Alice Costelloe singt leicht von schweren Dingen. Und hat dazu einen Sound erfunden, der über den Dingen schwebt. Live hat das alles zusammen große Anziehungskraft.
Konzert Alice Costelloe im Prachtwerk Berlin Existenzielle Lebenserfahrungen in Popsongs gegossen
"Was seid ihr für ein tolles Publikum", schwärmt die Sängerin Lea Willms, an diesem Abend Support Act für Alice Costelloe im Neuköllner Prachtwerk: "Ihr hört so gut zu, das ist nicht selbstverständlich." In der Tat: Die überschaubare Crowd lauscht den ganz zarten, ganz zerbrechlichen Akustiksongs der Berliner Songwriterin sehr aufmerksam und ehrfurchtsvoll.
Das soll sich auch beim Hauptact nicht ändern. Und das, obwohl auch Costelloes Songs, die sie gemeinsam mit ihrer putzigen Zwei-Mann Band als quasi hybride Versionen aus live gespielten Instrumenten und Samples und Sounds aus der Maschine auf die Bühne bringt, eher leise sind - und keine krachigen Banger.
Regelrecht zart klingt Costelloes Stimme. Ganz zurückhaltend und ernst steht sie auf der Bühne: lange blonde Haare, schwarze Klamotten, die meiste Zeit einen schweren E-Bass um die Schulter. "Hello Berlin", sagt sie leise.
Aber die Zurückhaltung sollte man nicht mit Schüchternheit verwechseln. Jahrelang hat sie mit ihrer alten Band "Big Deal" die Welt betourt. Gerade 17 war sie, als sie ihren ersten Plattenvertrag unterschrieben hat. Jetzt ist sie seit drei Jahren solo unterwegs und hat einen ganz eigenen Sound gefunden: Poppiger, aber auch deeper.
Ihr Blick ist fast durchgehend gerade und klar ins Publikum gerichtet - und man weiß nicht genau: fixiert sie mich? Oder den neben mir? Oder uns alle gleichzeitig? Das alles hat jedenfalls eine wahnsinnige Anziehungskraft: Wie ihre Stimme so gläsern durch den Raum schwebt. Auf dieser arty Popmusik, aus Drums, Bass, Synthis, Keyboards und ein bisschen Gitarre.
Je zarter die Stimmlage, desto derber die Themen allerdings. Costelloes Debutalbum "Move on with the Year", um das es an diesem Abend geht und das sie quasi komplett spielt, handelt von Sucht, von Drogen, von nächtlichen Besuchen im Krankenhaus, von Trauer, vom verlassen sein. Und von Costelloes Vater, der ihr genau das alles zugemutet hatte. Das sind keine "I love you" oder "Oh ich weiß nicht wer ich bin und was ich suche"-Texte, das sind existenzielle Lebenserfahrungen, gegossen in Indiepopstücke. Ganz stark.
Auch ihre beflissene, ungekünstelte Zwei-Mann-Band passt zu ihr und zu den Klangwelten, die sie im Studio erschafft. Auf der einen Seite ein schweigsamer Drummer, der alles nur mit Gefühl und fast ohne Kraft spielt. Auf der anderen ein Tastentüftler in einer Art Cowboyhemd hinter Keyboards und undefinierbaren Effektkästen, der rein äußerlich mit Bart und Mähne auch bei den Jesus Freaks sein könnte und die Kunst beherrscht, in einen Akustikgitarrenkorpus hineinsingen und dabei crazy Sounds produzieren zu können.
Am Ende des Sets holt er einen kleinen Kuchen auf die Bühne, denn es ist Alice Costelloes Geburtstag. Die Fans singen "Zum Geburtstag viel Glück" und Costelloe verspricht lachend, dass nach dem Konzert jeder, der ein T-Shirt von ihr kauft, ein Stück bekommt. Und wer keins kauft, der auch.
Nach kaum einer Stunde ist das Konzert schon wieder vorbei. "Mehr Songs haben wir ja noch nicht", sagt Alice Costelloe entschuldigend. Macht nichts. Besser so intensiv und deep, als wenn da noch irgendwelche Cover-Songs oder halb-fertige Nummern kommen, um die Setlist zu füllen. Tolle Band. Tolle Sängerin. Ganz außergewöhnliche Songs. Schade, dass zu so einer starken Debut-Headliner-Show nur rund 80 Leute kommen. Aber die, immerhin, haben echt gut zugehört.
Sendung: rbb24 Inforadio, 16.09.2026, 06:50 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 16.09.2026, Hendrik Schröder
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