Seit gut einem Monat hängt das Porträt Angela Merkels im Bode-Museum. Seitdem hat ein regelrechter Run auf das Museum eingesetzt. Das passt zur Merkel-Nostalgie im Netz.
Ausstellung Porträt im Bode-Museum Berlin Alle wollen Merkel sehen
Von Kai Salander
"Ich habe heute Frau Merkel besucht", steht im Gästebuch des Bode-Museums – dahinter steht ein Herz. Seit Anfang Juli hängt das Porträt der Kanzlerin a. D. hier. Im blauen Blazer vor hellem, goldenem Hintergrund blickt Angela Merkel den Besucher:innen regelrecht in die Augen.
Besuchen wollen sie sehr viele: Im ersten Monat sind bereits 85 Prozent mehr Menschen in das Haus gekommen, das sonst eigentlich die Kunst und Kultur längst vergangener Zeiten zeigt.
Beifall für das Merkel-Porträt
Johann Hilbers aus Oldenburg – seit 50 Jahren in der CDU – ist extra für zwei Tage nach Berlin gereist, nur um das Porträt zu sehen. Er vermisst Merkel in der Politik, wie er sagt. Und Museumsbesucher Udo Seidel aus Berlin erklärt: “Ich bin schon zum zweiten Mal da wegen Frau Merkel."
Die meisten der Besucherinnen und Besucher, die an einem Dienstagnachmittag angesprochen werden, sind nur wegen des Porträts in das Bode-Museum gekommen. Und alle finden es gelungen.
"Es hat sowas Ruhiges. Es strahlt das aus, was man auch von ihrer Person mitbekommen hat", sagt die 22-jährige Penny aus Berlin. Julia Kämmerling aus Nordrhein-Westfalen sieht eher die vielen Falten im Gesicht. Kanzlerin zu sein, scheine ein schwerer Job gewesen zu sein, meint sie.
Viele wollen direkt zu Merkel
Nach Auskunft des Museums fragt etwa ein Drittel der Gäste gleich, wo es zu Angela Merkel geht. Nicht zu den Heiligenfiguren, nicht zum Münzkabinett: Sie wollen die Kanzlerin a. D. sehen.
Der junge und bis dato unbekannte Künstler Jérémy Queyras hat Angela Merkel erstaunlich persönlich und menschlich gemalt – ohne Raute und ohne das Kanzlerinnen-Pokerface aus ihrer Amtszeit.
Auch die Museumsdirektorin ist beeindruckt
Die Direktorin des Bode-Museums Antje Scherner war überrascht über die Präsenz, die das Gemälde ausstrahlt, sagt sie. Sie selbst habe das neue Objekt in ihrer Ausstellung auch erst kurz vor der Enthüllung gesehen.
Quyeras habe Merkel mit den Augen und dem Ausdruck sehr gut getroffen, sagt Scherner. Das schätzten auch die Menschen, die ins Museum kommen: "dass sie Frau Merkel vor sich sehen, wie sie sie kennen".
Merkel zwischen Skulpturen aus dem 18. Jahrhundert
Queyras‘ Herkunft – er ist Halb-Franzose - war wohl einer der Gründe, warum die Kanzlerin a.D. ihren Platz ausgerechnet im Französischen Saal gefunden hat.
Die Museumsleitung hat diesen Ort gemeinsam mit Angela Merkel und ihrem Team ausgesucht. Dabei sei es auch ganz pragmatisch darum gegangen, die Ausstellung so wenig wie möglich umzuräumen, sagt Scherner: Am Ende wurde nur ein Bild gegen das Porträt der Kanzlerin a. D. getauscht. Im Prinzip sei die Ausstellung also geblieben, wie sie war - nur jetzt mit Angela Merkel, sagt Scherner.
Vor dem Porträt stehen zwei Frauen-Skulpturen aus der Antike. Im selben Ausstellungsraum finden Besucher den Komponisten Christoph Willibald Gluck, eine Dame, die einen Pariser Salon hatte und die Porträtbüste eines Sammlers.
Die anderen Objekte scheinen gegen das Gemälde von Angela Merkel etwas zu verblassen. Es war offenbar nicht einfach, in einer solchen Ausstellung einen Ort für ein zeitgenössisches Porträt zu finden: Es gebe manchmal Objekte, "die sich streiten, die nicht zusammenpassen", sagt Antje Scherner.
Merkels Wohnung ist nicht weit
Überhaupt das Bode-Museum mit seiner herrschaftlichen Kuppelhalle mit riesigem Reiterdenkmal gleich nach dem Eingangsbereich. Es war Angela Merkel, die entschied: Hier soll ihr Porträt ausgestellt werden. "Es ist sozusagen ihr Haus- und Hofmuseum", sagt Antje Scherner. Immerhin sei Merkels Wohnung nicht weit.
Ausschlaggebend waren aber auch inhaltliche Gründe: "Ein politisches Porträt ist am besten in einem Museum aufgehoben, das auch politische Porträts zeigt", so Antje Scherner. Und hier sind Könige und Päpste, Prinzen und Prinzessinnen ausgestellt. Nur eben aus längst vergangenen Zeiten.
Ganz einfach ist der Raum mit dem Porträt ist nicht zu finden, die Besucher:innen müssen auch durch die anderen Ausstellungsräume. Udo Seidel aus Berlin ist beim ersten Mal zum Beispiel gleich noch zwei Stunden geblieben und hat sich viele weitere Kunstobjekte angesehen.
Auch andere Besucher:innen erzählen, sie seien zwar wegen Frau Merkel gekommen, hätten sich dann aber gleich alles angeschaut. So ist auch die Erfahrung von Antje Scherner. Das Porträt ist also ein echter Glücksfall für das Bode-Museum.
Merkel liegt im Trend
Die Ausstellung des Porträts von Angela Merkel liegt im Trend: Merkel-Memes auf Social Media haben Konjunktur und so mancher User und manche Userin trauert ihr auf Tiktok regelrecht hinterher.
Damit scheint die Merkel-Nostalgie ungebrochen. Bereits im November 2025 sagte laut einer repräsentativen Civey-Umfrage ein Viertel der Befragten, er vermisse die ehemalige Kanzlerin. Bei den 18- bis 29-Jährigen feierte dabei sogar ein Drittel der Befragten eine Art Merkel-Renaissance.
Auch ins Museum kommen vor allem ihre Fans. Der 18-jährige Emil Schulze fand zwar nicht alles gut, was sie in ihrer Amtszeit gemacht hat, aber mit der Politik des aktuellen Kanzlers Friedrich Merz kann er sich gar nicht anfreunden. Und die 22-jährige Penny sagt, sie vermisse Angela Merkel - weil sie Teil ihrer Kindheit sei und Beständigkeit symbolisiere.
Auch Museumsbesucher Udo Seidel aus Berlin sagt, die ehemalige Kanzlerin fehle ihm – aber er gönnt ihr den Ruhestand von Herzen. Das Bild hängt noch bis zum 4. Oktober im Bode-Museum – dann wandert es in die Kanzlergalerie im ersten Stock des Bundeskanzleramtes.
Sendung: rbb24 Inforadio, 06.08.2026, 14:55 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 06.08.2026, Kai Salander
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