Ein Unternehmer spricht selbstbewusst über das Geld, das er im Immobiliengeschäft verdienen will. Nun gehört ihm ein Haus in Friedrichstadt, die Bewohner sorgen sich um ihre Zukunft darin. Gleichzeitig schickt die Stadt ein Schreiben an die Mieter – und verunsichert sie noch mehr.
Düsseldorf · Ein Unternehmer spricht selbstbewusst über das Geld, das er im Immobiliengeschäft verdienen will. Nun gehört ihm ein Haus in Friedrichstadt, die Bewohner sorgen sich um ihre Zukunft darin. Gleichzeitig schickt die Stadt ein Schreiben an die Mieter – und verunsichert sie noch mehr.
Die meisten Mieter aus dem Haus an der Halskestraße haben Kündigungen erhalten.
Foto: Georg Salzburg(salz)/Georg SalzburgDer Mann in dem Youtube-Video will Geld verdienen. Mit Immobilien möchte er „Business machen“, wie er sagt. Viel Geld soll es sein, 300 Prozent Rendite seien denkbar. Höhere Zinsen, unter denen nicht nur die Immobilienbranche derzeit ächzt? „Interessieren mich dann nicht“, sagt er auf dem Kanal des Unternehmens KE Capital GmbH, dessen Geschäftsführer der Mann war. Eines seiner erhofften Renditeobjekte liegt an der Halskestraße in Friedrichstadt, unweit des Fürstenplatzes. Ein hübscher Altbau in einem belebten Viertel. Die Menschen, die darin wohnen, wollen das allerdings weiter tun – und ihre Wohnungen nicht für das Business eines anderen verlassen.
Fast alle Parteien sollen ausziehen, so schildern sie es. Es wurden mehrere Kündigungen ausgesprochen, unter anderem wegen Eigenbedarfs. Hinzugekommen sind noch sogenannte Verwertungskündigungen. Das Haus soll energetisch kernsaniert werden, mit den Mietern darin sei das unmöglich, heißt es in dem Kündigungsschreiben. In welchem Zustand Wohnungen und Gebäude sind, ist von außen schwer zu beurteilen. In der Annonce, über die das Haus verkauft werden sollte, wurden die Allgemeinflächen jedoch als „gut gepflegt“ beschrieben, bei zwei Wohnungen gebe es Sanierungspotenzial.
Mieterverein warnt vor Verwertungskündigungen
Die Halskestraße in Friedrichstadt. Die Bewohner fühlen sich hier als Gemeinschaft.
Foto: Philip ZeitnerDie Mieter halten ihren geplanten Rauswurf für rechtswidrig. Tatsächlich warnt der Düsseldorfer Mieterverein regelmäßig vor Verwertungskündigungen, bezeichnete sie gar als Masche, um sich unliebsamer Mieter zu entledigen. In mehreren Stadtteilen hatte es in den vergangenen Jahren Fälle gegeben, in denen solche Kündigungen ausgesprochen wurden – einer gerichtlichen Überprüfung hielten einige davon nicht stand. Wie die Situation an der Halskestraße schließlich bewertet wird, ist offen. Ein Rechtsstreit scheint denkbar.
An einem Dienstagabend haben sich in der Küche einer hübschen Wohnung mit einem kleinen Aquarium und einer Schildkröte darin einige Mieter versammelt. Junge und Ältere, Paare und Alleinlebende. Manche wohnen schon seit mehr als vier Jahrzehnten in dem Haus. Probleme habe es mit den vorherigen Eigentümern nie gegeben. Vom Neuen dagegen fühlen sie sich gegängelt, ständig seien sie besorgt, plötzlich ohne ein Zuhause dazustehen. Doch tatenlos bleiben wollen sie nicht.
Plakate wie dieses wurden in vielen Fenstern der Häuser an der Halskestraße aufgehängt.
Foto: Philip ZeitnerIm April 2026 soll das Unternehmen RLU2 GmbH das Haus gekauft haben. Laut Immobilien-Annonce wurden rund 1,6 Millionen Euro dafür veranschlagt. Der Mann aus dem Youtube-Video ist bei der GmbH als Geschäftsführer eingetragen. Verwaltet wird das Mehrfamilienhaus von der KE Capital GmbH, einer Haus- und Grundstücksverwaltung. Deren Geschäftsführer war bis 2024 ebenfalls der Mann aus dem Video. Mit diesem Unternehmen kommunizieren die Mieter.
Die genannten Youtube-Videos wurden vor rund zwei Jahren auf dem Unternehmens-Account von KE Capital hochgeladen. Der ehemalige Geschäftsführer – Polo-Hemd, helle Hose, goldene Uhr, muskulöser Oberkörper – spricht darin in selbstüberzeugtem Ton nicht nur über seine Renditewünsche und den Immobilienmarkt. Auch dafür hinderliche niedrige Mieten sind ein Thema. Bei einer Düsseldorfer Immobilie habe er im Gegensatz zu anderen Interessenten zugeschlagen – trotz einer Quadratmetermiete von lediglich 2,50 Euro. Mittlerweile liege diese bei über 18 Euro. Ob er dabei eine alte Gewerbeimmobilie oder ein Wohnhaus gekauft hat, bleibt offen, ebenso, wie genau er diesen sagenhaften Gewinn erzielt haben will. Konkreter wird er nicht.
