Wer Antisemitismus bekämpfen will, muss aufhören, ihn kleinzureden. Der Ex-Chef der Linken macht dabei eine besonders schlechte Figur.
In den vergangenen zwei Wochen ist eine Menge Unsinn geredet worden über das sehr reale Problem des Antisemitismus in der Linkspartei. Ärgerlich war etwa die Behauptung der SPD-Chefin Bärbel Bas, die Linkspartei sei möglicherweise „in großen Teilen antisemitisch unterwegs“. Eine solche Pauschalisierung wird dem Problem nicht gerecht. Bas tut damit den Betroffenen von Antisemitismus keinen Gefallen.
Skandalös ist allerdings auch die Krisenkommunikation der Linkspartei. Es wird abgestritten, kleingeredet, abgelenkt. Aufklärung und Transparenz werden versprochen, bleiben dann aber aus. Besonders negativ fällt dabei Jan van Aken auf. Der ehemalige Parteichef setzt sich ins Fernsehen und offenbart erneut sein spezielles Verhältnis zur Wahrheit.
Bei „Maischberger“ behauptete er etwa, Berlins ehemaliger Kultursenator Klaus Lederer sei überhaupt nicht wegen des miserablen Umgangs mit Antisemitismus aus der Partei ausgetreten: „Er hatte ganz andere Gründe …“ Etwas anderes zu behaupten, sei „eine Lüge“.
Dabei weiß gerade Jan van Aken sehr genau, dass es die Duldung von Antisemitismus in den eigenen Reihen war, die Klaus Lederer zum Austritt bewegte. Er hat es van Aken damals selbst geschildert, in einem persönlichen, ausführlichen Gespräch vor Zeugen. Auch in seiner Austrittserklärung nannte Lederer ausdrücklich die Positionierung zum Antisemitismus als einen entscheidenden Streitpunkt.
Bei Jan van Aken ist dies ein Muster. Nach dem Bundesparteitag in Halle im Oktober 2024 trat Henriette Quade aus der Partei aus. Sie erklärte damals, die Partei müsse dem „unerträglichen Antisemitismus in den eigenen Reihen mit Klarheit begegnen, mit Gegenwehr“. Dazu müsse diese „das Schweigen der Vorstände und Parteistrukturen brechen, das Wegschauen, das Versagen im Kampf gegen Judenhass im eigenen Laden“.
Ausdrücklich kritisierte Quade den auf dem Parteitag beschlossenen Antrag „Deeskalation und Abrüstung in Nahost“: Dieser suche die Ursachen des Nahostkonflikts allein in Besatzung und Siedlungsbau, nicht aber im gegen Israel gerichteten Vernichtungsantisemitismus.
Und was machte Jan van Aken? Er erklärte den Austritt gegenüber der Presse mit Quades mutmaßlicher Gefühlslage: „Ich bin mir sicher, das hat sehr, sehr viel mit Emotionen zu tun.“ Inhaltlich und fachlich sehe er überhaupt nicht, was Henriette Quade an dem beschlossenen Antrag auszusetzen haben könne.
Dabei war gerade Jan van Aken wiederholt vor Antisemitismus in den eigenen Reihen gewarnt worden. Unter anderem hatte er schon vor seiner Wahl zum Parteichef ein Dossier erhalten, in dem Parteifreunde ausführlich und sehr präzise Fälle von Antisemitismus dokumentiert und die Verantwortlichen benannt hatten. Es ging um konkrete Vorgänge in den eigenen Strukturen und deren Zusammenarbeit mit radikalen Israelfeinden. Dokumentiert war auch, wie Akteure, die das Hamas-Massaker verherrlichten oder die Zerstörung Israels forderten, von Parteigliederungen als Referenten eingeladen wurden.
Als van Aken kurz darauf zum Parteichef gewählt wurde und auf dem Bundesparteitag in Halle seine erste Rede in neuer Funktion hielt, behauptete er ernsthaft: „Niemand hier ist Antisemit, und wir weisen das zurück.“
Wer das Problem derart für nicht existent erklärt, lässt diejenigen, die es weiter ansprechen, als Spalter und Nestbeschmutzer erscheinen.
Auf Anfrage des Tagesspiegels erklärt van Aken nun, seine Behauptung „Niemand hier ist Antisemit“ sei tatsächlich verkürzt gewesen und eine „übertriebene Formulierung, die ich danach auch nie wieder verwendet habe“.
Es sind vor allem Weggucker wie Jan van Aken, denen die Partei ihr jetziges Problem verdankt.
Im Fernsehen nahm van Aken diese Woche auch Ferat Koçak in Schutz. Der hatte auf einer Wahlparty der Neuköllner Linken gemeinsam mit Ibrahim Ibrahim vom „Vereinigten Palästinensischen Nationalkomitee“ posiert, einem Zusammenschluss, unter dessen Dach sich Anhänger der Terrorgruppen Hamas und PFLP organisieren. Bei „Maischberger“ wurde van Aken gefragt, ob er Koçak glaube, dass dieser Ibrahims politischen Hintergrund nicht gekannt habe. Van Aken antwortete, das glaube er ihm sofort: „Ich hätte den Mann auch nicht erkannt.“
Dabei hatte ausgerechnet van Akens Bundestagsbüro im Sommer 2025 über Tage hinweg unter anderem bei NGOs Experteneinschätzungen zu Ibrahim Ibrahim eingeholt.
Auf die Frage des Tagesspiegels, wie dieser Widerspruch zu erklären ist, antwortet van Aken: „Ich kann sehr schlecht Gesichter wiedererkennen, auch wenn ich mich schon mal länger mit ihnen befasst habe.“
Wer sich als Journalist länger mit dem Thema Antisemitismus beschäftigt, begreift mit der Zeit, dass es Konfliktvermeider wie van Aken in allen Parteien und allen Milieus gibt. Sobald es ernst wird, sobald Antisemitismus in den eigenen Reihen auftritt und Courage gefragt wäre, stellen sich diese Personen als Totalausfälle heraus. Sie relativieren, lenken ab, zur Not lügen sie auch.
Dass die Linkspartei jetzt ausgerechnet Jan van Aken vorschickt, um Aufklärung und Transparenz zu versprechen, ist ein beunruhigendes Signal.
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