Verbrenner-Aus aufweichen? Warum das die Auto-Krise nicht löst und wie Europa den Anschluss bei Software, KI und Batterien an China verliert.
Die Debatte ums Verbrenner-Aus greift zu kurz. Das Problem unserer Autoindustrie ist nicht das Jahr 2035, sondern der Rückstand bei Software, KI und Chinas Tempo. Das zeigt sich auch an Volkswagen.
Vor einigen Wochen war ich bei Markus Lanz. Es ging um viele Themen. Unter anderem um das Verbrenner-Aus 2035. Mal wieder.
Das nehme ich zum Anlass, das Thema mal ganzheitlich einzuordnen.
Es ist die gleiche Debatte, die wir seit Jahren führen. 2035 oder 2040. Aufweichen oder halten. Verbieten oder offenlassen. Und je länger ich zuhöre, desto sicherer bin ich mir: Wir streiten über das Falsche.
Heute geht es um 3 Dinge:
Philipp Raasch (10 Jahre Mercedes) analysiert jeden Sonntag, warum deutsche Autobauer gegen Tesla und China den Anschluss verlieren – sein Newsletter Der Autopreneur erreicht 45.000+ Abonnenten, hier kostenlos abonnieren. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Der Stand der Dinge:
Das wissen wir: Gerade erleben wir eine Krise in der Autoindustrie. Besonders in Deutschland.
In der Debatte klingt es oft so, als wäre das Verbrenner-Aus die Ursache und sein Kippen die Lösung. Das ist die falsche Analyse. Sie verknüpft zwei Dinge, die nichts miteinander zu tun haben.
Das Verbrenner-Aus greift 2035. Also in neun Jahren. Die Krise ist heute. Das eine kann das andere gar nicht ausgelöst haben. Und im Umkehrschluss kann das Einstampfen oder Aufweichen die Krise auch nicht lösen.
Die Krise hat zwei Ursachen. Beide haben nichts mit dem Datum 2035 zu tun:
Aufweichen löst keinen dieser beiden Punkte. Kippen auch nicht. Die Krise hat eine andere Ursache. Deshalb ist ein späteres Aus auch nicht die Lösung.
Das heißt nicht, dass Aufweichen sinnlos ist. Es kann der Industrie helfen. Nur anders, als die meisten denken.
Aber erst ein Reality-Check: Mal angenommen, wir kippen das Verbrenner-Aus komplett. Stoppt das die E-Autos? Nein. Sie setzen sich auch ohne Verbot durch.
Lange hatte das E-Auto echte Nachteile im Alltag. Vor allem: Reichweite und Ladezeiten. Anfangs haben deshalb vor allem Early Adopter gekauft, die diese Nachteile bewusst in Kauf genommen haben.
Heute sind diese Nachteile praktisch weg. Stand der Technologie ist:
Auch deutsche Modelle laden inzwischen in zehn Minuten und erreichen 800 km.
Damit fällt das Sachargument. Der Wettbewerb verschiebt sich zum Preis. Und der Massenmarkt entscheidet im Automotive immer nach Preis.
Wie schnell das geht, haben wir gerade live erlebt. Als in der Iran-Krise der Ölpreis nach oben ging, ist die Nachfrage nach E-Autos deutlich gestiegen.
Dahinter steckt ein einfacher Mechanismus. Stell dir eine X-Kurve vor:
Wo sich die beiden Kurven kreuzen, kippt der Markt. Und zwar schnell.
In China ist das schon passiert. Dort war 2025 mehr als die Hälfte aller Neuwagen elektrisch oder ein Plug-in-Hybrid. Ein Grund: In der Gesamtrechnung ist das E-Auto dort schon günstiger als der Verbrenner. In Europa erwarten wir die Preisparität je nach Klasse zwischen 2026 und 2028.
Das Ob ist also entschieden, offen ist nur das Wann.
Die EU kann beeinflussen, wie schnell es bei uns geht. Aber kippen wird der Markt sowieso. Und als Exportindustrie sitzt unser Geschäft ohnehin vor allem außerhalb der EU.
Also: Das E-Auto kommt. Aber man muss noch was verstehen: Das E-Auto ist nicht einfach ein Auto mit Elektromotor.
Es ist eine neue Produktkategorie, im Kern von Tesla erfunden. In China heißt sie Smart Car: ein Computer auf Rädern.
Deutlich wird das daran, was den Wert eines Autos ausmacht:
Die Batterie macht schon 30 bis 40 Prozent vom Wert eines Autos aus. Dazu kommen Software und Elektronik. Ihr Anteil steigt bis 2030 auf bis zu 40 Prozent des Fahrzeugwerts. Allen voran zählt die KI, die das Auto steuert.
