Berlin soll bis 2045 klimaneutral werden. Ein entscheidender Faktor dabei: die Fernwärme. Wie sie fossilfrei werden kann, hat das zuständige Landesunternehmen BEW im neuen Dekarbonisierungs-Fahrplan vorgestellt.
Neuer Fahrplan Wie die Fernwärme in Berlin klimaneutral werden soll
Von Pauline Pieper
Wo im Heizkraftwerk Klingenberg einst der Braunkohlekessel stand, sieht man jetzt eine freie Fläche. Seit 2017 wird hier in Lichtenberg keine Kohle mehr verfeuert, seit vier Jahren läuft der Rückbau. "Wir schaffen Platz für neue Technologien", erklärt Carolin Süß beim Rundgang über das Gelände. Sie ist zuständig für den Umbau bei laufendem Betrieb.
Momentan versorgt das Heizkraftwerk 700.000 Menschen mit Fernwärme, erzeugt aus Erdgas. Bis 2045 soll die Fernwärme nur noch aus erneuerbaren Energiequellen entstehen, und zwar etwas anders als bisher geplant. Wie der Weg dahin aussehen soll, zeigt das landeseigene Unternehmen Berliner Energie und Wärme GmbH (BEW) im neuen Dekarbonisierungs-Fahrplan.
"Der neue Fahrplan kennt drei große Schritte", sagt BEW-Chef Christian Feuerherd. Zunächst soll bis 2030 an keinem Standort mehr Kohle verbrannt werden. 40 Prozent der Fernwärme soll aus erneuerbaren Energien gewonnen werden. Der Anteil aus Biomasseanlagen, die etwa Holz verbrennen, soll dabei geringer sein als im letzten Fahrplan von 2023. Stattdessen will die BEW auf sogenannte Power-to-Heat-Anlagen setzen, die überschüssigen Strom in Wärme umwandeln.
Wasserstoff oder nicht?
Den zweiten Schritt markiert das Jahr 2035. Bis dahin soll der Anteil erneuerbarer Energien auf 50 Prozent ansteigen. Dabei plant die BEW mit fünf Prozent Wärme aus Geothermie. Zu diesem Zeitpunkt sollen die CO2-Emmissionen im Vergleich zum Jahr 1990 um 85 Prozent gesunken sein. Wasserstoff ist im neuen Plan, anders als zuvor, noch nicht Teil des Energiemixes.
Ab 2035 geht das Unternehmen von mehreren möglichen Pfaden aus. Zum einen könnte die BEW ab Mitte der 2030er-Jahre verstärkt auf Wasserstoff setzen. Dafür bräuchte es laut BEW-Geschäftsführer Feuerheld eine "nationale Kraftanstrengung", damit dieser ausreichend und zu wettbewerbsfähigen Preisen in Berlin zur Verfügung steht.
Giffey: Wärmewände wirtschaftlich tragfähig
Zum anderen könnte das Unternehmen verstärkt auf lokale Wärmequellen und Strom setzen. Dafür müsste das Stromnetz noch mehr ausgebaut werden und mehr Abwärme-Potenziale gefunden werden, etwa von Rechenzentren. "Der plausibelste Pfad befindet sich in der Mitte", sagt Feuerheld. Eine endgültige Entscheidung müsse man aber erst 2035 fällen. Bis dahin könnten die technologischen Entwicklungen noch so viele Veränderungen mit sich bringen, dass eine Festlegung aktuell nicht möglich sei.
BEW-Aufsichtsratsvorsitzende und Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) betonte, die Wärmewende sei nicht nur ökologisch notwendig, sondern auch wirtschaftlich tragfähig. Das Land Berlin hatte das mehr als 2.000 Kilometer lange Fernwärmenetz im Frühjahr 2024 vom Energiekonzern Vattenfall übernommen. Diese Rückführung der Fernwärme in Landeshand bezeichnete Giffey als "wichtigste klimapolitische Weichenstellung dieses Jahrzehnts".
Das erste Geschäftsjahr 2025 hat das Unternehmen mit einem Überschuss von 80,2 Millionen Euro eigenen Angaben zufolge erfolgreich abgeschlossen.
Grüne: So viel Holz steht nicht zur Verfügung
Die Grünen aus der Opposition überzeugt der neue Fahrplan zur Dekarbonisierung nicht. Spitzenkandidat Werner Graf lobte zwar die Entscheidung, am Standort Klingenberg kein Biomassekraftwerk mehr zu bauen. "Aber wir haben mit Reuter West immer noch ein Kraftwerk, das ungefähr dreimal den Tiergarten im Jahr verbrennen muss. Und das ist immer noch ein Fehler", so Graf. So viel Holz stünde nicht zur Verfügung, müsse teuer eingekauft werden und werde hohe Energiekosten für die Berlinerinnen und Berliner mit sich bringen. Der Dekarbonisierungs-Fahrplan sieht aktuell ab 2035 einen Biomasseanteil von 15 Prozent vor.
Wirtschaftssenatorin Giffey verteidigte die Planung. Trotz Umstellung auf erneuerbare Energien müsse die Versorgungssicherheit der Menschen in der Stadt sichergestellt werden. "Wenn wir so viel an Energie und Brennstoffen rausnehmen, müssen die ersetzt werden", so Giffey. Das gehe nur schrittweise. Perspektivisch wolle das Land aus der Biomasse aussteigen, noch lasse sich aber nicht sicher sagen, ob künftig etwa genug Wasserstoff vorhanden sein wird.
Bereits jetzt handele es sich bei den geplanten Investitionen der BEW um die größte Investition in die Dekarbonisierung in Berlin: Bis 2030 will das Unternehmen 3,5 Milliarden Euro ausgeben. Das Land unterstützt mit 550 Millionen Euro aus dem Berliner Klimapakt.
Sendung: rbb24 Abendschau, 26.05.2026, 19:30 Uhr
Video: rbb24 Abendschau, 26.05.2026, Anja Meyer
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