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Deutsche Geschichte in Porträts fürs Volk – sehr gerne, aber bitte ohne Oberlehrer-Attitüde

Дата публикации: 15-08-2026 15:16:40

Kulturstaatsminister Weimer nimmt London als Vorbild und plant in Berlin eine National Portrait Gallery. Das könnte spannend werden. Aber nur, wenn auf verspannte Didaktik verzichtet wird.

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Was ist deutsch? – Ich geriet vor dieser Frage in immer größere Verwirrung“, schrieb Richard Wagner 1878 in einem Aufsatz. Darüber hatte sich der berühmte Komponist bereits seit 1865 den Kopf zerbrochen. 13 Jahre später war er keinen Schritt weiter und erklärte sich selbst „zur weiteren Beantwortung der Frage ‚Was ist deutsch?‘ für unfähig.“

Wagners Schriften sind mit Vorsicht zu genießen, besonders wegen seines obsessiven Antisemitismus, aber er unternimmt in seinem Essay dennoch den interessanten Versuch, sich seiner „verhängnisvollen Frage“ über Porträts von Menschen anzunähern, die die deutsche Geschichte prägten.

Dazu führt er ein eindrucksvolles Beispiel an: „Will man die wunderbare Eigentümlichkeit, Kraft und Bedeutung des deutschen Geistes in einem unvergleichlich beredten Bilde erfassen“, schrieb Wagner, so blicke man auf die „Erscheinung des musikalischen Wundermannes Sebastian Bach“.

Im berühmten Konterfei des Komponisten Johann Sebastian Bachs fand Wagner ein treffenderes Bildnis von dessen Zeit: „diesen Kopf, in der wahnsinnigen französischen Allongenperücke versteckt“, schrieb er über Bach, „selbst in der Musik eine Kunstform vorfindend, welche äußerlich das ganze Abbild seiner Zeit war, trocken, steif, pedantisch, wie Perücke und Zopf in Noten dargestellt: und nun sehe man, welche Welt der unbegreiflich große Sebastian aus diesen Elementen aufbaute!“

Die Deutschen in Gesichtern zu suchen, ist, trotz aller problematischen Aspekte in Wagners Weltanschauung, ein spannender Gedanke. Nun greift ihn Kulturstaatsminister Wolfram Weimer auf. Die „Idee einer deutschen National Portrait Gallery“, teilte er der Welt am Sonntag mit, sei ihm bei einem Besuch der gleichnamigen Einrichtung in London gekommen. Er plane für Berlin eine ähnliche Porträt-Ausstellung. „Sie soll anhand prägender Persönlichkeiten zeigen, wie vielfältig die Geschichte Deutschlands ist. Daraus könnte langfristig eine National Portrait Gallery nach britischem Vorbild entstehen.“

National Portrait Gallery: Treffen mit Shakespeare und Churchill in der Mittagspause

Als deutsche Historikerin, die schon sehr lange in England lebt, finde ich die Idee erst einmal super. Ich gehe selbst gern in die National Portrait Gallery – oftmals auch spontan. Sie liegt gleich hinter dem berühmten Trafalgar Square, und der Eintritt ist frei. Wo sonst kann man in einer Mittagspause sowohl Shakespeare und Churchill als auch diversen Königinnen und David Bowie ins Gesicht blicken?

Die National Portrait Gallery existiert seit 1856. Ihr Konzept ist einfach: Im Zentrum stehen britische Persönlichkeiten, die als bedeutend oder berühmt gelten. Die künstlerische Qualität ihrer Porträts ist nicht entscheidend. Deshalb kann man dort genauso über Freddie Mercury mit seiner Katze Tiffany stolpern wie Königin Victoria beim Briefeschreiben zusehen. Man sieht und lernt jedes Mal etwas Neues.

Natürlich haben selbst die Briten ihren Ansatz seit dem 19. Jahrhundert angepasst. „Wir haben unser Verständnis davon, was Errungenschaften bedeuten, erweitert, um die Vielfalt und Dynamik der Gegenwartskultur widerzuspiegeln“, schreibt die National Portrait Gallery auf ihrer Website. „Aber die Aufgabe bleibt heute dieselbe – die Geschichte der Nation durch die Menschen zu erzählen, die sie geformt haben.“

Trotz des Kulturkampfes, der auch in Großbritannien die Gesellschaft spaltet, ist die National Portrait Gallery von einer gewissen Leichtigkeit geprägt, die es Besuchern erlaubt, sich im wahrsten Sinne des Wortes selbst ein Bild zu machen.

Geht sowas in Deutschland? Berlin 2026 ist schließlich nicht London 1856. Die Briten haben ihre Galerie im viktorianischen Zeitalter eingerichtet, als sich das Land seiner industriellen Macht und seines Empires sicher war. Deutschland würde eine solche Ausstellung heute unter völlig anderen Vorzeichen aufziehen. Diktaturen, Weltkriege, der Holocaust, die deutsche Teilung und vieles mehr haben ein ausgeprägtes Bewusstsein dafür geschaffen, dass nationales Selbstbewusstsein in aggressiven Nationalismus umschlagen kann.

Den erinnerungskulturellen Spagat, den man hier versucht, formuliert Weimer so: Er möchte die „großen Traditionslinien Deutschlands wieder stärker erzählen“, ohne dabei in einem „verengten völkischen Geschichtsbild“ anzukommen. Aber nach welchen Kriterien wählt man die Figuren der deutschen Geschichte aus, die das gewünschte Geschichtsbewusstsein inspirieren sollen?