Batterie, Software und KI zusammen machen also bald bis zu 80 Prozent aus. Was ein Auto klassischerweise ausgemacht hat: nur noch 20 Prozent. Die Mechanik wird zur Commodity. Und das ist blöderweise das, was wir am besten können.
Und mit dem Wert verschieben sich auch die Fähigkeiten, die man zum Bauen braucht. Und die fehlen uns.
Es gibt heute also zwei Autos:
Beim alten Auto sind wir vorne. Auch technologisch. Beim neuen hängen wir ein bis zwei Produktgenerationen zurück.
Das führt zu einem paradoxen Verhalten unserer Konzerne.
Die deutsche Autoindustrie verkauft auf allen großen Weltmärkten. Und diese Märkte kippen alle vom alten zum neuen Auto. Nur unterschiedlich schnell.
Wer überall seine Position halten will, muss überall beides können: das alte und das neue Auto gleichzeitig bauen. Zweigleisig fahren.
Das ist teuer.
Beim neuen Auto hängen wir zurück. Wir müssen also zwei Dinge gleichzeitig: aufholen und das alte Geschäft am Laufen halten. Dieser doppelte Aufwand belastet die Gewinne. Das sehen wir alle paar Monate in den Horrormeldungen rund um die Quartalszahlen.
Eigentlich müssten unsere Konzerne diese teure Phase also so kurz wie möglich halten wollen. Sie tun aber das Gegenteil. Sie wollen den Verbrenner länger verkaufen. Warum?
Der Grund ist das Geld. Das Aufholen bei Batterie, Software und KI kostet enorm viel. Und es kommt aus dem alten Geschäft, wo die Margen noch stimmen. Der profitable Verbrenner finanziert die Zukunftstechnologien.
Deshalb lobbyieren sie in Brüssel dafür, das Verbrenner-Aus zu kippen.
Auf den ersten Blick ist die Sache damit klar. Wenn unsere Industrie zurückhängt und das alte Geschäft den Aufbau des neuen finanziert, dann soll die Politik genau das stützen. Die Regeln lockern, dem alten Geschäft mehr Zeit geben, damit die Konzerne global aufholen. Klingt plausibel.
Nur: Es gibt einen Haken. Die Agenda der Konzerne und die Agenda der EU sind nicht deckungsgleich:
Dieses Aufholen findet aber nicht in Europa statt. Die deutschen Konzerne bauen und kaufen ihre Zukunftstechnologien vor allem in China und den USA. Sie bauen ihre Zukunft also dort, nicht in der EU. Damit wandern Wertschöpfung und Jobs ab. Und nichts garantiert, dass sie je zurückkommen.
Damit kippt eine alte Rollenverteilung. China war jahrzehntelang unsere Werkbank: Wir haben hier entwickelt und dort bauen lassen. Beim neuen Auto ist es umgekehrt. Die Entwicklung sitzt in China, nicht mehr bei uns.
Wie das konkret aussieht, zeigt Volkswagen. Es gibt heute nicht mehr einen VW, sondern drei:
Die Zukunft entsteht in den USA und in China. In Europa bleibt das alte Geschäft.
Also: Wir verdienen unser Geld mit dem Auto von gestern und entwickeln das Auto von morgen woanders.
Die EU kann den Konzernen helfen, das alte Geschäft länger laufen zu lassen. Aber damit finanziert sie indirekt auch die Verlagerung von Wertschöpfung ins Ausland. Das ist das Dilemma, in das sich die EU selbst manövriert hat.
Dass die EU überhaupt in dieses Dilemma gerät, liegt an einem tieferen Denkfehler in unserer Industriepolitik: Technologieoffenheit.
Ich hab mich 2020 selbstständig gemacht. Was ich als Unternehmer schmerzhaft lernen musste: Nur Fokus führt zum Erfolg. Wer 10 Dinge gleichzeitig versucht, wird in keinem richtig gut.
Für einen Markt ist Technologieoffenheit gut. Für ein einzelnes Unternehmen mit klarer Strategie schon weniger. Für einen Industriestandort ist sie das Gegenteil von Strategie.
Denn als Europa können wir nicht in jeder Branche mit China und den USA mithalten. Wir müssen uns entscheiden, worauf wir setzen, und dort besser sein als der Rest. Genau das ist Industriepolitik: festlegen, worauf ein Standort seinen Wohlstand baut.
Technologieoffenheit heißt, sich nicht zu entscheiden. Jack of all trades, master of none.
Und wer sich nicht entscheidet, ist am Ende überall nur Mittelmaß. Das reicht nicht gegen China und die USA. Dann hängen wir überall hinterher.
