Droht das nächste Batterie-Debakel? Europa verliert den Anschluss beim autonomen Fahren an China & USA. Warum unsere Autobauer zittern müssen.
Erst die Batterie, jetzt die Software: Europas Autobauer drohen beim autonomen Fahren die nächste Kerntechnologie an China und die USA zu verlieren. Der Countdown läuft.
Vor 15 Jahren standen die deutschen Autobauer vor einer Entscheidung: Bauen wir die Batterie selbst? Oder kaufen wir sie ein? Die Antwort: kaufen. Ist ja Commodity.
Heute ist die Batterie das teuerste Bauteil im E-Auto. Und sie kommt zum Großteil aus China. Die Folgen dieser Entscheidung spüren wir jeden Tag.
Philipp Raasch (10 Jahre Mercedes) analysiert jeden Sonntag, warum deutsche Autobauer gegen Tesla und China den Anschluss verlieren – sein Newsletter Der Autopreneur erreicht 45.000+ Abonnenten, hier kostenlos abonnieren. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Genau dieses Muster wiederholt sich gerade. Diesmal beim autonomen Fahren.
Dein eigenes Auto. Das Taxi, das du rufst. Der Bus, mit dem du zur Arbeit fährst. Alle drei fahren in den nächsten Jahren autonom. Und die Technologie dahinter kommt wahrscheinlich nicht aus Europa.
Heute schauen wir uns an:
Über Jahre hieß es: Autonomes Fahren kommt irgendwann. Anfang 2026 ist es da. In den ersten 4 Monaten fließen 21 Mrd. US-Dollar in den Markt. Mehr als in 2024 und 2025 zusammen. Allein Waymo sammelt 16 Milliarden US-Dollar ein und ist heute 126 Milliarden US-Dollar wert. Mehr als Mercedes, VW und Stellantis zusammen.
Und diesmal trennt sich das Geld vom Hype. 2024 haben noch 127 Unternehmen frisches Kapital für autonomes Fahren eingesammelt. 2026 nur noch 34. Aber das Geld ist nicht weniger geworden. Es ist viermal so viel. Drei Viertel davon gehen an Waymo. Die Gewinner kristallisieren sich raus.
Die Technologie entsteht maßgeblich an zwei Orten: in den USA und in China. Aber sie bleibt nicht dort.
In den USA fährt Waymo rund 500.000 bezahlte Fahrten pro Woche. In zehn US-Städten. London und Tokio kommen dieses Jahr dazu.
In China fahren Apollo Go, Pony(.ai) und WeRide. Apollo Go in Wuhan. Pony(.ai) in Peking, Shanghai, Shenzhen und Guangzhou. WeRide in über 40 Städten weltweit.
Warum es auf einmal so schnell geht? Die Kosten. Apollo Go baut sein Robotaxi heute für 28.000 US-Dollar. Inklusive Sensoren und Chips. Damit kostet ein Robotaxi heute schon weniger als die meisten privaten Neuwagen.
Die Experimentier-Phase ist vorbei. Nur: In Europa fährt bisher kein einziges Robotaxi ohne Sicherheitsfahrer.
Diese 3 Märkte sind das Raster, mit dem du jede Nachricht zum autonomen Fahren der nächsten Jahre einordnen kannst.
Hier geht es um Privatfahrzeuge, die autonom fahren. Der Markt, der am nächsten an der klassischen Autoindustrie liegt. Bei den klassischen Autobauern sehen wir zwei Strategien:
Strategie 1: Alles selbst entwickeln. Eigene Chips, eigene Software, eigenes Fahrzeug. Das machen z.B. Tesla, Xpeng, NIO und Li Auto. Alle sitzen in den USA oder China.
Strategie 2: Zukaufen. Das machen alle europäischen Autobauer. Wie genau, schauen wir uns gleich an.
Hier geht es um Autos, die du per App bestellst. Ohne Fahrer. Sie bringen dich von A nach B. Meist innerhalb einer Stadt.
In London starten dieses Jahr drei Robotaxi-Services parallel:
Und in der EU? Hier fährt der erste kommerzielle Robotaxi-Service in Zagreb. Anbieter: Verne. Die Fahrzeuge: Arcfox von BAIC. Der virtuelle Fahrer: Pony(.ai). Beides aus China. Stellantis baut in Luxemburg dasselbe Modell. Auch mit Pony(.ai).
Hier geht es um autonome Mini-Busse. Sie bedienen feste Strecken im ÖPNV. Niedrige Geschwindigkeiten. Festgelegte Routen.
Hier liegt Europa angeblich vorne:
Aber: Alle laufen mit Sicherheitsfahrer. Und keiner baut den virtuellen Fahrer selbst. Sie kaufen ihn bei Mobileye ein. Aus Israel. Drumherum bauen sie ihren Shuttle-Service: Fahrzeug, Strecke, App, Betrieb.
Und wichtig zu wissen: Mobileye selbst fährt bisher nirgendwo ohne Sicherheitsfahrer.
Das einzige deutsche Startup mit eigener Technologie ist MOTOR Ai aus Berlin. Sie nennen sich selbst „Germany's Only Full-Stack Level 4 AV Startup".
