Der Abschied vom Berufsleben verlief ungeplant. Die Autorin erzählt, wie sie lernte, auch ohne Job Erfüllung und Selbstwert zu finden.
Courtesy of Ellen Acconcia.
Ein Umzug zwang die Autorin dazu, ihre langjährige Karriere aufzugeben.
Nach dem Ende ihres Berufslebens kämpfte sie mit ihrer eigenen Identität.
Heute hat sie einen neuen Alltag gefunden – ohne Meetings, aber mit neuer Erfüllung.
Eines Morgens, nachdem mein Mann in sein Arbeitszimmer gegangen war, stellte ich eine Waschmaschine an und blieb einen Moment stehen. Ich hörte dem gleichmäßigen Summen des Geräts zu und dem Zischen, als Wasser in die Trommel lief. Da fragte ich mich: Und was jetzt?
Seit Kurzem bezeichne ich mich als „ehemalige Marketing- und PR-Managerin im Ruhestand“. Das fühlt sich erstaunlich endgültig an. Es gab keine Abschiedsfeier, keine goldene Uhr, keine offizielle Verabschiedung – nur ein neues Wort in meiner Kurzbiografie, das plötzlich da war.
Seit meinem 19. Lebensjahr hatte ich immer in Vollzeit gearbeitet. Über viele Jahre baute ich mir eine Karriere in den Bereichen PR und Marketing auf. Mein Beruf prägte mich. Er gab meinen Tagen Struktur und vermittelte mir das Gefühl, etwas wert zu sein. Und dann war ich plötzlich nicht mehr diese Person.
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Courtesy of Ellen Acconcia.
Kurz vor Beginn der Corona-Pandemie planten mein Mann und ich den Umzug aus der Nähe von Washington, D.C., in eine ruhigere Küstenstadt in North Carolina. Sein Job ließ sich problemlos aus der Ferne erledigen. Nach neun Jahren in meiner damaligen Position ging ich davon aus, dass das auch für meinen Arbeitsplatz möglich sein würde.
Ich war überzeugt, dass mein Vorschlag für mobiles Arbeiten wasserdicht war. Bis kurz vor Schluss schien alles nach Plan zu laufen – und dann änderte sich plötzlich alles. Mir wurde mitgeteilt, dass meine Stelle zwingend eine Präsenz im Büro in Virginia erfordere. Verhandlungsspielraum gab es keinen.
Also kündigte ich. Ich redete mir ein, dass es nur eine vorübergehende Unterbrechung sei. Doch dann begann die Pandemie – und plötzlich arbeiteten alle im Homeoffice. Dass dazu auch meine ehemaligen Kollegen gehörten, entging mir natürlich nicht.
Der Neustart verlief anders als erhofftDie wirtschaftlichen Möglichkeiten in unserer neuen Heimat, einer kleinen Küstengemeinde in North Carolina, unterscheiden sich deutlich von denen in Nord-Virginia. Zunächst arbeitete ich für eine kleine Marketingagentur und sollte lokale Unternehmen vermarkten. Doch ich hatte nie das Gefühl, dort wirklich angekommen zu sein.
Danach übernahm ich eine Teilzeitstelle im Bereich Kommunikation bei einer landesweiten gemeinnützigen Nachrichtenorganisation – komplett remote. Der von der Pandemie geprägte Nachrichtenzyklus war extrem fordernd. Aus der Teilzeitstelle wurde schnell eine Vollzeitbeschäftigung, allerdings ohne zusätzliche Sozialleistungen. Gleichzeitig geriet die Organisation finanziell unter Druck, und ohne nennenswertes Marketingbudget konnte ich meine Arbeit kaum erfolgreich machen. Deshalb entschied ich mich, auch diesen Job aufzugeben.
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Kurz darauf musste ich mich an einen völlig neuen Alltag gewöhnen. Fast mein ganzes Leben lang war ich jemand mit einem Jobtitel, einem Gehalt und einem festen Arbeitsplatz gewesen. Ohne all das wusste ich plötzlich nicht mehr so recht, wer ich war.
Ich musste meine Rolle neu definierenEinerseits war es meine eigene Entscheidung gewesen, beruflich kürzerzutreten. Trotzdem fragte ich mich immer wieder, ob ich mich ohne Arbeit überhaupt noch wertvoll, unabhängig und vollständig fühlen könnte. Und obwohl mein Mann versuchte, mir das Gegenteil zu vermitteln, zweifelte ich daran, ob ich ohne eigenes Einkommen überhaupt noch einen wichtigen Beitrag zu unserem Haushalt leistete.
Courtesy of Ellen Acconcia.
Mir half es, mich auf das Schreiben zu konzentrieren – etwas, für das ich während meiner anspruchsvollen Berufsjahre kaum Zeit gehabt hatte. So lernte ich, mich mit Tagen anzufreunden, die nicht mehr von Meetings oder Abgabefristen bestimmt werden.
Um mein schlechtes Gewissen zu lindern, weil ich kein eigenes Einkommen mehr erwirtschaftete, riet mir mein Mann, der als Finanzberater arbeitet, früher als ursprünglich geplant Sozialversicherungsleistungen zu beziehen und zusätzlich Geld aus meinem Rentenkonto zu entnehmen.
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Heute setzen wir andere Prioritäten. Wir reisen an Orte, die wir früher wegen Familie und Beruf immer aufgeschoben hatten. Ich schreibe, gehe ins Fitnessstudio, engagiere mich ehrenamtlich, treffe Freunde zum Abendessen und besuche Theater- und Konzertaufführungen.
Hätte ich mich anders gefühlt, wenn ich meinen Beruf mit einer klassischen Verabschiedung beendet hätte? Wenn es offizielle Abschiedsworte und einen klaren Schlusspunkt gegeben hätte? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass sich meine Identität zwar verändert hat, mein Leben heute jedoch nicht mehr bis auf die Stunde genau durchgeplant sein muss.
Niemand wartet mehr darauf, dass ich mich irgendwo einlogge. Und genau deshalb habe ich das Gefühl, zur richtigen Zeit angekommen zu sein.
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