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Nach Spritpreis-Explosion: Warum Merz’ Preistreiberei-Vorwurf zu kurz greift

Дата публикации: 17-09-2026 04:46:21

Unser Autor erklärt, was wirklich hinter dem erneuten Preisanstieg steckt – und was eine Übergewinnsteuer oder ein Preisdeckel bewirken könnte.

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Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


„Ja, wir werden auf Preistreiberei reagieren“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz angesichts der Rekordpreise an deutschen Tankstellen. Finanzminister Lars Klingbeil bläst in dasselbe Horn. Er wirft den Mineralölkonzernen vor, die Krise auszunutzen und die „Abzocke voranzutreiben“.

Ein Liter Super E10 kostet inzwischen rund 2,29 Euro. Was die Bundesregierung dagegen unternehmen will, ist bislang offen. Eine Übergewinnsteuer lehnt Merz ab; andere Steuern und Abgaben bleiben hingegen mögliche Stellschrauben.

Dänemarks Gulaschsteuer

Das Unbehagen über außergewöhnliche Gewinne in einer Krise ist nachvollziehbar und nicht neu. Bereits 1915 führte das neutrale Dänemark eine der ersten europäischen Übergewinnsteuern ein. Sie wurde als „Gulaschsteuer“ bekannt, benannt nach den sogenannten Gulaschbaronen, die während des Ersten Weltkriegs mit Lebensmittelexporten nach Deutschland hohe Gewinne erzielten. In der frühen Phase des Krieges führten insgesamt 22 Länder Formen einer Übergewinnsteuer ein. Der Internationale Währungsfonds beschreibt die damalige Debatte mit einer zeitgenössischen Formulierung: Es ging um das Geschäft mit dem Elend der Welt.

Heute, mehr als 100 Jahre später, erzeugt der Iran-Krieg ein ähnliches Unbehagen an der Zapfsäule. Während Autofahrer unter hohen Energiepreisen leiden, melden große Ölkonzerne massive Gewinnsteigerungen. ExxonMobil verdiente im zweiten Quartal 2026 rund 14,5 Milliarden Dollar, gut doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. Shell meldete bereinigte Quartalsgewinne von 9,8 Milliarden Dollar. TotalEnergies kam auf sechs Milliarden Dollar bereinigten Nettogewinn.

Dennoch bleibt die entscheidende Kausalitätsfrage: Sind die hohen Gewinne der Mineralölindustrie eine wesentliche Ursache der gestiegenen Benzinpreise, oder sind beide zumindest teilweise Folgen derselben geopolitischen Knappheit?

Zwei Fragen, zwei Antworten

Ökonomisch sollten zwei Fragen getrennt voneinander gestellt werden. Erstens, wer profitiert von einer Knappheit. Und zweitens, wodurch steigt der Preis eines knapper gewordenen Gutes.

Ein Ölkonzern kann bei weitgehend unveränderten Förderkosten davon profitieren, dass der Weltmarktpreis für Öl steigt. Auch Raffinerien können höhere Margen erzielen, wenn die Nachfrage nach Benzin oder Diesel stärker ist als die verfügbare Raffineriekapazität. Handel und Logistik können zusätzliche Quellen der Profitabilität sein. Der Internationale Währungsfonds bezeichnet Gewinne, die aus einem unerwarteten Ereignis wie einem Krieg, einer Pandemie oder einer Naturkatastrophe entstehen, als Windfall Profits. Ob und wie solche Gewinne besteuert werden sollten, ist eine legitime Verteilungsfrage. Sie beantwortet jedoch nicht die zweite Frage: Warum wird Benzin an der Zapfsäule teurer?

Ein vereinfachtes Zahlenbeispiel illustriert die Preisdynamik. Nehmen wir an, Rohöl, Raffination und andere unmittelbar produktbezogene Kosten eines Liters Benzin betragen vor der Krise 50 Cent. Der Vertrieb verdient daran fünf Cent. Die übrigen Kosten und Abgaben lassen wir zunächst unverändert.

Die fünf Cent sind keine Behauptung über den exakten aktuellen Gewinn eines Mineralölkonzerns. Sie sind eine plausible Rechengröße. Eine wissenschaftliche Untersuchung des deutschen Tankstellenmarktes ermittelt für die Jahre 2015 bis 2020 eine durchschnittliche Bruttomarge von rund 7,4 Cent je Liter. Aus ihr müssen noch Vertriebskosten bezahlt werden. Eine aktuelle Branchenrechnung weist für E10 einen Restblock von etwa zehn Cent für Transport, Lagerung, Verwaltung, Vertrieb, Beimischung und Gewinn zusammen aus. Fünf Cent reiner Vertriebsgewinn sind damit für ein Gedankenexperiment jedenfalls eine plausible Annahme.

