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Berlin-Wahl | Ekkehard Spiegel: Ein Ticket fürs Abgeordnetenhaus

Дата публикации: 12-08-2026 12:52:46

Als Abgeordneter will der Linke-Direktkandidat in Friedrichshain-Kreuzberg weiter Bus fahren, Arbeiter stärken und basisdemokratisch entscheiden.

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Ekkehard Spiegel mit Debby Roschka (links) und Sarina Gebel – Letztere auch Kandidatin für die BVV Friedrichshain-Kreuzberg – an der Haltestelle von Bus 240

Ekkehard Spiegel mit Debby Roschka (links) und Sarina Gebel – Letztere auch Kandidatin für die BVV Friedrichshain-Kreuzberg – an der Haltestelle von Bus 240

Foto: Louisa Theresa Braun

Ekkehard Spiegel, genannt Ekke, kommt mit zwei ehrenamtlichen Parteifreundinnen, Debby Roschka und Sarina Gebel, zum Interview am Boxhagener Platz. Der liegt in Wahlkreis 5 von Friedrichshain-Kreuzberg, in dem Spiegel nicht nur zu Hause ist, sondern auch Direktkandidat der Linken für die Abgeordnetenhaus-Wahl am 20. September. Außerdem fährt der 55-Jährige, der seit 2023 als Busfahrer für die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) arbeitet, regelmäßig die Busse der Linie 240 am »Boxi« vorbei.

Gar nicht so einfach sei diese Linie: langer Bus, enge Straßen, viel Verkehr, vor allem an Markttagen. Am ersten Tag im neuen Job sei er mit dem Rückspiegel zweimal gegen ein Haltestellenschild geknallt – und habe dann noch den Spiegel eines anderen Busses abgefahren, erzählt er bei einem Cappuccino im »Hevida Kiez Back und Späti«. »Trotzdem fahre ich die Linie gerne, weil hier meine Leute wohnen und ich viele Fahrgäste kenne.« Stressige Situationen und Stau gebe es ständig. Da helfe nur »einfach ruhig bleiben«, sonst komme man nicht weit, sagt Spiegel.

Das gilt auch für die Doppelbelastung durch Schichtarbeit und Wahlkampf. »Knüppelhart« sei das und nur durch die Arbeit im Team zu managen. Gebel, Roschka und rund 30 weitere Aktive würden ihn bei allen wichtigen Angelegenheiten unterstützen und auch mitbestimmen. Als Abgeordneter möchte er noch weitergehen: »Abgeordnete sollten nicht ihrem eigenen Gewissen, sondern ihrer Wählerschaft verpflichtet sein.« Das könne so aussehen, dass er vor wichtigen Entscheidungen im Abgeordnetenhaus eine Kiezversammlung einberuft und mit allen Interessierten gemeinsam überlegt, wie er abstimmen sollte.

»Die Politik muss näher an den Menschen sein und deren Probleme angehen«, sagt er. Das mache Die Linke bereits durch Beratungen, zum Beispiel bei Mietangelegenheiten. Außerdem tritt Spiegel für eine Begrenzung der Amtszeiten ein und möchte sein Gehalt auf 2800 Euro netto begrenzen – der Rest der Abgeordnetendiät soll an Initiativen gespendet werden. Nah an den Menschen will auch Spiegel selbst bleiben, als Abgeordneter nebenbei weiter Bus fahren und »eine Brücke schlagen zwischen Betrieb und Parlament«.

Ob er überhaupt das Zeug zum Abgeordneten habe, daran habe er zu Beginn stark gezweifelt und sich gefragt, ob man dafür nicht studiert haben sollte. Doch weil er es umso wichtiger findet, mehr Arbeiter*innen ins Parlament zu schicken, willigte er schließlich ein, als sein Ortsverband Friedrichshain-Nord ihn aufstellen wollte. Er möchte damit ein Vorbild sein und die Rolle von Arbeiter*innen in der Partei stärken. Lippenbekenntnisse für eine Arbeiter*innenquote seien nutzlos, solange die Strukturen keine echte Beteiligung von Menschen im Schichtdienst ermöglichen.

Ekkehard Spiegel ist einer der wenigen Arbeiter*innen ohne Studienabschluss, der für Die Linke bei der Abgeordnetenhauswahl kandidiert.

Ekkehard Spiegel ist einer der wenigen Arbeiter*innen ohne Studienabschluss, der für Die Linke bei der Abgeordnetenhauswahl kandidiert.

Foto: Louisa Theresa Braun

Seit 2011 ist sein Wahlkreis fest in der Hand der Grünen, aktuell hält Vasili Franco das Direktmandat. Einen aussichtsreichen Listenplatz hat Spiegel nicht; er setzt ganz darauf, den Kiez direkt für Die Linke zu gewinnen. Optimistisch ist er. In den vergangenen Jahren habe sich einiges geändert – viele seien von den Grünen enttäuscht, die der »Austerität des Kaputtsparens« nicht vehement genug entgegengetreten seien. »Meine Kandidatur ist Ausdruck einer Suchbewegung nach links«, meint er.