In einer nur mit „KE Capital“ unterzeichneten Stellungnahme teilt das Unternehmen mit, man habe Verständnis dafür, dass durch den Eigentümerwechsel „Fragen oder Unsicherheiten“ ausgelöst worden sein könnten. Tatsächlich seien zwei Eigenbedarfskündigungen ausgesprochen worden, in eine Wohnung wolle der Eigentümer selbst einziehen, in eine andere ein Familienmitglied. Der Eigenbedarf stehe nicht „im Zusammenhang mit einer beabsichtigten wirtschaftlichen Verwertung der betreffenden Wohnungen“, heißt es darin. Wieso zusätzlich eine Verwertungskündigung für mindestens eine Wohnung ausgesprochen wurde – unklar.
Wenigstens eine Kündigung soll zudem nach einer vermeintlich verspäteten Zahlung einer erneuten Kaution ausgesprochen worden sein. „Die Darstellung, die Kündigung sei ausschließlich wegen einer einzelnen verspäteten Kautionszahlung erfolgt, greift zu kurz“, teilt KE Capital mit. Eine solche Entscheidung werde nur unter Berücksichtigung „sämtlicher vertragsrelevanter Umstände“ getroffen. Auch die „mietrechtlichen Bestimmungen“ würden eingehalten.
In den Videos auf Youtube gehe es überdies nicht um ein bestimmtes Gebäude wie das an der Halskestraße, mit dem eine Rendite in der genannten Höhe erzielt werden solle. „Die angesprochene Größenordnung bezog sich auf das mögliche grundsätzliche Entwicklungspotenzial einer Immobilie im Rahmen einer umfassenden Projektentwicklung“, heißt es.
In jedem Fall sind die Bewohner der Halskestraße in eine Lage geraten, die in der Nachbarschaft Besorgnis hervorruft. In zahlreichen Haustüren und Fenstern hängen Plakate mit „Entmietung Stoppen. Wir sind Nachbarschaft“-Aufschrift. Der Zusammenhalt in der Straße sei groß, erzählen die Bewohner der Hausnummer acht. Man kümmere sich gemeinsam um die Pflanzen in der Straße, feiere regelmäßig ein kleines Straßenfest.
Trotz all der moralischen Unterstützung von nebenan – die besorgten Mieter haben sich zusätzliche Hilfe gesucht und gehofft, sie bei der Stadt Düsseldorf zu finden. Doch die Wohnungsaufsicht habe sie zuständigkeitshalber an den Mieterverein verwiesen. Kurze Zeit später erreichte dann trotzdem ein Schreiben der Stadt zwei Mietparteien – vom Bauaufsichtsamt. Und das hat sie nur noch mehr verunsichert. Es klingt wie eine Drohung. Die Bauaufsicht, heißt es darin, beabsichtige, die Nutzung der Wohnung zu untersagen, „mittels gebührenpflichtiger Ordnungsverfügung unter Androhung der sofortigen Vollziehung“. Der Grund: Es fehle ein zweiter Fluchtweg in den Wohnungen. Zuvor hätten die Mieter noch die Gelegenheit, sich dazu zu äußern. Einen Tipp gibt es noch dazu: „Ich empfehle Ihnen, sich unverzüglich mit Ihrem Vermieter in Verbindung zu setzen.“
Ein Mieter sagt dazu: „Es kann ja nicht sein, dass es nicht nur keinen Schutzmechanismus der Stadt gibt, sondern die Situation jetzt auch noch zugespitzt wird und Arbeit auf die Mieter umwälzt.“ Denn klar ist eigentlich: Bauliche Veränderungen wie das Anbringen einer Außentreppe als Fluchtweg können die Mieter nicht einfach umsetzen. Wieso sie als Anwohner ein derart „drohendes“ Schreiben erhalten, erschließt sich ihnen nicht.
Ein Sprecher der Stadt Düsseldorf erklärt das Vorgehen auf Anfrage so: „Den Mietern muss in Form einer Anhörung die Gefahrensituation mitgeteilt werden, da sie zum einen im Sinne des Gesetzes vor den Gefahren wie durch fehlende Rettungswege unverzüglich zu schützen sind und amtlich davon in Kenntnis gesetzt werden müssen.“ Die Verantwortung für die Behebung der Missstände liege jedoch „ausschließlich beim Vermieter“.
Das Timing der Mitteilung hätte dabei kaum unglücklicher sein können. Schließlich sorgen sich die Mieter der Halskestraße um ihr Zuhause. „Es wird uns hier ungemütlich gemacht“, sagt eine Mieterin. Und dann erhalten manche einen solchen Brief, ausgerechnet von der Stadt. Den Mietern entstehe dadurch ein Gefühl, dass sich nun alles gegen sie gewendet habe, schildern sie.
Der Stadtsprecher sagt, die Bauaufsicht sei erst kürzlich auf den Missstand aufmerksam geworden, deshalb sei es zu der Doppelung gekommen. Gleichzeitig werde sich die Stadt dafür einsetzen, „dass die durch den Vermieter verursachten Missstände nicht missbraucht werden, um Mieterinnen und Mieter rauszuwerfen“. Der Fall der Halskestraße werde von der Fach- und Fallkonferenz bearbeitet. Dort treffen sich unter anderem Bauaufsicht, Wohnraumschutz und Stadtplanung, um knifflige Streitfälle auf dem Düsseldorfer Wohnungsmarkt zu beraten.