Europa droht China mit einem Handels-Kill-Switch und setzt selbst auf Subventionen. Gabor Steingart warnt vor einem gefährlichen Kurswechsel.
Europa verschärft den Handelskonflikt mit China – und wirft dabei eigene Prinzipien über Bord. Gabor Steingart sieht eine gefährliche Doppelmoral, die den nächsten Handelskrieg entfachen könnte.
in dem Märchen „Das kalte Herz“ erzählt Wilhelm Hauff von einem Waldarbeiter namens Peter Munk, der neidisch und habgierig wird, als er die reichen Holzhändler sieht. Er selbst schuftet körperlich schwer, derweil sie durch den Handel reich werden.
Das bekümmert ihn. Das macht ihn rasend.
Da bietet ihm ein listiger Waldgeist ein Tauschgeschäft an: Er möge doch sein warmes Herz gegen einen Stein in der Brust tauschen. Denn das warme Herz, so das Argument des Geistes, mache ihn zu feinfühlig, deshalb auch leidend, und hindere ihn daran, reich zu werden. Die reichen Händler hätten alle ein Herz aus Stein, deshalb sei der Tausch für den Waldarbeiter ein lohnendes Geschäft.
Der Mann lässt sich darauf ein. Ihm wird das warme Herz entnommen und ein Stein eingesetzt. Er wird reich, aber gefühllos. Er verrät die Menschlichkeit und damit auch seine bisherigen Prinzipien. Er jagt seine Mutter vom Hof, presst die Armen aus und erschlägt seine Frau, weil sie einem Bettler Brot und Wein gegeben hat.
Dieses Gleichnis erlebt in diesen Tagen seine Aufführung in der europäischen Realität. Das einst marktwirtschaftliche Europa ist dabei, sein Herz zu verhärten. Die bisherigen Prinzipien des Freihandels, also das Bekenntnis zum freien Spiel von Angebot und Nachfrage auf den Weltmärkten, werden gegenüber China verraten.
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Wir wollen jetzt reich bleiben und nicht mehr marktwirtschaftlich sein. Der Gedanke, dass ein ehemaliges Entwicklungsland seine Aufholjagd fortsetzt, wärmt nicht mehr. Fairness muss man sich leisten können.
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China, der größte Warenexporteur der Erde, dessen Handelsüberschuss 2025 erstmals die Marke von einer Billion Dollar überschritt, ist nicht mehr Partner, sondern Rivale. Und für einige in Brüssel ist der Rivale bereits zum Erzfeind geworden.
Die Zahlen zum Gefühl: 2025 exportierte die EU laut Eurostat Waren für 199,6 Milliarden Euro nach China und importierte für 559,4 Milliarden, ein Defizit von 359,8 Milliarden Euro. Das Ungleichgewicht entsteht vor allem bei Maschinen, Chemie, Metallen, Solarpaneelen, Batterien und IT-Produkten.
Bereits im Oktober 2024 hatte Brüssel Ausgleichszölle von bis zu 35,3 Prozent auf chinesische E-Autos verhängt, worauf Peking mit Strafmaßnahmen gegen Brandy, Schweinefleisch und Milchprodukte antwortete.
Seinen effektivsten Hebel hält China weiter in der Hand: Die umfassenden Exportkontrollen für Seltene Erden vom Oktober 2025 sind zwar bis zum 10. November 2026 ausgesetzt, aber jederzeit kann China Europa von dieser wichtigen Rohstoffgruppe abschneiden.
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Friedrich Merz und Emmanuel Macron hat das bislang nicht beeindruckt. Sie forderten am 5. Oktober in einem Brief an Ursula von der Leyen ein Instrument nach dem Vorbild der Amerikaner, einen sogenannten „Kill Switch“, mit dem die EU einem Handelspartner den Zugang zum Binnenmarkt verschließen kann. In der Konsequenz würde das bedeuten: Kauft nicht beim Chinesen.
Was für eine Kehrtwende: Deutschland hatte noch 2024 gegen die E-Auto-Zölle gestimmt. Damals erinnerte sich das warme Herz noch an die Erfolgsgeschichte der deutschen Autobauer, die zeitweise rund ein Drittel ihrer Fahrzeuge in China absetzten und ihre Bilanzen mit dem Geldregen aus Fernost bewässerten.
Der EU-Gipfel, der gestern begann und heute endet, berät über den „Kill Switch“ als ultimative Drohung. Chinas Handelsministerium nannte das Instrument bereits protektionistisch und einseitig und kündigte, wie nicht anders zu erwarten, eine entschlossene Antwort an.
Zur gleichen Zeit, in einem anderen Verhandlungssaal der EU, ringen die Mitgliedstaaten um den nächsten Finanzrahmen für die Jahre 2028 bis 2034; eine Einigung ist bis Ende 2026 angestrebt.
Die Kommission hatte am 16. Juli 2025 knapp zwei Billionen Euro vorgeschlagen, deutlich mehr als die 1,2 Billionen des laufenden Haushalts. Der größte zweckgebundene Einzelposten bleibt die Agrarsubvention: 300 Milliarden Euro sollen für Landwirte reserviert bleiben.
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Daneben soll ein neuer Wettbewerbsfonds mit 234 Milliarden Euro in strategische Technologien investieren. Allein 131 Milliarden Euro sind für Verteidigung, Sicherheit und Raumfahrt vorgesehen, fünfmal so viel wie bisher. Weitere 67,4 Milliarden Euro, gespeist aus dem Fonds und den Erlösen des Emissionshandels, sollen saubere Industrietechnologien fördern.
Genau das also, was Brüssel Peking vorwirft, wird hier geplant: Staatliches Kapital soll gezielt in politisch ausgewählte Branchen gelenkt werden. Was mit Blick auf die Chinesen „unfaire Handelspraktiken“ heißt, nennt man jetzt „europäische Industriepolitik“.
Wir lernen: Es gibt gute (europäische) und schlechte (chinesische) Subventionen. Es gibt berechtigte Interessen (nämlich unsere) und unfaire Handelspraktiken (nämlich ihre).
Die Schizophrenie wird zum Maßstab des politischen Handelns.
Wenn es den Europäern nützt, fordern wir Freihandel, so wie gegenüber Donald Trump und seiner Zollpolitik. Dann wird Empörung zur ersten Bürgerpflicht. Von der Leyen im April 2025 über Trumps Zölle:
„Ein schwerer Schlag für die Weltwirtschaft.“
Wenn es den Europäern schadet, wird der Freihandel durch Protektion ersetzt. Europa zuerst. Von der Leyen im September 2023 über China: Die Weltmärkte würden „von billigeren chinesischen Elektroautos überschwemmt“.
Im Märchen von Wilhelm Hauff kommt der Waldarbeiter zur Einsicht. Das harte Herz und das Leben in der Gefühllosigkeit missfallen ihm nach einiger Zeit. Er ist sich selbst fremd geworden und will sein altes Leben zurück.
Mit einer List gelingt es ihm tatsächlich, dem Waldgeist sein warmes Herz wieder abzujagen und den Stein in der Brust loszuwerden. Seine Erkenntnis:
„Es ist doch besser, zufrieden zu sein mit wenigem.“
Fazit: So weit ist Europa noch nicht. Das Herz erkaltet weiter und die europäisch-chinesischen Beziehungen verhärten sich. Was wir da beobachten, ist ein Handelskrieg im Embryonalzustand.
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