Eine Geologin gab ihre Karriere auf, um ihre kranken Eltern zu pflegen. Als sie zurück in den Job wollte, stellte sie alles infrage.
Joshua Paul for BI
Dieser „As told to“-Artikel basiert auf einem Gespräch mit Natasya Pawanteh (45) aus Kuala Lumpur in Malaysia. Der Text wurde aus Gründen der Länge und Verständlichkeit bearbeitet.
2017 war ich ein ausgesprochener Workaholic. Als ehrgeizige Geologin mitten in meiner Karriere arbeitete ich für Shell im malaysischen Bundesstaat Sarawak und wollte mich fachlich immer weiterentwickeln.
Die Arbeit hatte oberste Priorität – auch an Wochenenden und bis spät in die Nacht. Gesundheit und Schlaf blieben dabei auf der Strecke. Irgendwann forderte dieser Lebensstil seinen Preis.
Zur gleichen Zeit kümmerten sich meine Schwestern um unsere Eltern, die beide Jahre zuvor einen Schlaganfall erlitten hatten. Mir wurde bewusst, dass mir womöglich nicht mehr viel Zeit mit ihnen bleiben würde.
Im Mai 2018 kündigte ich im Alter von 36 Jahren meinen Job. Der selbst verursachte Stress und der Gesundheitszustand meiner Eltern hatten mich zu dieser Entscheidung gebracht. Ich zog zurück nach Westmalaysia, um bei ihnen zu sein. Eigentlich wollte ich höchstens zwei Jahre aussetzen, meine Schwestern unterstützen und anschließend wieder in die Branche einsteigen.
Aus den geplanten zwei Jahren wurden schließlich siebeneinhalb – und am Ende führte mich die Auszeit in eine völlig neue berufliche Richtung.
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Ich genoss die gemeinsame Zeit mit meinen Eltern. Trotzdem fragten sie mich immer wieder, warum ich meinen Beruf aufgegeben hatte, obwohl es beruflich so gut für mich lief. Sie ermutigten mich, wieder arbeiten zu gehen. Tatsächlich dachte ich zeitweise über eine Stelle bei Shell in den Niederlanden nach. Wegen der Corona-Pandemie kam sie jedoch nie zustande.
Noch im selben Jahr verschlechterte sich der Gesundheitszustand meines Vaters deutlich. Im Nachhinein bin ich dankbar, dass ich zu Hause war und ihn zu seinen Behandlungen begleiten konnte.
Für zwei pflegebedürftige ältere Menschen reichte eine Betreuungsperson längst nicht mehr aus. Meine beiden Schwestern und ich kümmerten uns deshalb gemeinsam rund um die Uhr um unsere Eltern. Wenn wir einmal dringend eine Pause brauchten, rief ich meine Brüder an, die in Kuala Lumpur arbeiteten, und sagte: „Ich muss einfach schlafen. Könnt ihr bitte für zwei Tage nach Hause kommen?“
Die Krankenhausaufenthalte wurden immer häufiger, bis mein Vater im Dezember 2022 starb. Zeit zum Trauern blieb uns kaum, denn der Gesundheitszustand meiner Mutter verschlechterte sich kurz darauf ebenfalls drastisch. Wir mussten weiter funktionieren und uns ganz auf sie konzentrieren. Erst nach ihrem Tod im August 2024 wurde mir wirklich bewusst, was wir in all den Jahren erlebt hatten.
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In den Monaten nach dem Tod meiner Mutter musste ich wieder arbeiten gehen. Meine Ersparnisse waren nahezu aufgebraucht, und meine Geschwister unterstützten mich großzügig finanziell.
Es war fast sieben Jahre her, dass ich zuletzt als Geologin gearbeitet hatte. Keines der informellen Gespräche, die ich mit Menschen aus der Branche führte, eröffnete mir eine neue Chance. Eine Person sagte mir sogar, ich müsse nach meiner langen Auszeit praktisch wieder bei null anfangen. Jemanden davon zu überzeugen, mir eine Chance zu geben, wäre ein harter Kampf geworden.
