Die Muskeln sprechen mit Herz und Gehirn – dafür braucht es weder Hochleistungssport noch ein kompliziertes Morgenprogramm. Wie ein einfacher Spaziergang wirkt, zeigen Botenstoffe wie Myokine und der Wachstumsfaktor BDNF.
Die Muskeln sprechen mit Herz und Gehirn – dafür braucht es weder Hochleistungssport noch ein kompliziertes Morgenprogramm. Wie ein einfacher Spaziergang wirkt, zeigen Botenstoffe wie Myokine und der Wachstumsfaktor BDNF.
Inhaltsverzeichnis
Harry S. Truman stand als Präsident unter außergewöhnlichem Druck – vom Ende des Zweiten Weltkriegs über Marshallplan und Berliner Blockade bis zum Koreakrieg. Dennoch begann er seinen Tag mit etwas denkbar Einfachem: Er ging.
Ein bis zwei Meilen soll seine morgendliche Runde umfasst haben, im militärischen Takt von etwa 120 Schritten pro Minute. Manche Reporter hatten Mühe, ihm zu folgen. Truman kannte die Botenstoffe, die Bewegung, Gehirn und Herz miteinander verbinden, vermutlich nicht – weder Myokine noch BDNF. Aber er hatte verstanden: Bewegung verändert nicht nur unsere Kondition. Sie setzt im ganzen Körper Signale in Gang.
Dr. Roland Prondzinsky, Kardiologe und Experte für innere Medizin, fokussiert sich auf Psychokardiologie. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.
Lange galt die Muskulatur vor allem als Bewegungsapparat. Heute wissen wir: Sie ist auch ein Kommunikationsorgan. Arbeitende Muskelzellen bilden Botenstoffe, die lokal wirken oder Signale an andere Gewebe übermitteln können. Sie werden als Myokine bezeichnet.
Sie sind kein körpereigener Wundercocktail. Welche Stoffe in welcher Menge gebildet werden, hängt etwa von Belastung, Muskelmasse und Trainingszustand ab. Die Signalwege betreffen unter anderem Stoffwechsel, Immunreaktionen und Gefäßfunktion; andere könnten zwischen Muskel und Gehirn vermitteln.
Die gesundheitlichen Effekte des Trainings sind gut belegt. Welcher Anteil davon auf ein einzelnes Myokin zurückgeht, lässt sich beim Menschen jedoch häufig nicht sicher bestimmen.
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Der Morgen ist kein exklusives therapeutisches Zeitfenster. Studien zur vermeintlich besten Bewegungszeit kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Ein allgemeiner Vorteil des Morgentrainings ist nicht belegt. Die beste Zeit ist zunächst jene, zu der Bewegung sicher und dauerhaft gelingt.
Trotzdem ist der Morgen praktisch: Vor den Unterbrechungen des Tages lässt sich ein geschützter Zeitraum schaffen. Bewegung im Freien verbindet Aktivität mit Tageslicht, einem wichtigen Taktgeber der inneren Uhr. Große Beobachtungsdaten verknüpfen mehr Tageslicht mit günstigeren Schlaf- und Stimmungsmerkmalen. Kontrollierte Studien fanden nach Spaziergängen in der Natur weniger Grübeln beziehungsweise Veränderungen in stressbezogenen Hirnregionen. Ein direkter Herzschutz durch den Wald ist damit nicht bewiesen.
Eine alltagstaugliche Morgenroutine könnte so aussehen:
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Erwachsenen wöchentlich 150 bis 300 Minuten moderate oder 75 bis 150 Minuten intensive Aktivität sowie Kraftübungen an mindestens zwei Tagen. Zugleich zählt jede Bewegung. Bei Herzkrankheit oder deutlicher Einschränkung muss die Dosis angepasst werden. Brustschmerz, ungewöhnliche Luftnot, Schwindel oder Beinahe-Ohnmacht verlangen medizinische Klärung.
Besonders viel Aufmerksamkeit erhält der „Brain-Derived Neurotrophic Factor“, kurz BDNF. Das Protein unterstützt Nervenzellen und spielt bei synaptischer Plastizität, Lernen und Gedächtnis eine Rolle. Die Bezeichnung „Dünger für das Gehirn“ ist anschaulich, aber verkürzt.
Körperliche Aktivität kann die BDNF-Konzentration im Blut vorübergehend erhöhen. Eine kleine Humanstudie zeigte eine verstärkte BDNF-Abgabe aus dem Gehirn während längerer Belastung. In einer randomisierten Studie mit 120 älteren Erwachsenen gingen ein Jahr moderates Ausdauertraining, eine Vergrößerung des vorderen Hippocampus und besseres räumliches Gedächtnis miteinander einher. Die Volumenzunahme war mit höheren BDNF-Werten im Serum verbunden.
Das beweist nicht, dass BDNF allein die Veränderungen verursacht hat. Blutplättchen speichern große Mengen BDNF; ein Blutwert verrät zudem nicht unmittelbar, was in einer bestimmten Hirnregion geschieht.
Entscheidend ist eine begriffliche Korrektur: Zwar kann auch kontrahierende Muskulatur BDNF bilden. Die grundlegende Humanstudie fand jedoch keinen Hinweis, dass dieses Muskel-BDNF in den Kreislauf ausgeschüttet wird; wahrscheinlich wirkt es vorwiegend lokal. Die Erzählung „Der Muskel setzt BDNF frei, das anschließend das Gehirn repariert“ ist zu einfach.
Muskel und Gehirn kommunizieren vielmehr über ein Netzwerk aus Durchblutung, Stoffwechsel, Nerven- und Immunsignalen sowie weiteren Faktoren. Kandidaten wie das Enzym Cathepsin B oder der FNDC5/Irisin-Signalweg (beschreibt, wie das Hormon Irisin Stoffwechsel sowie Zellprozesse steuert) sind spannend. Viele Befunde stammen jedoch aus Zell- und Tierexperimenten – nicht aus klinischen Endpunktstudien.
Für das Herz zählt das Gesamtbild: Regelmäßige Bewegung verbessert Leistungsfähigkeit und Stoffwechsel, unterstützt Blutdruckregulation und Gefäßfunktion und senkt langfristig das kardiovaskuläre Risiko.
Nach einem Herzereignis oder bei Herzrhythmusstörungen verlieren manche Menschen das Vertrauen in ihren Körper. Ein schnellerer Puls oder Atemnot werden als Gefahr gedeutet. Angst führt zur Schonung, Schonung zum Abbau von Kraft – und die nächste Anstrengung wirkt noch bedrohlicher.
Individuell dosierte Bewegung kann diesen Kreislauf schrittweise unterbrechen und Selbstwirksamkeit zurückgeben: Ich kann etwas tun, ohne mich überfordern zu müssen. Myokine und BDNF erklären diesen Lernprozess nicht vollständig. Sie zeigen aber, dass neues Körpervertrauen von biologischen Anpassungen begleitet wird.
Trumans 120 Schritte pro Minute sind kein Rezept für jeden. Seine Botschaft ist zeitloser: Der Körper lässt sich nicht an den Schreibtisch delegieren. Ein klarerer Kopf, ein belastbareres Herz und neues Körpervertrauen können tatsächlich mit dem ersten Schritt beginnen.
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