Seit dem 1. Juli gelten neue Regeln für Rodentizide. So dürfen diese nicht mehr an Privatverbraucher verkauft werden. Auch Kammerjäger müssen inzwischen neue Vorgaben beachten. Und warnen, dass die Ratten-Population in der Stadt jetzt langfristig steigen könnte.
Düsseldorf · Seit dem 1. Juli gelten neue Regeln für Rodentizide. So dürfen diese nicht mehr an Privatverbraucher verkauft werden. Auch Kammerjäger müssen inzwischen neue Vorgaben beachten. Und warnen, dass die Ratten-Population in der Stadt jetzt langfristig steigen könnte.
Auf Privatgrundstücken müssen die Eigentümer selbst für die Bekämpfung der Ratten sorgen.
Foto: picture alliance/Manuela Hartmann/dpaSie leben meist im Verborgenen und sind doch mitten unter uns: Ratten gehören in einer Großstadt wie Düsseldorf zu den ständigen Bewohnern. Als Lebensraum bevorzugen sie die Kanalisation, auch in dichten Gebüschen der Grünanlagen sind sie zu finden. Doch kommen sie zum Vorschein, ist der Ekel bei vielen Menschen groß. Vor allem dann, wenn sie am helllichten Tag und auf dem eigenen Grundstück gesichtet werden.
In Parks wie dem Hofgarten oder Teilen der Innenstadt, wo die Tiere leicht Nahrung durch Müll in den Straßen oder den Kellern der Mehrfamilienhäuser finden, kann das öfter vorkommen. Aber auch in gehobeneren und weniger dicht besiedelten Stadtteilen scheinen sich Ratten zunehmend wohlzufühlen. Das berichtet zumindest eine Angermunderin, die sich mit einer eindringlichen Bitte an die Redaktion wandte.
Mehrfach habe sie in den vergangenen Wochen Ratten auf und um ihr Grundstück herum bemerkt, berichtet sie der Redaktion. Erst am Dienstagmorgen sei wieder ein Nager „ganz frech vor meinem Küchenfenster“ vorbeispaziert, an einem anderen Tag habe ihr Mann gerade noch rechtzeitig die Terrassentür schließen können, bevor die Ratte ins Innere kam. „Man traut sich inzwischen kaum noch zu lüften. Das geht auf die Psyche.“
Auch einen gemütlichen Grillabend habe sie deshalb vorzeitig ins Innere verlagert, „weil man ständig ein Rascheln und schnelle Bewegungen im Gebüsch gehört hat.“ Andere Angermunder sowie Freunde aus anderen Stadtteilen würden Ähnliches berichten und den Nagern zunehmend begegnen. „Düsseldorf ist bereits voll von Ratten“, sagt sie.
Solche Boxen mit Giftködern dürfen Kammerjäger aufstellen.
Foto: Hans-Juergen Bauer (hjba)Ihren Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen. „Mit so was wird man ja nicht gerne in Verbindung gebracht“, sagt sie. Sorge bereite ihr aber eine neue EU-Biozidverordnung, die die Bekämpfung nicht nur Privatleuten, sondern auch Experten erschwere. So darf seit Anfang Juli Rattengift nicht mehr im freien Handel an Privatverbraucher verkauft werden. Zudem dürfen Kammerjäger Giftköder-Boxen nur noch dann aufstellen, wenn ein Befall vorab sicher nachgewiesen wurde und es sich nicht bloß um einen Verdacht handelt. Das habe ihr Gespräch mit dem Fachmann ergeben, der in ihrem Garten drei Boxen für 300 Euro aufstellte.
Sind die Boxen leer, muss sie den Kammerjäger nun zum Nachbefüllen kommen lassen. „Ratten auf dem Grundstück sind Privatsache. Die Bekämpfung können sich aber jetzt nur noch diejenigen leisten, die das nötige Kleingeld dazu haben“, sagt sie. Die Angermunderin fürchtet nun ein unkontrolliertes Anwachsen der Ratten-Population, nicht nur in ihrem Stadtteil. Die Landeshauptstadt müsse das Problem daher dringend stärker in den Fokus nehmen.