Um in einem dieser Märkte mitzuspielen, braucht es fünf Bausteine im Auto:
Drumherum braucht es 3 weitere Dinge:
Und genau hier wiederholt sich das Batterie-Muster. Früher war der Motor das Herzstück und das Teuerste am Auto. Beim E-Auto wurde es die Batterie. Beim autonomen Auto wird es der virtuelle Fahrer.
Und wahrscheinlich entsteht dieser virtuelle Fahrer nicht dreimal. Also: Fürs private Auto, fürs Robotaxi und für den Shuttle. Sobald ein Player ihn günstig in die Masse bringt, bedient er alle drei Märkte. Wie Google Android an Dutzende Smartphone-Hersteller lizenziert. Tesla nutzt heute schon dieselbe Software in privaten Autos und Robotaxis. In China lizenziert Xpeng seinen virtuellen Fahrer an VW. Wer den besten und günstigsten virtuellen Fahrer hat, gewinnt am Ende in allen 3 Märkten.
Und wer den virtuellen Fahrer nicht selbst baut, hängt für den wertvollsten Teil seines Autos an einem Lieferanten.
Dazu kommt: Robotaxis werden in Zukunft einen Teil der Mobilität übernehmen. Und wer eins nutzt, ruft es über eine App. Diese App gehört in den meisten Fällen nicht dem Autobauer. Sie gehört Uber, Lyft oder Bolt.
Für die Autobauer verschiebt sich damit Wertschöpfung von zwei Seiten weg:
Dazwischen bleibt: das Auto bauen.
Die Pointe vorweg: Bis Level 2 entwickeln Mercedes, BMW und VW noch selbst. Bei Level 4 nicht mehr.
Warum nicht? Weil es extrem teuer ist und extrem lange dauert. Waymo gibt es seit 2009. Alphabet hat über 15 Jahre Milliarden investiert. Erst jetzt fangen sie an zu kommerzialisieren. So lange wartet kein DAX-Konzern auf Erlöse. Und so viel Risikokapital wie in den USA oder China gibt es bei uns nicht.
Waymo hat im Q1/2026 16 Milliarden US-Dollar bekommen. Wayve 1,5 Milliarden US-Dollar. MOTOR Ai als deutsche Hoffnung: 17 Millionen Euro.
Bei dieser Lücke ist klar: Die deutschen Autobauer können den virtuellen Fahrer für Level 4 nicht selbst stemmen. Also kaufen sie ihn extern ein.
Mercedes und BMW:
Volkswagen:
Bosch:
Das Bild ist überall dasselbe. Beim wertvollsten Baustein hängen alle deutschen Autobauer an einem Lieferanten. Aus den USA, Israel, China oder Großbritannien. Aus der EU: niemand.
Drei Anbieter versuchen es.
Wayve in London:
MOTOR Ai in Berlin:
Verne in Zagreb:
Ich habe vor ein paar Wochen dazu auf LinkedIn geschrieben. In den Kommentaren hat der CEO klargestellt: Die EU-Förderung ist ausschließlich in die eigene Entwicklung geflossen. Die chinesischen Robotaxis hat Verne mit privatem Kapital externer Investoren bezahlt. Beide Töpfe wären sauber getrennt.
Ob diese Erklärung trägt oder nicht: Verne steht stellvertretend für ein Muster. Europa schafft es nicht, eigene Technologie rechtzeitig auf die Straße zu bringen. Und wenn es hart auf hart kommt, kauft man in China ein.
Bei der Batterie hatten wir vor 15 Jahren noch eine Ausrede. Wir konnten sagen: Wir haben das nicht kommen sehen.
Beim autonomen Fahren sollten wir nicht denselben Fehler machen. Wir sehen die Verschiebung in Echtzeit. Wir könnten gegensteuern. Aber: Wir tun es nicht.
Wie das gehen könnte, können wir uns in China und den USA abschauen.
China hält ausländische Technologie aus dem Land. Nicht über ein einzelnes Gesetz, sondern über mehrere Vorschriften:
Deshalb müssen Mercedes, BMW und Audi für China die Software bei Momenta einkaufen. Sie haben keine andere Wahl.
Die USA blockieren chinesische Robotaxi-Technologie kategorisch. Ab 2027 ist chinesische Software, ab 2030 auch chinesische Hardware verboten. Das Hauptargument: Nationale Sicherheit.
Was aber sicher auch mit reinspielt: Schutz der eigenen Industrie. Robotaxis werden ein Kostengeschäft. Wer am günstigsten skaliert, gewinnt. Und beim Skalieren wird niemand mit China mithalten können.
Wer seinen Markt jetzt für China öffnet, bei dem entsteht keine eigene Industrie mehr. Das ist den USA klar.
Europa könnte dasselbe tun wie China und die USA. Eine einzige Regel würde reichen: Wer in Europa autonom fahren will, muss europäische Technologie verwenden. Egal ob für das eigene Auto, das Robotaxi oder den Shuttle.
Das wäre eine politische Entscheidung. Sie würde über Nacht private Investitionen in eine europäische Industrie auslösen.
Sie wird aber nicht getroffen.
Bei der Batterie konnten wir die Folgen damals vielleicht nicht klar absehen. Diesmal wissen wir, wie es ausgeht. Und schauen trotzdem zu.
Verliert Europa den Anschluss bei Zukunftstechnologien?
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