Günther Steiner hat noch nie ein Blatt vor den Mund genommen. Auch nicht im großen BILD-Interview.
Lewis Hamilton (41) strebt nach dem achten WM-Titel
Günther Steiner hat noch nie ein Blatt vor den Mund genommen. Als fluchender Haas-Teamchef wurde er in der Netflix-Serie „Drive to Survive“ zum absoluten Kult-Star der Formel 1. Mittlerweile blickt der Südtiroler von außen auf die Formel 1 (u.a. als Experte für RTL und das französische Fernsehen) – und spricht im BILD-Interview über den WM-Kampf, einen Verstappen-Wechsel zu Mercedes und Audis erste Saison.
BILD: Herr Steiner, wie lautet Ihr Zwischenfazit zur aktuellen Formel-1-Saison?
Günther Steiner (61): „Die Saison hat sich besser entwickelt, als viele erwartet haben. Zu Beginn gab es viel Kritik wegen des neuen Motorenreglements und der Energierückgewinnung. Die Formel 1 hat aber schnell reagiert und nachgebessert.“
Max Verstappen war einer der lautesten Kritiker. Können Sie den Frust der Fahrer verstehen?
Steiner: „Absolut. Die Kritik war berechtigt. Aber die Formel 1 ist darin sehr gut, etwas anzupassen, wenn etwas nicht funktioniert. Geld und Know-how sind genug vorhanden. Mich hat eher überrascht, dass man überhaupt so in die Saison gestartet ist. Die Daten aus den Simulatoren lagen schließlich schon seit Monaten vor.“
BILD-Reporter Enrico Ahlig sprach mit Günther Steiner (61) beim Großen Preis von Großbritannien
Wer ist für Sie die größte Überraschung der Saison?
Steiner: „Ganz klar Kimi Antonelli. Dass er schnell ist, wussten wir. Aber dass er George Russell sofort so unter Druck setzt und mehrere Rennen gewinnt, hätte ich nicht erwartet.“
Russell steht dadurch enorm unter Druck.
Steiner: „Für George geht es um viel mehr als für Kimi. Wenn Antonelli den Titel dieses Jahr nicht holt, ist das kein Drama. Er ist erst 19. George dagegen braucht jetzt den großen Erfolg. Sonst könnte seine Chance auf einen WM-Titel vorbei sein.“
Trotzdem wird Mercedes wohl an Russell festhalten, oder?
Steiner: „Davon gehe ich aus. George ist ein sehr guter Fahrer. Jedes Spitzenteam braucht einen starken zweiten Mann. Es kann schließlich nur einen Sieger geben.“
Steiner rät Max Verstappen, bei Red Bull zu bleiben
Max Verstappen zu Mercedes wäre für Sie also keine Lösung?
Steiner: „Nein. Red Bull war komplett auf Max zugeschnitten. So etwas lässt sich nicht einfach kopieren. Außerdem kostet Max sehr viel Geld. Für ihn wäre es die beste Entscheidung, bei Red Bull zu bleiben.“
Red Bull hat viele Schlüsselfiguren verloren.
Steiner: „Das stimmt. Aber Max ist geblieben. Und zuletzt sah das Team wieder deutlich stärker aus, zum Beispiel in Österreich. Silverstone war dagegen wieder ein Schritt in die falsche Richtung.“
Von McLaren hört man dagegen erstaunlich wenig.
Steiner: „Das ist normal. Wenn du nicht gewinnst, stehst du weniger im Fokus. Piastri und Norris fahren keine schlechte Saison, aber ihr Auto reicht im Moment meist nur für Platz vier oder fünf. Darüber spricht eben kaum jemand.“
Lewis Hamilton wirkt bei Ferrari wieder deutlich glücklicher. Trauen Sie ihm den Titel zu?
Steiner: „Nein. Mercedes ist zu stark. Aber wenn Lewis das richtige Auto hat, kann er immer noch ganz vorne mitfahren. Für ihn war es wichtig, endlich mit Ferrari gewonnen zu haben. Das kann ihm keiner mehr nehmen. Das wird ihn beflügeln.“
Ferrari hört inzwischen stärker auf Hamilton als auf Charles Leclerc.
Steiner: „Je mehr Ferrari auf Lewis setzt, desto schwieriger wird die Situation für Charles – obwohl der keineswegs langsamer ist, wie wir in Silverstone gesehen haben.“
Welches Team ist die größte Enttäuschung?
Steiner: „Aston Martin. Lawrence Stroll hat unglaublich viel investiert. Vielleicht fehlt manchmal etwas Geduld. Irgendwann muss man die Leute auch einfach arbeiten lassen.“
Alpine dagegen überrascht positiv.
Steiner: „Absolut. Flavio Briatore hat klare Entscheidungen getroffen und das Team stabilisiert. Das sieht man jetzt auch in den Ergebnissen.“
Wie bewerten Sie Audis erste Saison?
Steiner: „Insgesamt ordentlich. Sie machen noch Fehler und haben dadurch Punkte liegen lassen. Aber man sieht, dass das Auto Potenzial hat. Jetzt müssen sie diese Geschwindigkeit nur konsequenter in Ergebnisse umsetzen.“
Und den Neuling Cadillac?
Steiner: „Ehrlich gesagt, hätte ich mehr erwartet. Sie haben wohl unterschätzt, wie schwierig der Einstieg in die Formel 1 ist. Wenn du zwei Sekunden pro Runde verlierst, holst du das nicht mit ein paar Updates auf. Ich würde den Fokus schon jetzt auf das Auto für die nächste Saison legen.“
Würden Sie selbst noch einmal ein neues Team aufbauen wollen?
Steiner: „Wenn das Projekt stimmt, sofort. Ich möchte gestalten und Entscheidungen treffen können. Wenn ich nur Berichte schreiben und Anweisungen ausführen soll, interessiert mich das nicht.“
Genau daran ist es bei Haas am Ende gescheitert …
Steiner: „Ja. Anfangs hatte ich freie Hand. Später wollte ich das Team weiterentwickeln, aber dafür fehlte die Unterstützung. Irgendwann waren mir einfach die Hände gebunden.“
Welchen jungen Fahrer würden Sie heute verpflichten, wenn Sie Teamchef wären?
Steiner: „Oliver Bearman gehört ganz oben auf die Liste. Er holt aus seinem Auto regelmäßig mehr heraus, als eigentlich drin ist. Gabriel Bortoleto macht ebenfalls einen starken Eindruck und misst sich mit Nico Hülkenberg auf Augenhöhe. Isack Hadjar gefällt mir auch sehr gut. Und Arvid Lindblad ist definitiv einer, den man für die Zukunft im Blick behalten sollte.“
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