Dass er überhaupt Parteipolitik macht, ist relativ neu; erst 2021 ist er in Die Linke eingetreten. Eigentlich kommt Spiegel aus der außerparlamentarischen Opposition: Als Jugendlicher zu DDR-Zeiten im thüringischen Saalfeld war er in der kirchlichen offenen Jugendarbeit aktiv. Da habe er zwar schon nicht mehr an Gott geglaubt, doch bis heute schätzt er die Kirche als »Ort von Gemeinschaftlichkeit« – und früher hätten sich dort die Punks getroffen, wie er einer war. Als Antifaschist sichtbar und aktiv, war er allerdings auch auf dem Radar von Neonazis und wurde nach der Wende von Rechtsextremen angegriffen. Daraufhin zog er im Dezember 1990 in die Schreina47, das zweite besetzte Haus in Ostberlin, das heute noch als Hausprojekt in Spiegels Wahlkreis besteht. Beim Hausplenum beworben habe er sich mit den Worten »Ich will die Regierung stürzen« und durfte einziehen.

Heute will Spiegel selbst ins Parlament. Dazu bewogen habe ihn einerseits die Kampagne Deutsche Wohnen & Co enteignen (DWE), bei der er aktiv war und viele Engagierte der Linkspartei getroffen habe. Andererseits der Aufstieg der AfD: Die behaupteten damals, die Mieten würden steigen, weil »zu viele Ausländer« nach Berlin kämen – und ohne DWE wären sie damit noch erfolgreicher gewesen, glaubt Spiegel. Es gelte also, für Probleme wie hohe Mieten bessere Antworten zu finden, als die AfD zu bieten habe, und das mache die Linkspartei am besten.

Besonders am Herzen liegen ihm Klima und Umwelt. Mit 16 Jahren machte Spiegel eine Ausbildung zum Gärtner und arbeitete bis vor drei Jahren in diesem Beruf, von 2003 bis 2019 in verschiedenen afrikanischen Ländern: Für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) verwandelte er Zuckerrohrfelder in Uganda in Gemüsefarmen, im Tschad bildete er Häftlinge, in Niger Schulabbrecher im Gemüseanbau aus. Vor allem das habe ihm gefallen, weil es keine Hierarchien gegeben habe. Ein ähnliches Klima erlebe er heute unter den Busfahrenden: »Keiner denkt, er sei was Besseres.«

»Das ist doch die sozialste Arbeit, die man machen kann: dafür sorgen, dass Menschen von einem Ort zum anderen kommen.«

Ekkehard Spiegel Linke Friedrichshain-Kreuzberg

Vor seinem Wechsel zur BVG, wieder in Berlin, war er zunächst für das Bildungsprojekt Weltacker in Pankow tätig. Dort werden die verschiedenen Ackerkulturen der Welt im selben Verhältnis angebaut, wie sie weltweit bestehen. Dass er dort die Zusammenhänge von Klimakrise, Landwirtschaft und Ernährung darstellen konnte, habe ihm gut gefallen und passte zur damaligen Hoffnung der Klimabewegung: dass man nur genug über die Klimakrise aufklären müsse, um Veränderungen anzustoßen. Doch diese Veränderungen hätten sich in der Praxis häufig bloß auf individuelle Konsumentscheidungen bezogen, nicht auf das große Ganze, wie er frustriert festgestellt habe. Auch »die Klimabewegung ist gescheitert«, sagt Spiegel.

Beruflich wollte er nun etwas ganz anderes machen. Die BVG suchte gerade händeringend neue Leute. Er ging zum »Tag der offenen Tür«, durfte einen Bus einmal im Kreis fahren und dachte sich: »Das ist doch die sozialste Arbeit, die man machen kann: dafür sorgen, dass Menschen von einem Ort zum anderen kommen.« Das habe sich in seinem jetzigen Berufsalltag bewahrheitet: Vor allem Ältere und Menschen mit Mobilitätseinschränkungen seien extrem dankbar, wenn er ihnen in den Bus helfe. Gerade erst habe er einer jungen Mitfahrerin die Bedeutung seiner Armaturen erklärt und sie so, laut ihrer Mutter, »sehr glücklich gemacht«.

Auch für Klimaschutz und Verkehrswende ist sein Job unabdingbar. Dass der aktuelle schwarz-rote Senat den Autoverkehr statt des Umweltverbunds priorisiere, hält Spiegel für »Kulturkampf« und »nicht im Interesse der Berliner*innen«. Er kritisiert den Rückbau von Fahrradwegen, was die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmenden gefährde. Dass auch die BVG ihr Netz bis 2027 nicht ausbauen will und auf »Stabilität vor Wachstum« setzt, ist für ihn als Busfahrer jedoch nachvollziehbar. Es fehle an Personal; die aktuellen Beschäftigten stünden enorm unter Druck, vor allem aufgrund des kräftezehrenden Schichtbetriebs, der letztendlich Lebensjahre koste. Erst einmal müssten bessere Arbeitsbedingungen garantiert werden.

Deshalb engagiert Spiegel sich bei der Gewerkschaft Verdi. Auch hier hat er mit Teamarbeit bereits viel erreicht – und auf die Probleme mancher, zum Teil rechts gesinnter Kolleg*innen bessere Antworten geben können als die AfD. So habe er sich im vergangenen Jahr an einer neuen, basisdemokratischen Form von Tarifverhandlungen beteiligt, in die nicht nur Gewerkschaftsmitglieder, sondern alle BVG-Beschäftigten einbezogen – und 2000 neue Mitglieder für Verdi gewonnen wurden. So ähnlich werde es auch für Die Linke laufen, ist er überzeugt: »Wir gehen an alle Haustüren und werden die stärkste Partei in Berlin.«

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