Die Golfstaaten exportieren wieder Öl wie vor dem Krieg. Ist der Sturm damit endlich vorüber?
Die Golfstaaten exportieren wieder Öl wie vor dem Krieg. Ist der Sturm damit endlich vorüber?
Sieben Monate nach Beginn der massiven Störungen rund um die Straße von Hormus exportieren die Golfstaaten – ohne Iran – laut dem Datenanbieter Kpler wieder mindestens 16,5 Millionen Barrel Rohöl pro Tag – ungefähr so viel wie vor dem Krieg. Nur nimmt das Öl heute teilweise erstaunliche Umwege.
Für Verbraucher ist das zunächst eine gute Nachricht, jedoch ist es noch lange keine Entwarnung. Ganz im Gegenteil.
Das neue System funktioniert anders als vor dem Krieg. Saudi-Arabien pumpt große Mengen Öl quer durch das Land zur Hafenstadt Yanbu am Roten Meer. Die Vereinigten Arabischen Emirate nutzen ihre Pipeline nach Fujairah außerhalb von Hormus. Andere Ladungen fahren zunächst mit Tankern durch die Meerenge und werden anschließend vor Oman auf ein zweites Schiff umgeladen. So entsteht ein neues Exportnetz aus Pipelines, Großtankern und sogenannten Ship-to-Ship-Transfers.
Interessant ist: Der Umweg kostet kaum mehr Zeit. Ein Tanker von Ras Tanura am Persischen Golf nach Rotterdam benötigt über Hormus und den Suezkanal rechnerisch knapp 18 Tage reine Fahrzeit. Vom saudischen Yanbu nach Rotterdam sind es aufgrund der Lage am Roten Meer ungefähr elf Tage auf See.
Hinzu kommen allerdings Kosten für Pipeline-Transport, Zwischenlagerung und Verladung. Bei Umladungen vor Oman entstehen außerdem zusätzliche Wartezeiten – vor allem dann, wenn Tanker fehlen. Kpler zählt inzwischen mindestens 63 Großtanker im Shuttle-Verkehr. Ein Kern dieser Flotte absolviert seine Umläufe etwa alle 16 Tage.
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Was bedeutet das für die Ölversorgung Europas? Das Öl kommt zwar wieder aus der Region heraus, aber das System ist komplizierter und teurer geworden. Ende September meldete Reuters bereits Engpässe bei Schiff-zu-Schiff-Transfers im Golf von Oman und extrem hohe Charterkosten für Großtanker.
Die Antwort auf die Frage, wann Benzin und Diesel endlich wieder billiger werden, ist und bleibt unbefriedigend.
Kurzfristig spricht zwar einiges dafür – allerdings aus einem zusätzlichen Grund. Seit dem 1. Oktober gilt in Deutschland eine Senkung der Energiesteuer auf Kraftstoffe. Der ADAC rechnet damit, dass Benzin und Diesel in den ersten Oktobertagen sukzessive um rund 16,7 Cent je Liter günstiger werden, sofern die Entlastung vollständig weitergegeben wird. Am 29. September kostete Super E10 bundesweit im Schnitt noch 2,258 Euro, Diesel 2,409 Euro.
Doch auch der Rohölmarkt hat sich zuletzt etwas entspannt. Brent kostete am Donnerstag rund 99 Dollar je Barrel. Ende September waren zeitweise mehr als 105 Dollar fällig.
Es gibt jedoch ein großes Aber. Nur weil wieder mehr Rohöl aus der Golfregion exportiert wird, bedeutet das nicht, dass hierzulande die Dieselpreise purzeln.
Die Raffineriekapazitäten bleiben weiter angespannt, Russland beschränkt Diesel-Exporte und China hat seine Treibstoffexporte für Oktober weitgehend gestoppt. Gerade Diesel kann deshalb teuer bleiben, obwohl Rohöl günstiger wird.
Auch hier gilt: Entspannung ja, Entwarnung nein. Bei der Inflation könnte billigeres Öl vergleichsweise schnell für Entlastung sorgen – allerdings zunächst vor allem auf dem Papier. Laut Statistischem Bundesamt lag die deutsche Inflationsrate im September bei 3,3 Prozent. Energie war dabei 14,9 Prozent teurer als ein Jahr zuvor. Fallen Öl-, Benzin- und Dieselpreise, drückt das deshalb unmittelbar die Gesamtinflation.
Die hartnäckigeren Preistreiber verschwinden damit aber nicht. Die Kerninflation ohne Energie und Lebensmittel lag zuletzt noch bei 2,4 Prozent. Mieten, Dienstleistungen oder Löhne reagieren deutlich langsamer auf sinkende Ölpreise.
Umgekehrt können hohe Energiekosten über Transport und Produktion erst mit Verzögerung in andere Preise durchsickern. Billigeres Öl würde die Inflationsrate also dämpfen – eine schnelle Rückkehr zu insgesamt stabilem Preisauftrieb garantiert es nicht.
Zumindest die unmittelbare Gefahr eines globalen Versorgungslochs ist deutlich kleiner geworden. Die Golfstaaten haben gezeigt, dass sie einen erheblichen Teil ihrer Ölexporte auch unter schwierigen Bedingungen aufrechterhalten können.
Doch politisch ist die Krise damit keineswegs vorbei. Vor allem der Iran gerät wirtschaftlich stärker unter Druck, weil das Land Medienberichten zufolge sein eigenes Öl kaum noch exportieren kann, während die Nachbarstaaten ihre Lieferungen zunehmend an Hormus vorbeischleusen. Die US-Blockade zeigt offenbar Wirkung.
Iran exportierte vor dem Krieg rund 1,7 Millionen Barrel pro Tag. Diese Mengen fehlen heute weitgehend auf dem Markt. China muss deshalb stärker auf russisches und anderes Rohöl ausweichen und konkurriert dabei mit Käufern etwa aus Indien.
Das Problem reicht deshalb weit über Iran hinaus. Je weniger iranisches Öl China erreicht, desto stärker muss Peking auf andere Lieferanten ausweichen. Damit steigt der Wettbewerb um russisches, arabisches oder südamerikanisches Rohöl – und mit ihm der Preisdruck für andere Käufer. Aus einem iranischen Exportproblem wird so schrittweise ein globales Angebotsproblem.
Für den Ölmarkt ist entscheidend: Die Logistik hat sich stabilisiert, das geopolitische Risiko nicht – auch wenn die jüngsten Exportzahlen den Anschein machen.
Schon eine neue Eskalation könnte die mühsam erreichte Entspannung schnell wieder zunichtemachen. Es ist also möglicherweise eher die Ruhe vor dem nächsten Sturm.
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