Nach dem grossen Erfolg ihres Debüts «Die schönste Version» erzählt Thomas in «Die zweitgrösste Liebe» von einer verschuldeten Frau aus der Lausitz und einem reichen Mann aus privilegiertem Elternhaus – und trifft damit einen Nerv der Gegenwartsliteratur.
Nach dem grossen Erfolg ihres Debüts «Die schönste Version» erzählt Thomas in «Die zweitgrösste Liebe» von einer verschuldeten Frau aus der Lausitz und einem reichen Mann aus privilegiertem Elternhaus – und trifft damit einen Nerv der Gegenwartsliteratur.
Maja Goertz14.10.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten

Jonas Holthaus
Es geht nicht gut aus. Das weiss der Leser schon nach den ersten Seiten: Die Beziehung, die in Ruth-Maria Thomas’ neuem Roman «Die zweitgrösste Liebe» entsteht, zerbricht wieder. Die Frage ist also nicht, ob das Paar ein Happy End erleben wird, sondern was auf dem Weg zur Trennung passiert. Und vor allem, welchen Anteil die unterschiedlichen sozialen und finanziellen Welten der beiden daran haben.
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Das Grundgerüst für diese Erzählung ist einfach: Der Mann ist reich, die Frau ist es nicht. Genauer gesagt ist sie, Michelle, verschuldet. Ihre Geld- und Existenzsorgen sitzen wie ein Tinnitus in ihrem Ohr und damit auch im Text. Immer wieder rechnet sie nach: Wie viel hat sie gespart, wenn sie aus dem Hotel, in dem sie arbeitet, Essensreste mitnimmt? Wie viel bleibt von ihrem Lohn, wenn die Miete abgezogen ist?
Einmal beschreibt Thomas einen solchen Moment so: «Zu Hause dann halber Nervenzusammenbruch, als sie das Geld aus der Kaffeedose zog, die Scheine zählte, ihre Bank-App checkte, sich auf den Handknöchel biss. Sie dachte an ihre Schulden.» Obwohl sich Michelles finanzielle Lage im Laufe der Geschichte verändert, tut es ihre zwanghafte Beziehung zu Geld nicht wirklich.
Lassen sich soziale Unterschiede überwinden?Schon Ruth-Maria Thomas’ erster Roman, «Die schönste Version», erzählte eine Liebesgeschichte, in der es im Kern um etwas anderes ging: um häusliche Gewalt. Das Buch wurde zum Bestseller, entsprechend gross war die Erwartung an den Nachfolger. Die «Zeit» begleitete die Autorin ein Jahr lang beim Schreibprozess. Auch im neuen Roman wird die Beziehung zum Schauplatz einer grösseren gesellschaftlichen Frage. Diesmal lautet sie: Lassen sich soziale Unterschiede überwinden?
Auf den ersten Blick wirken die beiden Figuren, aus deren wechselnden Perspektiven die Geschichte erzählt wird, wenig originell. Michelle isst sehr viele saure Apfelringe, kaut ständig Kaugummi, raucht, flucht und hat ein Rosentattoo auf dem Oberschenkel. Schulden hat sie, weil ihr Schmuckgeschäft in der Lausitz während der Pandemie pleitegegangen ist.
Auch Thomas’ erster Roman spielte in Ostdeutschland, Michelle war dort eine Nebenfigur. Die Lausitz ist der Autorin, die 1993 in Cottbus geboren wurde, vertraut. In «Die zweitgrösste Liebe» ist der Osten weniger Schauplatz eines dezidierten Ostromans als Hintergrund: eine Region, in der Vermögen weniger selbstverständlich ist und in der Michelle gelernt hat, mit wenig auszukommen. Geografisch hat sie den Osten hinter sich gelassen, innerlich ist er geblieben.
Klasse als KlischeefalleUnd dann ist da der Wessi Henry, der eigentlich Paul Heinrich heisst und im Vergleich zu Michelle, die im Text plastisch wird, blasser daherkommt. Seine Eltern sind Akademiker, er ist in einem Haus mit Garten aufgewachsen, vermutlich in Hamburg. Seine Schwester macht Praktika in New York, er selbst lebt in einer grossen Eigentumswohnung und arbeitet im Finanzbereich. Er hat das Geld, das Michelle fehlt, und die Selbstverständlichkeit, mit der man aufwächst, wenn es nicht ständig mitgedacht werden muss. Zwei Welten, bei denen man denkt: Ja, genau. Ein bisschen zu sehr Klischeekiste.