Das beste Argument dafür ist China selbst. China hat den Automarkt nicht gewonnen, weil es technologieoffen war. Im Gegenteil: Sie waren knallhart fokussiert.
Und das mit einem Ziel: konkurrierenden Wirtschaftsblöcken Wertschöpfung und Arbeitsplätze wegzunehmen. Uns.
Das hat voll funktioniert. VW, Bosch & Co verlagern gerade ihre wertvollsten Entwicklungsjobs nach China.
Genau sowas hat die EU mit dem Green Deal versucht. Das war nie nur Klimapolitik, es war von Anfang an auch eine industriepolitische Wette: eine eigene Industrie rund um grüne Zukunftstechnologien aufbauen. Batterie, E-Antrieb, Ladeinfrastruktur.
Exakt dieselbe Wette hat China gemacht, nur anders verpackt und ein gutes Jahrzehnt früher: als Teil seiner Fünfjahrespläne.
Um so eine Industrie aufzubauen, braucht es zuerst einen Marktimpuls:
Der Effekt ist derselbe: dem Markt eine klare Richtung vorgeben. Der chinesische Ansatz über Förderung statt Verbote ist nur charmanter, weil er weniger Gegenwehr erzeugt.
Nur hat China nach diesem ersten Schritt noch einen zweiten gemacht. Denn eine Industrie aufzubauen heißt zwei Dinge:
Der Unterschied steckt im zweiten Schritt:
Das Ergebnis: China hat diese grüne Industrie schneller und größer aufgebaut als wir. Jetzt drängt China mit genau dieser Industrie in unseren Markt.
Und profitiert dabei von den Regeln, die wir für unsere eigene Industrie gesetzt haben. So droht China, unsere Industrie abzuwürgen, bevor sie überhaupt abheben kann.
Und wir? Stecken mittendrin in der Zwickmühle. Ziel halten oder lockern? Die eigene Industrie schützen oder die Klimaziele? Wir wissen es selbst nicht und reagieren widersprüchlich:
Wir geben Gas und bremsen gleichzeitig.
So baut man keine Industrie auf. Genau das ist Technologieoffenheit.
Was mich an dieser Debatte am meisten ärgert: Wir haben aus einer nüchternen Wirtschaftsfrage einen Kulturkampf gemacht.
Und wenn sich zwei streiten, freut sich der Dritte. Der Dritte ist China.
Ich schaue bewusst neutral drauf, aus Sicht des Wirtschaftsstandorts. Und aus dieser Sicht ist der eigentliche Punkt ein ganz anderer als das Datum.
Die Zukunft des Autos entscheidet sich an drei Dingen: Batterie, Software, KI. Wer das nicht beherrscht, spielt in diesem Markt bald keine Rolle mehr. Da hängen wir zurück.
Aufweichen kann uns Zeit kaufen. Aber nur, wenn wir sie nutzen, um genau das aufzubauen. Sonst wird aus gekaufter Zeit verlorene Zeit.
Das genaue Datum ist zweitrangig. Ob 2035 oder ein paar Jahre später: Bis dahin kippen die meisten Märkte sowieso von selbst. Über den Preis, nicht über das Verbot.
Das eigentlich Beunruhigende ist das Muster dahinter. Unsere Industriepolitik ist fast immer reaktiv. Wir holen nach, was woanders schon entschieden ist. Statt vorauszudenken, was als Nächstes kommt.
Man sieht es an der Batterie. Vor 15 Jahren hat China angefangen, sich die Batterie-Wertschöpfungskette zu sichern. Heute kontrolliert es bis zu 90 Prozent davon. Wir versuchen uns jetzt gerade teuer aus der Abhängigkeit zu lösen.
Und währenddessen wiederholt sich der Batterie-Moment. Diesmal geht es um die KI, die das Auto steuert. Da werden die Karten gerade verteilt. Das hat hier aber noch niemand auf dem Schirm. In den USA und in China schon.
Wir kreisen zum x-ten Mal ums Verbrenner-Datum.
Was wir lernen sollten: Der Markt regelt das nicht mehr. Nicht gegen China und die USA. Dort regelt es nicht der Markt, sondern die Politik.
Wir müssen uns entscheiden: Was ist unsere Wette für die Zukunft? Und dann dranbleiben, auch wenn es mal unbequem wird.
Heute verwalten wir den Status quo. Wenn wir unsere Autoindustrie wirklich retten wollen, müssen wir das Gegenteil tun. Die Zukunft aufbauen. Und die Zukunft ist: Batterie, Software und KI.
PPS: Wer meinen Auftritt bei Markus Lanz sehen will, hier ist die ganze Folge in der ZDF-Mediathek. Mein Teil startet ab ca. Minute 75.
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