Gerade Berliner wissen, zu welchen Zerwürfnissen solche Debatten führen können. Man denke an die unendliche Geschichte der „Einheitswippe“, offiziell „Freiheits- und Einheitsdenkmal“ genannt. Als Gedenkort für die deutsche Wiedervereinigung ist sie seit 2007 im Gespräch und immer noch nicht fertig.

Oder die ewigen Diskussionen um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses. Genauso besteht bei einer deutschen Portrait-Galerie die Gefahr, dass das Konzept zerredet wird und jene Neugier verloren geht, die das britische Vorbild bis heute ausmacht.

Raphael Gross, Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum, das die Ausstellung „Porträts der deutschen Geschichte“ am 7. April 2028 eröffnen soll, macht sich schon in der Pressemitteilung mehr Gedanken um die „aufregenden Fragen der Bewertung, Einordnung und Präsentation“, als dies die Londoner Version jemals tat.

Klar, in der National Portrait Gallery gibt es auch etwas Kontext zu den Bildern. Seit einer längeren Schließung und der Neueröffnung 2023 sind außerdem vermehrt Meinungsbeiträge zu finden, zum Beispiel ein heftig umstrittener Beitrag, der Churchill beschuldigt, 1943 absichtlich Millionen Inder der Hungersnot in Bengalen ausgesetzt zu haben.

Aber die Dauerausstellung, so schrieb ein britischer Kunstjournalist damals, sei die „gleiche alte Cocktailparty“. Die anhaltende Beliebtheit der National Portrait Gallery gehe noch immer auf das altbewährte Konzept zurück: „konservativ und einfach: Bilder großer Briten.“

Das geht in Berlin natürlich so nicht. Wo kämen wir da hin, wenn wir die deutschen Besucher einfach Gemälde anschauen ließen? Das Deutsche Historische Museum fragt schon in der Pressemitteilung: „Wie etwa gehen wir mit den heroisierenden Porträts von Herrschern und Herrscherinnen um? Wie finden wir die Balance, dass wir keinesfalls Geschichte alleine von oben erzählen? Wie gehen wir mit der NS-Zeit um?“

Weimer erhofft sich „wichtige Impulse für das Geschichtsbewusstsein“. Das DHM will, dass „die Vielfalt der in Deutschland heute und in der Vergangenheit lebenden und wirkenden Menschen zum Ausdruck kommt: Personen der verschiedenen politischen Spektren von rechts bis links, Opfer, Täter, Vertriebene und Flüchtlinge, Bäuerinnen und Bauern, Studierte, Einwanderer, Migranten, Protestanten, Juden und Katholiken, Homosexuelle usw.“

Wie bringt man das alles unter einen Hut, ohne dass die Ausstellung verkrampft oder gar oberlehrerhaft wirkt? Man sucht sich einen Kurator, der zwischen den erinnerungskulturellen Stühlen sitzt. Der australische Historiker Christopher Clark, der in Großbritannien lebt und lehrt, übernimmt diese Rolle. „Aus britischer Perspektive fällt auf, dass es in Deutschland bisher kein Projekt wie die Londoner National Portrait Gallery gegeben hat“, so der Cambridge-Professor. „Wer sich die deutsche Geschichte vor Augen führt, versteht, warum. Das ist eine der Herausforderungen dieser Ausstellung.“

Clark ist in einer guten Position, den Balanceakt zwischen dem britischen Vorbild und der deutschen Erinnerungskultur auszuführen. Er ist Experte für deutsche Geschichte und hat mit seinem Bestseller „Die Schlafwandler“ die Schuldfrage des Ersten Weltkriegs neu aufgerollt, wobei er sicherlich wertvolle Einblicke in die Sensibilität der innerdeutschen Debatten gewonnen hat. Er spricht perfekt Deutsch und bewegt sich mit einer Selbstverständlichkeit, die vielen deutschen Historikern fehlt, auch zwischen Ost und West.

Deutschland hat bei schwierigen Erinnerungspolitikprojekten schon öfter auf britische Hilfe zurückgegriffen, zum Beispiel bei der Neugestaltung des Reichstagsgebäudes durch den britischen Stararchitekten Norman Foster. Vielleicht kann dieses Mal ein australisch-britischer Starhistoriker beim Aufbau einer erfolgreichen German Portrait Gallery helfen.

Die Frage „Was ist deutsch?“ bleibt jedenfalls genauso schwer zu beantworten wie vor anderthalb Jahrhunderten, als sich Wagner damit herumquälte. Dass sich nun das Deutsche Historische Museum daran wagt, die Debatten um nationale Identität nicht gänzlich der Politik und den sozialen Medien zu überlassen, ist eine gute Sache. Ich bin gespannt, ob Wagner es in die Ausstellung schafft.

Katja Hoyer, geboren 1985 in Guben, ist Historikerin und Autorin. Hoyer lebt in Großbritannien, wo sie am King’s College London forscht und Fellow der Royal Historical Society ist. Ihr Buch „Diesseits der Mauer. Eine neue Geschichte der DDR 1949–1990“ wurde ein Bestseller. Jüngst erschien ihr Buch „Weimar. Glanz und Grauen der deutschen Geschichte“. Seit April 2024 ist sie Kolumnistin der Berliner Zeitung.

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