, des deutschsprachigen Teils des Herzogtums Lothringen auf.
Bilderstrecke zuletzt aktualisiert:
13.10.2024
Allerdings nur, bis Louis XIV. im Jahr 1679 beschloss, dass Wallerfangen sich nicht zur Festungsstadt eigne und er lieber mit Saarlouis eine neue Stadt erbauen wollte. Dummerweise größtenteils mit dem Baumaterial, das er in Wallerfangen vorfand.
Bis 1791 versank die einstige Provinzhauptstadt in Bedeutungslosigkeit. Dann brachte Nicolas Villeroy mit der „Fayencerie Vaudrevange“, dem Grundstein des späteren Weltunternehmens Villeroy & Boch, neues Leben in den fast verlassenen Ort.
Der Entwicklung der Keramikfabrik und dadurch auch der Industrialisierung an der Saar ist der ehemalige Schulsaal gewidmet. Hier finden sich nicht nur Informationen über die Herstellung von Steingut und Porzellan – die Ausstellung gibt auch einen guten Einblick in das soziale Gefüge der damaligen Zeit. Kinderarbeit ist dabei genauso ein Thema wie die soziale Absicherung der Arbeiter und deren medizinische Versorgung durch die Sophienstiftung. Beispielsweise gibt es ein Album mit den jährlichen Gruppenfotos der Belegschaftsmitglieder, die der ehemalige Wallerfanger Lehrer Theodor Liebertz zusammengetragen hat. Ihm gelang es sogar, einen Großteil der Mitarbeiter namentlich zu identifizieren.
Im Obergeschoss des alten Schulhauses befindet sich eine Bibliothek mit etwa 800 gedruckten Werken und das Archiv des Vereins für Heimatforschung mit Karten, Plänen, Fotos und Textdokumenten zur Geschichte Wallerfangens. Bibliothek und Archiv sind nach Vereinbarung zugänglich.
Auch der Garten des Hauses lohnt einen Besuch. Dort finden sich unter anderem die Überreste einer Kreuzweggruppe des Bildhauers Pierrard de Coraille aus dem 17. Jahrhundert, deren Köpfe fanatische Citoyens im Verlauf der Französischen Revolution abschlugen.
Das historische Museum Wallerfangen wurde bereits 1983 gegründet – damals als Heimatmuseum. Seit 2005 wurde es, unter anderem angestoßen durch Peter Winter, grundlegend überarbeitet und unter professioneller Anleitung umgebaut. Im Jahr 2015 eröffnete dann das Haus in der jetzigen Konzeption wieder. Das Haus ist mit modernen Medienstationen, die zu einem spielerischen Mitmachen einladen, ausgestattet. Das EU-Programm Leader finanzierte einen Teil des Umbaus.
Der Verein für Heimatforschung Wallerfangen feiert in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag. Am 6. November findet dazu ein großer Festakt in der Aula der Grundschule Wallerfangen statt. (lwg/sm)
Öffnungszeiten und Anschrift: Das Historische Museum Wallerfangen in der Louisenstraße 3 (Adolphshöhe) in Wallerfangen ist Freitag, Samstag und Sonntag von 15 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist kostenlos.