Am Anfang stand ein Versprechen: Die Lausitz sollte durch den Kohleausstieg zu einer nachhaltigen und wirtschaftsstarken Zukunftsregion entwickelt werden. Sechs Jahre später wächst die Skepsis. Ein Branchentreffen in Cottbus wird zum Mutmacher.
"Decarbon Days" in Cottbus Ein Zukunftstreffen in einer Region mit schwerem Emissionserbe
Von Andreas Rausch
Akteure aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft kommen am Mittwoch an der Cottbuser Universität BTU zu den "Decarbon Days" zusammen. Zwei Tage lang beraten sie über Strategien und Technologien zur Dekarbonisierung der Wirtschaft - einer Wirtschaft ohne die Kohle. Sie treffen sich in der Stadt, die das Institut der deutschen Wirtschaft jüngst auf den ersten Platz gesetzt hatte für die dort stattfindende Entwicklung - unter bundesweit 400 Landkreisen und kreisfreien Städten. Nirgendwo sonst war in den vergangenen zwei Jahren Ähnliches zur Stärkung neuer Branchen geleistet worden.
Parallel dazu wird am Mittwoch im Wirtschafts- und Energieausschuss des Bundestags darum gerungen, dass Ostdeutschland und damit auch die Lausitz nicht den Anschluss auf einem sehr wichtigen Energiesektor verliert: beim Neubau wasserstofffähiger Gaskraftwerke. Dieser Widerspruch steht beinahe symbolhaft für die aktuellen Schwierigkeiten der Branche und der Region. "Willkommen in der Boomtown Cottbus! Der dynamischsten Stadt Deutschlands", heißt es in der Einladung der Veranstaltung.
Viel Neues auf dem steinigen neuen Weg
Allein nach Cottbus fließen im Zuge des Kohleausstiegs rund fünf Milliarden Euro Fördermittel, unter anderem für die Universitätsmedizin und einen Wissenschaftspark. Dort sollen jene Innovationen entwickelt und umgesetzt werden, die das Strukturstärkungsgesetz von 2020 als Grundlage für den Wandel der Lausitz definiert.
Bis 2038 bekommt die brandenburgische Lausitz 10,3 Milliarden Euro Fördermittel von Bund und Land, um den Ausstieg aus fossiler Energieerzeugung in eine nachhaltige Perspektive zu ermöglichen. Rund um die BTU haben sich einige Forschungsinstitute als Treiber angesiedelt, die sich zum Beispiel mit alternativen Antrieben für Flugzeuge beschäftigen, mit CO2-armen Industrieprozessen, mit Pilotanlagen für Hochtemperatur-Wärmepumpen oder auch dem Hochlauf von Kraftstoffen aus grünem Wasserstoff. Spannend ist jede Einrichtung für sich. Doch können sie den Wandel des Kohlereviers in eine zukunftsfähige Industrieregion nachhaltig befördern?
Ein "Net Zero Valley" - bei der Umsetzung aber holpert's
Das kommunale Bündnis "Lausitzrunde" hatte sich deshalb mit regionalen Wirtschaftsvertretern frühzeitig um die Ausweisung der Region als erstes "Net Zero Valley" Europas bemüht.
Die Grundlage dafür schuf eine 2024 in Kraft getretene EU-Verordnung. Ihr Ziel ist es, Europa bei CO2-freien und -armen Technologien unabhängiger von globalen Liefer- und Marktschwankungen zu machen. Dafür sollen ausgewählte Regionen gezielt gefördert und Ansiedlungsverfahren weitgehend entbürokratisiert werden.
Nach dem Net-Zero-Industrie Act wurde die Lausitz Ende 2025 als erste europäische Region dafür ausgewiesen. Nur ist praktisch davon bisher wenig zu spüren. Die Umsetzung der ehrgeizigen entbürokratisierenden Ziele hängt offenbar weiter in bürokratischen Verfahren.
Dekarbonisierung setzt auf möglichst CO2-freie Technologien, auch bei den "Decarbon Days" in Cottbus. Als überzeugendste Alternative zu fossilen Energieträgern gilt weiter grüner Wasserstoff, der mittels Elektrolyse durch die Auspaltung von Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff entsteht. Doch die Lausitz wird an das künftige Kernversorgungsnetz für diesen Stoff nur unzureichend angebunden, das stellt vor die "innovative Zukunft" eine große Hürde.
Gesetzentwurf mit Fallstricken für die Lausitz
Dazu kommt die Debatte um das Stromversorgungssicherheitsgesetz, kurz StromVKG. Der aktuelle Gesetzesentwurf sieht für den Südwesten der Republik die bevorzugte Behandlung bei den anstehenden Ausschreibungen vor, weil dort die Industriedichte besonders hoch ist und deshalb Versorgung und Verbrauch dicht beieinander liegen müssten. Der Osten, auch die Lausitz, wird im Gesetz nicht erwähnt. Dagegen laufen seit Wochen Politiker, Wirtschaftsvertreter und Gewerkschaften Sturm. Ohne modernes Kraftwerk - keine Zukunft für die Energieregion Lausitz. Ohne zukunftsfähige Energieerzeugung - keine Investitionen in nachhaltige, dekarbonisierende Technologien.
So sind beispielsweise die Pläne für den Bau einer Anlage für grünes Kerosin auf dem ehemaligen Flugplatz in Drewitz ins Stocken geraten. Für die geplante Kapazität konnte nicht garantiert werden, dass die notwendige Menge klimafreundlich erzeugten Stroms rund um die Uhr zuverlässig zur Verfügung steht. Hinzu kommt, dass gezielte Bundesförderungen für derartige Projekte seit Monaten auf Eis liegen.
Der Wandel - nur in Teilen eine Erfolgsgeschichte
Sechs Jahre nach dem Beschluss zum Kohleausstieg ist der Wandel der Lausitz in Teilen eine Erfolgsgeschichte. Ob die Rechnung am Ende aufgeht und eine nachhaltige Zukunft ohne Kohle entsteht, dafür gibt es im Moment noch zu viele Unbekannte.
Sechs Jahre nach dem Beschluss zum Kohleausstieg ist der Wandel der Lausitz in Teilen eine Erfolgsgeschichte. Ob die Region jedoch dauerhaft eine tragfähige Zukunft ohne Kohle entwickeln kann, bleibt angesichts vieler offener Fragen ungewiss.
Die "Decarbon Days" verstehen sich als vernetztes Schaufenster in eine klimafreundliche Zukunft der Region. Die entscheidenden Weichen auf dem Weg dorthin werden nicht in der Lausitz gestellt.
Sendung: rbb24 Brandenburg Aktuell, 24.06.2026, 19:30 Uhr
Video: rbb24 Brandenburg Aktuell, 24.06.2026, Andreas Rausch
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