„Die Bekämpfung der Ratten muss flächendeckend in der Kanalisation angegangen werden“, fordert sie. „Sonst werden wir davon überrollt.“
Tatsächlich werden Ratten auf öffentlichen Flächen von der Stadt grundsätzlich immer nur dort bekämpft, „wo ein konkreter Handlungsbedarf entsteht“, sagt ein Sprecher. Das geschehe aufgrund eigener Feststellungen oder Hinweisen aus der Bevölkerung, die an die Leitstelle des OSD (0211 8994000) gerichtet werden. „In solchen Fällen beauftragt die Verwaltung Fachfirmen mit der Bekämpfung oder hat – wie der Stadtentwässerungsbetrieb (SEBD) – eigenes Fachpersonal.“
Markus Meier, Inhaber der Schädlingsbekämpfung Maulsein, verzeichnete zuletzt steigende Auftragszahlen aufgrund von Rattenbefall.
Foto: Anne OrthenDie neuen Vorgaben des Umweltbundesamtes zur Bekämpfung wende die Stadt schon seit zwei Jahren an. Das bedeutet, es werden „ausschließlich Rodentizidköder in geschlossenen Köderstationen“ eingesetzt, deren Annahme regelmäßig überprüft und dokumentiert werde.
Aufgestellt werden diese aber mit Ausnahme bekannter Hotspots wie der Altstadt immer nur dort, wo bei einer Kontrolle der Kanalisation ein Rattenbefall festgestellt wurde. „Auf eine vorsorgliche, flächendeckende Ausbringung von Rodentiziden verzichtet der SEBD bereits seit mehreren Jahren“, so der Sprecher. „Werden auf einem Privatgrundstück Ratten festgestellt, obliegt die Bekämpfung grundsätzlich dem jeweiligen Grundstückseigentümer.“
Diese müssen dann oft einen Kammerjäger wie Markus Meier rufen, Inhaber der Schädlingsbekämpfung Mauslein in Hassels. Dabei könne er sich jetzt im Sommer nicht über mangelnde Aufträge beklagen, sagt er. Vor allem Nester von Wespen oder der Asiatischen Hornisse „haben Saison“ und müssen derzeit entfernt werden. Aber auch bei Ratten verzeichne er zuletzt „steigende Auftragszahlen.“ Mitunter müssen Privatkunden deshalb schon mal ein bis zwei Wochen warten. Anders sei es bei besonders problematischen Bereichen wie Gastronomien, Lebensmittelbetrieben oder Orten, an denen sich Kinder aufhalten. „Da muss sofort gehandelt werden.“
Die neue Verordnung betrachte er zwiespältig. „Einerseits ist sie richtig, da die Präparate hochgiftig sind und bei unsachgemäßem Gebrauch immer die Gefahr einer Sekundärvergiftung von Haustieren oder anderen besteht.“ Es sei daher wichtig, dass Hausbesitzer ihr Grundstück auf das mögliche Nahrungsangebot für Ratten prüfen und auch bei den Nachbarn nachfragen. „Einen nicht gut gepflegten Komposthaufen, ausgelegtes Futter für Vögel oder Hühner- und Kaninchenställe finden Ratten sehr interessant.“
Dass aber auch die befallsunabhängige Dauerbeköderung in bestimmten Bereichen weggefallen ist, sieht der Fachmann problematisch. „Die Kanalisation ist da ein Thema, auch viele Hausverwaltungen haben ein ständiges Problem. Oder Nahrungsmittel produzierende Unternehmen, die mit der Dauerbeköderung den Befallsdruck auf ihrem Gelände gering halten.“
Zumal es auch mal zwei bis sechs Wochen dauern könne, bis Ratten die Köder annehmen. „Die haben eine große Köderscheu und merken ganz genau, wenn da etwas Neues auf dem Gelände steht. Dann gehen die da erst mal nicht dran.“
Ob er nun damit rechnet, dass die Ratten-Population in Düsseldorf nach dem Wegfall der Privatanwender langfristig steigen könnte? „Davon ist auszugehen“, sagt Meier.