Verteuert die geopolitische Krise nunmehr den produktbezogenen Kostenblock von 50 auf 80 Cent und bleibt der Gewinn des Unternehmens unverändert bei fünf Cent, erhöht sich der Vorsteuerpreis um 30 Cent. Die Mehrwertsteuer auf diese zusätzlichen 30 Cent beträgt weitere 5,70 Cent. An der Zapfsäule wird aus dem 30-Cent-Kostenschock somit eine Preissteigerung von 35,70 Cent. Bis hierhin hat das Unternehmen seinen Gewinn um keinen einzigen Cent erhöht.

Nicht zu bremsen: die Preise für Diesel und Benzin

Nicht zu bremsen: die Preise für Diesel und Benzin

© Wolfgang Maria Weber/Imago

Nullgewinn im Vertrieb

Man kann das Gedankenexperiment noch weiter ausbauen. Nehmen wir an, der Mineralölvertrieb verzichtet aus Solidarität vollständig auf seinen bisherigen Vertriebsgewinn. Aus fünf Cent werden null.

Vor der Krise lagen Kosten und Gewinn zusammen bei 55 Cent. Nach dem Kostenschock betragen allein die Kosten 80 Cent. Der Nettopreis steigt deshalb selbst bei Aufgabe des kompletten Vertriebsgewinns der Ölkonzerne noch um 25 Cent. Darauf kommen 4,75 Cent zusätzliche Mehrwertsteuer. Der Verbraucher zahlt damit 29,75 Cent mehr, obwohl der angenommene Vertriebsgewinn vollständig verschwunden ist. Das Rechenbeispiel zeigt: Selbst wenn der angenommene Vertriebsgewinn vollständig verschwindet, bleibt der 30-Cent-Kostenschock bestehen und wird weiterhin nahezu vollständig an die Konsumenten weitergegeben.

Die Mehrwertsteuer illustriert noch eine andere Besonderheit. Sie beträgt 19 Prozent des Nettopreises. Steigt dieser durch höhere Weltmarkt- oder Produktpreise, erhöht sich automatisch auch der Steuerbetrag pro verkauftem Liter. Jeder weltmarktgetriebene zusätzliche Euro im Nettopreis wird durch die Mehrwertsteuer auf 1,19 Euro verstärkt. Damit entpuppt sich der Fiskus pro verkauftem Liter nicht nur als heimlicher Nutznießer der Ölkrise, sondern verstärkt auch noch deren Wirkung für den Konsumenten.

Was ein Preisdeckel bewirkt und was nicht

Eine Übergewinnsteuer kann außergewöhnliche Profite in Krisen teilweise abschöpfen; sie beantwortet damit jedoch primär eine Verteilungsfrage und macht Rohöl oder Raffineriekapazität nicht billiger. Ein Preisdeckel kann verhindern, dass gestiegene Kosten durch zusätzliche Margen weiter verstärkt werden; den höheren Rohöl- oder Produktpreis selbst beseitigt er nicht. Direktzahlungen ändern den Benzinpreis gar nicht, sondern gleichen einen Teil der Belastung bestimmter Haushalte aus. Eine Senkung von Steuern oder Abgaben reduziert den Endpreis unmittelbar, hat dafür aber fiskalische oder klimapolitische Kosten. Keine dieser Maßnahmen lässt die reale Knappheit verschwinden.

Die ursprüngliche, kriegsbezogene dänische Gulaschsteuer von 1915 wurde übrigens verlängert, verschärft und auf eine breitere Bemessungsgrundlage gestellt. Die Einnahmen für den dänischen Fiskus stiegen von 6,1 Millionen Kronen in 1915/16 auf über 170 Millionen Kronen in 1919/20. Warum Übergewinnsteuern für Finanzminister bis heute eine gewisse Anziehungskraft besitzen, lässt sich daran immerhin erahnen.

Hohe Krisengewinne und hohe Benzinpreise sind nicht dasselbe Problem. Wer beides mit einem Narrativ über „Preistreiberei“ und „Abzocke“ gleichsetzt, macht es sich zu einfach.

Fidelio Tata ist Professor für Finanzwissenschaft an der International School of Management.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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