Der etwas altbackene Folksound von Mumford and Sons war eigentlich nie dafür gemacht, ein großer Erfolg zu werden. Und doch gehört die Band seit fast 20 Jahren zu Großbritanniens gößten Acts. Beim Konzert in der Berliner Waldbühne konnte man erleben, warum.
Konzert Mumford & Sons in Berlin Wem da nicht das Herz aufgeht, der hat vielleicht nie eins gehabt
Breit grinsend kommen Mumford and Sons auf die Bretter der Berliner Waldbühne und sofort ist der Vibe da, der sagt: Das könnte ein schöner Abend werden. Sänger Marcus Mumford kommt in schwarzer Hose, schwarzem Shirt, frisch gestylte Schwiegersohnfrisur, treuer Blick in die Kamera, die sein Gesicht auf zwei riesige Videowände beamt. Keyboarder Ben Lovett beugt sich cool im halboffenen Jeanshemd über seine Tasten. Basser Ted Dwane sieht mit seinem Bart und dem derben Sakko aus wie ein Farmer, der zum Sonntag in die Kirche geht.
Die drei Kernmitglieder der Band stehen vorne (eigentlich waren sie mal zu viert, Gitarrist Winston Marshall ist ausgestiegen, weil er sich politisch so weit entfernt hat vom liberalen Standpunkt der Band, dass es nicht mehr ging), hinter ihnen eine sechsköpfige Band. Schlagzeuger, Bläser, mehr Gitarren und natürlich Banjo. Viel Banjo. Der Sound von Mumford and Sons wäre ohne Banjo ja gar nicht denkbar.
Hand in Hand oder wild tanzend
Gleich als Zweites spielen sie einen ihrer größten Hits "Little Lion Man". Inklusive golden regnender Pyrotechnik. Und ein erstes Kreischgewitter geht durch das Rund. Rund 20.000 sind in die Waldbühne gekommen, fast ausverkauft ist sie. Und jetzt werden sie alle sehr aufgeregt. Paare fassen sich an den Händen (und heimlich noch an andere Stellen). Freundinnen verschütten wild tanzend halbe Bierbecher vor Ekstase.
Strahlend dirigiert Marcus Mumford die Menge durch den Mitsingpart, auf der Monitorbox stehend. "Ick liebe Deutschland, you crazy Motherfuckers", sagt er. Mein Gott - und witzig ist er auch noch. Also die Typen sind ja derart knuffig und nett und liebenswert. Die will man entweder heiraten oder adoptieren.
Weich ohne weinerlich zu sein
Song für Song spielen Mumford and Sons sich durch ihre sechs Studioalben. Von jedem ist was dabei, das ist selten bei Bands, die doch schon eine recht beträchtliche Anzahl an Platten veröffentlicht hat.
Vom aktuellen Album "Prizefighter" kommen gleich handgezählte acht Nummern. Und egal, ob sie Sachen aus ihren ruhigeren oder rockigeren Phasen spielen: Immer ist da diese warme Energie, ist es weich ohne weinerlich zu sein, ist da der große Mut zum Gefühl, ohne sich hinter zu viel Pathos zu verstecken.
Und immer mit Witz und Selbstironie. In Interviews zum aktuellen Album hat Sänger Marcus Mumford gesagt, sie wollen die Musik noch ernster nehmen, sich selbst aber immer weniger. Wie weise.
Der Sänger rast die Treppen hoch
Und irgendwann passiert etwas, das hat die Waldbühne so vielleicht noch nie gesehen: Marcus Mumford schnappt sich sein Funkmikro und pest die rund 90 Stufen der Waldbühne, 30 Höhenmeter, im Laufschritt bis ganz nach oben, ohne Security, ohne alles, singt mit den Leuten im Oberrang, minutenlang, klatscht ab, rennt weiter, rennt die Stufen wieder runter, durch den Stehplatzbereich und rollt sich erschöpft auf die Bühne. Die Fans wollen sich gar nicht mehr einkriegen vor Freude und schreien und filmen und jubeln. So nah ist er gekommen. Ganz alleine. Und auch seine Bandkollegen lachen sich halb schlapp ob des sportlich ambitionierten Publikumsbesuchs ihres Bandleaders.
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A Cappella und großes Finale
Kurze Zeit später stehen die drei dann auf einer ganz kleinen Bühne, die vor den ersten Sitzplatzreihen aufgebaut ist. Wer vorne ist, kann die Band jetzt quasi anfassen. "Shadow of a man" spielen sie dort, gereiht um ein einziges Mikrofon, quasi als A-Cappella-Version, nur begleitet von ein paar Gitarrenakkorden.
Danach noch "The Boxer", ein Cover von Simon und Garfunkel, dessen ewiges "Lie-la-lie" dann auch wirklich alle mitsingen können, bevor es zum Finale mit "I will wait" wieder auf die große Bühne geht. Ein toller Abend. Berührend, lustig, mitreißend. Wem da nicht das Herz aufgeht, der hat vielleicht nie eins gehabt.
Sendung: rbb24 Inforadio, 10.07.2026, 7:50 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 10.07.2026, Hendrik Schröder
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