Marillion gibt es seit fast 50 Jahren. Und immer noch begeistern sie ihre treuen Fans mit neuen vielschichtigen Prog-Rock Songs. Ein Phänomen. Ende nicht vorgesehen. Am Dienstag spielten sie im bestuhlten Berliner Tempodrom.
Konzert Marillion in Berlin Zuhören wie in der Oper
Schon der Anfang des Konzerts zeigt: Marillion sind eine Band alter Schule. Die Spannung baut sich langsam auf, dafür aber derbe. Minutenlang wabert ein Instrumental aus den Boxen, Scheinwerfer durchschneiden den Raum. Nichts passiert. Man weiß nicht: Stimmt was nicht oder soll das so? Ewig dauert es, bis Sänger Steve Hogarth auf die Bühne kommt. Nach und nach dann auch die anderen. Soll also so. Riesiger Applaus im bestuhlten nicht ganz ausverkauften Tempodrom. Drummer Ian Mosley sitzt etwas versteckt hinter riesigen Plexiglasscheiben. Neben ihm Tourpercussionist Andy Gangadeen, der mit großer futuristischer Brille auf der Nase inmitten eines silbernen Racks mit schwarzen Elektro-Percussion Scheiben steht. Neben ihm blinken rote Leuchtstäbe. Er sieht aus, als käme er mit dem Monstrum gerade von einem anderen Stern. Oder wolle nach dem Konzert zu einem zurück.
Bewegung nur, wenn der Roadie kommt
Musikalischer Mittelpunkt von Marillion ist natürlich seit immer und auf alle Zeiten Gitarrist Steve Rothery, der mit seinem mal ausufernden, mal ganz feinen Stil auf Elektro - und Akustikgitarre jedem Song seine Farbe, Tiefe und einen eigenen Charakter gibt. Während andere Gitarristen seines Kalibers - und zumal bei einer Progrock Band - sich eitel in den Vordergrund fideln, fließen Rotherys Soli eher direkt aus den Liedern, sind eins damit, sind keine aufgesetzten Fremdkörper. Zum uneitlen Spiel passt seine Art, sich während des Konzerts exakt nur dann zu bewegen, wenn der Roadie kommt, um ihm eine andere Gitarre umzuhängen. Ansonsten steht er da, sieht sehr nett aus und spielt halt.
Einer macht die Show für alle
Show machen muss er aber auch eh nicht, das macht Sänger Hogarth für zwei. Oder genau genommen für die ganze Band. Er ist die schillernde Figur. Mit den halblangen silbrigen, akkurat geföhnten wehenden Haaren, dem glitzernden Hemd, der engen Jeans. Der über die Bühne schreitet, eilt und stapft. Der Witze reißt und mit Bier ins Publikum prostet. Der alleine mit seinen zur Decke gereckten, fuchtelnden, wedelnden Händen ein Lied leben und fliegen lässt. So dass man wahrscheinlich ungefähr verstehen würde, worum es geht, selbst wenn man gar keine Musik dazu hören würde,. Der zu "The Crow and the Nightingale" im schwarzen Pelzkostüm unheimlich über die Bühne "fliegt". Ein großartiger Typ, der nebenbei auch noch mit Wahnsinnsvolumen singt. Seit 1988 ist er bei Marillion. Die einzige echte Umbesetzung in den bald 50 Jahren Bandgeschichte. Es ist bei ihm ein bisschen wie bei Brian Johnson von ACDC. Seit ewig dabei, aber immer noch irgendwie "Der Neue".
Hits und neue Songs
Marillion gehören zu den alten Bands, die immer noch und voller Freude neue Platten machen, die die Fans auch tatsächlich gerne hören. So steht auf der Setlist einiges vom letzten Album. Mit "Care I -IV" bildet eine ganze Kaskade von miteinander verbundenen Songs den musikalischen Höhepunkt vor den Zugaben. Dazu kommt sogar noch ein Chor mit auf die Bühne. Auch einen bisher noch gar nicht veröffentlicher Song spielen sie. Daneben aber auch Kracher, die die Fans schon beim Introakkord erkennen. "Kayleigh", "Easter", "You´re gone" - Dinosauriermusik aus lange vergangenen Tagen, zu der Männer zweieinhalb Stunden lang mit verschränkten Armen und versteinertem Gesicht sitzen können und starren, um danach zu sagen: "Hammer. Konzert des Jahres. Umwerfend". So viel Wertschätzung haben sie für diesen kompliziert und episch gewebten Sound, dass sie zuhören wie in der Oper. Hut ab vor diesem treuen Publikum, das es einer Band aus einer anderen, weit entfernten Zeit ermöglicht, immer noch weiterzumachen und weiter und weiter und weiter und weiter.
Sendung: rbb24 Inforadio, 15.07.2026, 6:55 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 15.07.2026, Hendrik Schröder
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