Bis 2035 will Potsdam vollständig mit erneuerbaren Energien heizen. Insgesamt fünf Tiefengeothermie-Anlagen sind dafür geplant. Die erste ist bereits in Betrieb. Am Montag hat die Bohrung für einer weiteren Anlage begonnen.
Geothermie Warmes Wasser einen Kilometer unter Potsdam
Von Ronja Bachofer
Hier ist alles eine Nummer größer. Riesige Bohrer aus Stahl mit Industriediamanten besetzt fressen sich ins Erdreich. 50 Zentimeter dicke Rohre liegen bereit, um anschließend unter der Erdoberfläche verlegt zu werden. Seit wenigen Tagen ist die sogenannte Tiefengeothermie-Anlage am Potsdamer Heizkraftwerk Süd im Bau. Der Bohrer dreht sich seitdem unermüdlich 24 Stunden am Tag in die Erde, an sieben Tagen die Woche. 600 Meter sind sie schon vorgedrungen: 250 Meter senkrecht nach unten, dann weiter mit etwa 30 Grad Neigung. Bisher lief es recht geschmeidig, jetzt wird das Gestein härter. Etwa drei bis vier Meter schaffen sie nun pro Tag. Wenn es gut läuft, etwas mehr.
"Vor der Schippe ist es dunkel"
Das Ergebnis soll am Ende ein 1.000 bis 1.500 Meter tiefes Loch sein. Dort unten befindet sich etwa 45 bis 50 Grad warmes Wasser – hoffentlich. Was genau sie vorfinden werden, weiß trotz vorheriger Messungen und Berechnungen niemand mit Sicherheit. "Vor der Schippe ist es dunkel", lautet ein alter Bergmannsspruch, der auch für die Bohrung nach Erdwärme gilt. Erst die tatsächlichen Bohrungen werden Gewissheit liefern.
Carsten Schulte, der technischer Geschäftsführer der Energie und Wasser Potsdam (EWP), ist optimistisch: "Wir gehen davon aus, dass wir fündig werden und es wieder eine erfolgreiche Bohrung wird. Zu 99,9 Prozent", sagt er. Alles andere wäre auch teuer. 78 Millionen Euro fließen in das Projekt, das zwei Bohrungen beinhaltet. Die EWP ist ein Tochterunternehmen der Stadtwerke Potsdam.
Vorbild Heinrich-Mann-Allee
Die Voraussetzungen sind gut. Das Gestein hier ist ähnlich wie in der Potsdamer Heinrich-Mann-Allee, wo die erste Anlage bereits in Betrieb ist. Seit Oktober 2025 beheizt sie 340 Wohnungen, die in einem neuen Quartier entstanden sind, rein mit Erdwärme. Rechnerisch könnten 6.000 Haushalte allein von dieser Anlage versorgt werden. Künftig soll deshalb ein zweiter Anlagenteil Erdwärme ins Fernwärmenetz einspeisen.
Von der neuen Anlage erhoffen sich die Verantwortlichen mindestens eine ähnliche Leistung. Ende dieses Jahres wird die Bohrung die gewünschte Tiefe erreichen. Dann erst weiß man, wie warm das Wasser tatsächlich ist. Im Juni 2028 soll die Anlage dann in Betrieb genommen werden. Die Einwohnenden können dann von der Erdwärme profitieren, etwa 15.000 Haushalte zusätzlich. Die Wärme wird zwar vermutlich nicht günstiger werden, aber der Preis soll immerhin gleich bleiben. 60 Prozent Potsdamerinnen und Potsdamer sind bereits an das Fernwärmenetz angeschlossen. Bis 2045 sollen es 80 Prozent werden.
