«Eine wie Alaska» und «Das Schicksal ist ein mieser Verräter» stehen in den Regalen unzähliger Jugendlicher. In «Hollywood, Ending» blickt Green hinter die glitzernde Fassade Hollywoods und erzählt von Liebe, Verlust und den Schattenseiten des Ruhms.
«Eine wie Alaska» und «Das Schicksal ist ein mieser Verräter» stehen in den Regalen unzähliger Jugendlicher. In «Hollywood, Ending» blickt Green hinter die glitzernde Fassade Hollywoods und erzählt von Liebe, Verlust und den Schattenseiten des Ruhms.
Daniel Haas21.10.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten

Marina Waters
Für die Romane des amerikanischen Schriftstellers John Green galten bisher vier eiserne Gesetze: Sie handelten von Teenagern, jungen Erwachsenen. Es ging um Leben und Tod. Fast alle wurden verfilmt oder fürs Fernsehen adaptiert. Und alle waren riesige Erfolge.
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Das erfolgreichste Buch des 49-jährigen Autors, der nebenbei auch als Youtube-Blogger sein Geld verdient, ist die tragische Romanze «Das Schicksal ist ein mieser Verräter». Es erschien 2012 und verkaufte sich weltweit über 23 Millionen Mal. Zum Kinostart der Verfilmung seines Vorgängerromans «Margos Spuren» legte der Penguin-Verlag extra eine Filmausgabe auf. Auflage: 1,5 Millionen.
Solche Zahlen können leicht in die Irre führen. Sie nähren die Arroganz jener, die glauben, ein Autor, der Millionen Bücher verkaufe, könne nicht anspruchsvoll sein. John Green ist der Gegenbeweis. Seine Romane belegen, dass man gleichzeitig exzellent schreiben, glänzend unterhalten und eine Idee literarisch auf hohem Niveau bebildern kann.
Erster Roman seit neun JahrenWas ist die leitende Idee von Greens Romanen? Hier kommen Liebe und Tod ins Spiel – jene beiden Grundmotive, die der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zu den zentralen Themen der Literatur zählte. Wer «Das Schicksal ist ein mieser Verräter» gelesen hat, weiss: Mehr Liebe, Hingabe und Zartgefühl kann man einem Romanpaar kaum andichten. Mehr Schmerz und Verlust auch nicht – die beiden jugendlichen Hauptfiguren sind todkrank.
Auch in «Hollywood, Ending» – Greens erstem Roman seit neun Jahren, den der Verlag ausdrücklich als Buch für Erwachsene vermarktet – geht es um Leid, Entbehrung und Enttäuschung. Man braucht bei der Lektüre allerdings nicht ganz so viele Taschentücher. Green weiss, dass Erwachsene emotional weniger belastbar sind als Jugendliche – oder sind sie einfach feiger? Wer könnte mehr Welt- und Schicksalsschmerz ertragen als ein Teenager?
Der Roman erscheint zunächst als Liebesgeschichte zwischen zwei angehenden Hollywood-Jungstars: Juniper und Kai. Sie war ein Kinderstar, berühmt gemacht und zugleich ausgebeutet von geldgierigen Produzenten einer Nickelodeon-Serie. Kai ist ein introvertiertes, noch unentdecktes Talent. Er erinnert an Timothée Chalamet oder den jungen Leonardo DiCaprio. Schauspieler, die alles für ihre Rolle geben.
Die Identitätskrise darf nicht fehlenJuniper und Kai lernen sich am Set eines Films kennen, der Andy Warhols letzte Lebenswochen erzählt. Warhol wird von Matthew gespielt, einem Megastar, der zwischen Blockbustern immer wieder kleinere Filme dreht – in der Hoffnung auf eine Oscar-Nominierung und den Beifall der Kritik. Spielt man das Ratespiel, welcher Hollywoodstar John Green als Vorlage für seine Figuren gedient haben könnte, käme für Matthew vielleicht Tom Cruise infrage: ein Star, der im einen Film Bomben entschärft und Schurken verprügelt, im nächsten einen Bürgersmann spielt, der sich in ein verhängnisvolles Begehren nach Enthemmung verstrickt.
Dazu kommt das übliche Hollywood-Personal: die taffe Agentin, Publicity-geile Produzenten, diffamierende Journalisten. Die Handlung führt von den Dreharbeiten zum Warhol-Film über die Vorbereitung von Juniper und Kai auf ihren nächsten gemeinsamen Film, einen Blockbuster, bis zu der Premiere des Warhol-Films und ihren Folgen.
Denn die Premiere bleibt nicht ohne Konsequenzen. Juniper und Kai stürzen in eine doppelte Krise, sie ist beruflicher und privater Natur. Für zwei Künstler Mitte zwanzig, deren Beruf es ist, die Identität zu wechseln, ist das – gelinde gesagt – ein Riesenproblem.
Die Vermarktung der WeiblichkeitBei aller Rasanz der Handlung ist «Hollywood, Ending» eine Prosa-Collage, in der mehrere Bedeutungsebenen übereinanderliegen. Da wären: Andy Warhols Rolle in der Kunstgeschichte und die Frage, was uns die postmoderne Ästhetik heute noch zu sagen hat. Da ist die Geschichte von Verlust und Gewalt: Juniper und Kai wurden Opfer von Übergriffen, Junipers Mutter starb an ihrer Alkoholsucht. Und da ist das Leben unter den Bedingungen permanenter medialer Beobachtung, im Blick von Fans, Kritik und Öffentlichkeit.
Green versteht es, Anekdoten und Kritik am Mediengeschäft einzuflechten, ohne dem Roman seine Leichtigkeit zu nehmen. Seine gebildeten, selbstkritischen und selbstironischen Figuren erleben ihre Karrieren nicht nur als Aufstieg, sondern auch als Herausforderung in einem Business, das alles verwertet, um Quoten zu steigern und Zielgruppen zu bedienen.
«Hollywood, Ending» erzählt auch von Weiblichkeit und davon, wie sie in der Filmindustrie vermarktet wird. Junipers Probleme dürften aber auch erfolgreiche Frauen in anderen Branchen kennen: Welche Frauenbilder fördern die Karriere? Und wie weit kann sich eine Frau von medial verbreiteten Klischees distanzieren – von der Femme fatale über die Mutter und die beste Freundin bis zum drolligen Nerd?
Ein bisschen Liebe geht immerWie schon in seinem 2012 erschienenen Weltbestseller «Das Schicksal ist ein mieser Verräter» dient uns Green seine Figuren mit so viel Humor und sprachlicher Nonchalance an, dass man nicht anders kann, als sie zu mögen. Das zeigt sich auch in einer frühen Szene, in der Kai seiner Filmkollegin Juniper eine Liebeserklärung macht: «Du hast mich eingeladen, mit mir Text zu üben, weil ich nervös war. Dafür liebe ich dich.» – «Puh. Also, danke Kai.» – «Ich meine, ich liebe dich nicht abgöttisch oder so was. Aber ich liebe dich irgendwie. Ich liebe dich ein bisschen.»
In diesem kleinen Dialog steckt die ganze Vertracktheit des Sichverliebens, das Schwanken zwischen Übermut und Ängstlichkeit, wenn man jemandem seine Gefühle gesteht. Solche Momente gibt es viele in «Hollywood, Ending». Man liest sie und verliebt sich mit jeder Szene ein bisschen mehr in die Helden dieses Buchs. Und sich beim Lesen zu verlieben – dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden.
John Green: Hollywood, Ending. Roman. Hanser, München 2026. 368 S., Fr. 38.90.
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