Wie erzählt man über Klasse, ohne in solche Stereotype zu geraten? Thomas begegnet dem Problem vor allem dort klug, wo sie ihre Figuren mit ihren eigenen Vorurteilen konfrontiert. Henry etwa glaubt, Michelle müsse sich für ihre Herkunft schämen. Er geniert sich, mit dem Taxi bei ihr vorzufahren, während sie ihn ungeniert in ihre Einzimmerwohnung einlädt, die er dann in ihrer Winzigkeit romantisch findet. Thomas dreht damit ein bekanntes Motiv um: Nicht die Ärmere versteckt ihre Herkunft, sondern der Privilegierte unterstellt ihr, dass sie das tue.
Sprachlich ist der Roman eng an Michelles Figurenrede geführt. Sie ist umgangssprachlich, direkt, manchmal derb, wie schon in Thomas’ Debüt. «Gar kein Bock auf die Blicke, die Gespräche», denkt die Protagonistin etwa an einer Stelle. Viele Sätze sind kurz, stakkatoartig. Sprachlich raffiniert ist das nicht unbedingt, aber mit der Figur kohärent. Die Formulierung von Gedankenströmen entfaltet immer wieder eine soghafte Wirkung.
Die Sally-Rooney-ErfolgsformelTrotzdem kommt man beim Lesen nicht ganz umhin, sich zu fragen, was es ist, das die Liebe dieser beiden ausmacht. Stärken hat der Text vor allem da, wo Michelle darüber nachdenkt, wie sie sicher sein kann, dass sie wirklich Henry liebt und nicht bloss die Sicherheit seines Geldes, mit dem er ihr Schuhe kauft. Thomas gelingt es, sie als widersprüchliche Figur zu zeichnen, die ihn weder ausnutzt noch als zurückhaltende Maid auftritt, die zu stolz dafür wäre, von seinem Vermögen zu profitieren.
Gerade mit dieser Konstellation trifft Thomas einen Nerv: Beziehungsgeschichten, die im Privaten das Politische erzählen, sind gerade sehr beliebt. Die irische Bestsellerautorin Sally Rooney hatte mit genau diesem Konzept grossen Erfolg. In ihren Romanen verlieben sich junge Menschen, streiten und reden über ihre Gefühle, während zugleich Fragen nach Herkunft, Geschlecht oder sozialem Status eine wichtige Rolle spielen. Solche Bücher stillen wohl das Bedürfnis nach Literatur, die unterhaltsam ist und sich leicht lesen lässt, aber über das Herzklopfen hinausgeht und durch ihren gesellschaftlichen Anspruch zur Selbstspiegelung einlädt.
Die Kategorie Klasse ist dabei beinahe zu einem eigenen Genre geworden. Erstaunlicherweise taucht zurzeit – von Caroline Wahl bis Dana Vowinckel – immer wieder eine Paarung auf, die schon seit je bedient wird: die zwischen reicheren Männern und ärmeren Frauen. Thomas gelingt es, aus diesem bekannten und deshalb etwas abgegriffenen Konstrukt heraus eine Geschichte zu erzählen, bei der niemand gerettet wird. Ein Glück – denn genau das macht sie interessant.
Ruth-Maria Thomas: Die zweitgrösste Liebe. Roman. DTV, München 2026. 304 S., Fr. 36.90.
| # | Наименование новости | Тональность | Информативность | Дата публикации |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Buchpreis-Gewinnerin Martina Hefter mit neuem Roman über ihre Heimat Leipzig | 0 | 10.36 | 17-10-2026 |
| 2 | New York Times bestseller confesses: I can’t write a simple love story | 0 | 10.34 | 25-09-2026 |
| 3 | Thilo Krause erzählt wunderbar sinnlich vom Ende einer Kindheit und vom Ende der DDR | 0 | 9.28 | 18-10-2026 |
| 4 | Book Review: ‘Hannah Arendt,’ by Thomas Meyer | 0 | 6.75 | 12-08-2026 |
| 5 | Befindlichkeitsgequatsche | 0 | 21.11 | 02-03-2026 |
| 6 | Pfingsten | 0 | 21.11 | 25-05-2026 |
| 7 | Stories made in USA - Toni Morrison: "Beloved" | 0 | 5 | 30-06-2026 |
| 8 | «Манфред: исповедь пришельца» Томаса Лера в продаже | 0 | 5 | 18-06-2026 |
| 9 | 📝Отзыв Прочитала уже вторую книгу автора и снова под чудесным впечатлением😍 ... | 0 | 6.84 | 24-09-2026 |
| 10 | Хочется познакомить вас с необычным романом очень хорошего писателя. Необычное ... | 5 | 7 | 27-06-2026 |