Erdwärme als "Energiezukunft"
Zum offiziellen Start der Bohrungen ist auch Brandenburgs Wirtschaftsministerin Martina Klement (CSU) angereist. Nachdem Brandenburg in der ersten Phase der Energiewende mit dem Ausbau von Windkraftanlagen mehr als geliefert habe, sei es nun Zeit für das nächste Kapitel. Mit dem Projekt werde in Potsdam "Energiezukunft" geschrieben, so Klement in ihrer Rede. "Das ist ein wichtiger Schritt hin zu einer erfolgreichen Wärmewende: Unabhängig, zukunftssicher und klimaschonend", sagt sie. Potsdam nehme dabei eine Vorreiterrolle an. Auch außerhalb der Landeshauptstadt ist das Interesse groß: In Neuruppin und Prenzlau beispielsweise wurde ebenfalls schon nach Wärme gebohrt.
Energie aus Geothermie ist nahezu CO₂-frei, dauerhaft verfügbar und sie zu fördern verbraucht nur wenig Energie. Neben der Wasserkraft gilt sie als umweltfreundlichste Art der Energieerzeugung. Kein Wunder also, dass Potsdam gerade auf diese Form der Energieerzeugung setzt. 40 Prozent der benötigten Energie will die Stadt künftig aus dem Boden holen. Helfen sollen insgesamt fünf Tiefengeothermie-Anlagen mit einer Gesamtleistung von rund 25 Megawatt.
Geothermie Kreislauf (Quelle: rbb)
So funktioniert Geothermie
Um Wärme aus der Erde zu gewinnen, gibt es zwei in sich geschlossene Kreisläufe: Beim Erdwärmekreislauf wird an zwei Stellen ein Loch in die Erde gebohrt. Durch eines der Bohrlöcher wird etwa 45 Grad warmes Wasser aus hunderten Metern Tiefe an die Oberfläche gepumpt und in einen sogenannten Wärmetauscher geleitet. Dort überträgt es seine Wärme auf das Wasser des Fernwärmenetzes, ohne dass sich die beiden Wasserkreisläufe vermischen. Das Thermalwasser kühlt dadurch ab und wird über die zweite Bohrung etwa einen Kilometer entfernt wieder tief in die Erde gepumpt. Es ist dann nur noch circa 15 Grad warm. Tief unter der Erde erwärmt es sich erneut und kann wieder zur Wärmegewinnung genutzt werden.
Der Kreislauf des Fernwärmewassers beginnt im Wärmetauscher. Durch das Thermalwasser wird es erwärmt. Eine Wärmepumpe heizt das Wasser weiter auf circa 90 Grad auf. Anschließend fließt es ins Leitungsnetz und versorgt die Wohnhäuser mit Wärme. Von dort aus fließt es nach der Benutzung abgekühlt zum Wärmetauscher zurück und wird erneut erhitzt. Dadurch, dass das Wasser aus der Erde bereits warm ist, wird weniger Energie benötigt, um es zu erhitzen. Je wärmer das Wasser, desto besser.
Für 70 Jahre warmes Wasser
Wenn die jetzt gestarteten ersten beiden ersten Bohrungen erfolgreich sind, könnte es noch eine dritte geben. Diese würde tiefer gehen, etwa 2.000 Meter weit unter die Erde. Die Hoffnung: Dort könnte es zwar weniger, aber dafür wärmeres Wasser um die 60 Grad geben. Vermischt mit dem 45 Grad warmen Wasser müsste die Wärmepumpe weniger Arbeit leisten, um es auf 90 Grad zu bringen. Und auch die Nutzungsdauer könnte sich erhöhen. Eine Anlage allein kann etwa 50 Jahre lang betrieben werden. Mit der Zeit sinkt die Temperatur im Erdinneren ab, sodass es dann eine neue Bohrung bräuchte. Zusammen mit der dritten Bohrung könnte hier deutlich länger, etwa 70 Jahre, Erdwärme gewonnen werden.
Sendung: Antenne Brandenburg vom rbb, 13.07.2026, 16:30 Uhr
Audio: Antenne Brandenburg vom rbb, 13.07.2026, Luise Burkhardt
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