Hinzu kam, dass mein Herz nicht mehr wirklich für die Geologie schlug. Ich hatte das Fach geliebt, seit ich 16 Jahre alt war. Doch mir wurde klar, dass sich früher vieles nur um mich gedreht hatte. Die Zeit mit meinen Eltern zeigte mir, was es bedeutet, für einen anderen Menschen da zu sein. Deshalb beschloss ich, mich ehrenamtlich zu engagieren und meinen Horizont zu erweitern.
Während ich für die gemeinnützige Organisation Kechara Soup Kitchen Society Lebensmittel verteilte, bemerkte eine Frau in der Warteschlange, dass mein T-Shirt hinten hochgerutscht war. Sie zog es ganz behutsam herunter, strich mir kurz über den Rücken und winkte mir zu. Sie konnte kaum sprechen. Ich stand einfach nur da und hätte beinahe geweint. Ihre kleine Geste der Fürsorge ließ mich erkennen, dass ich selbst ein Mensch sein wollte, der anderen hilft.
Eine andere Ehrenamtliche fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, dort auch bezahlt zu arbeiten. Ich sagte sofort zu. Noch am selben Tag lernte ich den Geschäftsführer kennen und bekam direkt mein erstes Vorstellungsgespräch. Früher hatte ich meine eigenen Fähigkeiten oft kleiner gemacht, als sie waren. Dieses Mal sprach ich selbstbewusst über die Kompetenzen, die ich aus meiner Zeit als Geologin mitbrachte – etwa im Stakeholder-Management oder bei der logistischen Planung.
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Im zweiten Bewerbungsgespräch wurde ich gefragt, wie die Pflege meiner Eltern meinen Blick auf Fürsorge, Mitgefühl und Gemeinschaft verändert habe. Es tat gut, dass meine siebenjährige Auszeit nicht als Makel betrachtet wurde. Im Gegenteil: Sie stand im Mittelpunkt des Gesprächs.
Ende 2025 erhielt ich schließlich das Angebot, als Assistentin des Geschäftsführers einzusteigen. Ich liebe es, mit meiner Arbeit das Leben anderer Menschen positiv zu beeinflussen. Ich weiß bisher nicht, wohin mich dieser Berufsweg führen wird. Aber es gibt unglaublich viel zu lernen. Es fühlt sich an, als hätte sich für mich ein völlig neues Universum eröffnet.
Pflege meiner Eltern ist meine größte LebensleistungAls ich zur Pflegeperson meiner Eltern wurde, fiel mir das anfangs sehr schwer. In der Unternehmenswelt definiert man sich oft über seine beruflichen Erfolge. Nachdem ich meinen Job aufgegeben hatte, fühlte ich mich plötzlich unsichtbar – als hätte ich meine berufliche Identität verloren.
Ich fragte mich, ob mich meine ehemaligen Kollegen überhaupt noch ernst nehmen würden. Manchmal hatte ich sogar Angst, geistig abzubauen, weil ich mein Gehirn nicht mehr auf dieselbe Weise forderte.
Joshua Paul for BI
Doch als sich der Gesundheitszustand meiner Eltern immer weiter verschlechterte, musste ich diese Gedanken beiseiteschieben. Das Wichtigste war, die Zeit zu nutzen, die uns noch blieb. Es war ein Privileg, beide bis zu ihrem letzten Tag begleiten zu dürfen. Ich glaube, das wird die größte Leistung meines Lebens bleiben.
Meine berufliche Auszeit hat mich geduldiger gemacht und mir geholfen, besser mit anderen Menschen umzugehen. Heute begegne ich ihnen mit deutlich mehr Verständnis und Mitgefühl.
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Allen, die eine längere Karrierepause einlegen, würde ich raten, auch Wege auszuprobieren, die sie früher nie in Betracht gezogen hätten. Der Lebens- oder Karriereplan, den man sich einmal zurechtgelegt hat, ist nicht zwangsläufig der richtige.
Eine Stelle bei einer Hilfsorganisation stand früher definitiv nicht auf meiner Lebensliste. Umso glücklicher bin ich, dass genau dort nun das zweite Kapitel meines Lebens begonnen hat.
Shell reagierte auf eine Anfrage von BI bis zur Veröffentlichung dieses Artikels nicht.
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