Sechs Jahre voller Herausforderungen, neuer Chancen und Erfolge: Was ich in Portugal gelernt habe und weshalb ich heute vieles anders sehe.
Sechs Jahre voller Herausforderungen, neuer Chancen und Erfolge: Was ich in Portugal gelernt habe und weshalb ich heute vieles anders sehe.
„Du lebst hier in Portugal – hast du es gut!“ Diesen Satz habe ich in den vergangenen Jahren oft gehört. Von deutschen Urlaubern in Cascais oder Lissabon, von Freunden und Bekannten aus Deutschland. Meist verbunden mit einem gewissen Neid: Sonne, Meer, gutes Essen – und das alles vor der Haustür. Heute, an meinem sechsten Jahrestag in Portugal, kann ich sagen: Ja, ich habe es gut.
Aber das hat nichts mit Glück zu tun. Es war eine Entscheidung. Ich habe Verantwortung für mein Leben übernommen und mir hier einen Alltag aufgebaut, von dem ich keinen Urlaub brauche.
Svenja Stapper ist 2021 nach Portugal ausgewandert und unterstützt heute vor allem Solo-Selbstständige dabei, den portugiesischen Bürokratie-Dschungel zu meistern. Sie ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Damals war alles neu: der erste Behördengang, der erste Termin beim Zahnarzt, die erste Situation in der Notaufnahme oder das erste Telefonat mit dem Friseursalon. Nicht nur Sprache und Verständigung waren ein Problem, sondern auch andere Abläufe, Gewohnheiten und kulturelle Unterschiede.
Gerade am Anfang kann das anstrengend sein. Gleichzeitig liegt darin eine große Chance: Man lernt, mit Situationen umzugehen, die man vorher nicht kannte. Und man stellt fest, dass man deutlich mehr bewältigen kann, als man zunächst dachte.
Nach sechs Jahren spreche ich Portugiesisch fast fließend. Am Anfang hätte ich nie gedacht, dass ich das schaffen würde. Die Sprache hat nicht nur den Alltag erleichtert, sondern auch den Zugang zu den Menschen. Denn Sprache bedeutet Verbindung. Wer die Landessprache spricht, versteht nicht nur mehr Wörter, sondern auch Zusammenhänge, Humor und kulturelle Besonderheiten.
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Im Laufe der Zeit ist bei mir ein Gefühl von Zugehörigkeit entstanden. Man kennt seine Umgebung, seine Routinen, weiß, wo man was im Supermarkt bekommt, zu welcher Uhrzeit man nicht an den Strand geht, und hat seinen eigenen kleinen Kreis an Herzensmenschen gefunden, die den Alltag besonders machen. Aus einem zunächst fremden Ort ist Heimat geworden.
Auch beruflich hat sich vieles entwickelt. In Portugal ein zweites Online-Business aus dem Boden zu stampfen, war eine der Entscheidungen, auf die ich heute besonders stolz bin. Dazu kamen ein Fernsehauftritt beim SWR und die Gründung eines eigenen Podcast in Co-Creation. Auch diese Dinge hätte ich mir vor sechs Jahren nicht vorstellen können.
Mein größtes Learning dabei war, dass man nie perfekt vorbereitet oder ausgebildet sein kann und deswegen einfach loslegen sollte. Wer in ein anderes Land zieht, wird zwangsläufig zum Anfänger und muss seinen Perfektionismus ablegen.
Das Bild vom Leben in Portugal wird gerne auf die schönen Seiten reduziert. Auf den Strand, das Wetter, Restaurants und Sonnenuntergänge.
Der Alltag sieht natürlich anders aus. Auch hier gibt es Rechnungen, Termine, Bürokratie, beruflichen Stress und Tage, an denen einfach nichts nach Plan läuft. Das bedeutet nicht, dass in Portugal automatisch alles besser ist. Ein anderes Land löst nicht plötzlich alle Probleme. Wer auswandert, nimmt schließlich auch sich selbst mit.
Aber ein neues Umfeld kann neue Möglichkeiten schaffen. Man lernt andere Perspektiven kennen, erweitert seinen Horizont und entdeckt vielleicht Seiten an sich, die im vertrauten Umfeld nie gefordert wurden. Oder man erkennt, dass es einem vor der Auswanderung besser ging, und kehrt zurück. Auch das ist völlig in Ordnung. Ein paar Jahre in Portugal können genauso gut nur ein Kapitel im eigenen Leben sein. Hauptsache, man hat am Ende seines Lebens nichts zu bereuen.
Vor allem die Erkenntnis, wie viel sich entwickeln kann, wenn man sich auf etwas Neues einlässt. Nicht alles war einfach. Manches hat länger gedauert als gedacht. Aber genau diese Erfahrungen haben mich weitergebracht.
Wer selbst mit dem Gedanken an eine Auswanderung spielt, sollte deshalb weder die Hochglanzversion aus Social Media glauben noch sich von den Schwierigkeiten abschrecken lassen. Am besten ist ein realistischer Test: nicht nur zwei Wochen Urlaub machen, sondern versuchen, einen normalen Alltag zu erleben. Einkaufen, arbeiten, Termine erledigen, Kontakte knüpfen und die Sprache ausprobieren. Denn erst ein ganz gewöhnlicher Dienstag zeigt, ob man sich an einem Ort wirklich wohlfühlt.
Mein sechstes Jubiläum ist deshalb ein guter Moment, auf das zurückzublicken, was aus dieser Entscheidung entstanden ist – und darauf, was man sich für ein Leben aufbauen kann, wenn man für sich selbst losgeht.
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