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GASTKOMMENTAR - Angst und Rache machen blind – wie Russland den Krieg weiter eskalieren lassen wird

Дата публикации: 19-10-2026 03:29:00

Während der Kreml wohl seine verbrecherische Kriegführung gegen Kiew und seine hybriden Angriffe in ganz Europa verstärken wird, ist es unwahrscheinlich, dass er eine nukleare Eskalation in der Ukraine oder einen konventionellen Krieg gegen ein Nato-Mitglied beginnt.

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Gastkommentar

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Lesia Bidochko und Andreas Umland

Während der Kreml wohl seine verbrecherische Kriegführung gegen Kiew und seine hybriden Angriffe in ganz Europa verstärken wird, ist es unwahrscheinlich, dass er eine nukleare Eskalation in der Ukraine oder einen konventionellen Krieg gegen ein Nato-Mitglied beginnt.

19.10.2026, 05.29 Uhr

6 Leseminuten


Den Russen stinkt's: Seit im Land regelmässig Raffinerien- und Online-Handels-Lagerhäuser niederbrennen, steht Putin unter Druck, bald eine Kriegswende herbeizuführen.

Den Russen stinkt's: Seit im Land regelmässig Raffinerien- und Online-Handels-Lagerhäuser niederbrennen, steht Putin unter Druck, bald eine Kriegswende herbeizuführen.

EPA

Seit Juni 2026 hat sich der russisch-ukrainische Krieg gewandelt. Seit nunmehr drei Monaten ist Kiew in der Lage, eine wachsende Zahl weit reichender Drohnen- und Raketenangriffe tief im Inneren Russlands durchzuführen, die Raffinerien, Tanker, Rüstungsfabriken, Materiallager und Logistikzentren treffen. Diese ukrainischen Erfolge haben den Charakter des Krieges für die russische Gesellschaft verändert: Was bislang ein ferner Konflikt gewesen war, verursacht nun immer stärkere Störungen im eigenen Land, darunter Treibstoffengpässe, tägliche Insolvenzen und sinkende Staatseinnahmen. Die Strategie der Ukraine zielt darauf ab, Russland mittels sogenannter «kinetischer» oder «Langstreckensanktionen» zur Beendigung des Krieges oder zumindest zur Annahme eines Waffenstillstands zu drängen.

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Die immer tiefer reichenden und wirkenden ukrainischen Angriffe haben den bisherigen informellen Vertrag zwischen der russischen Gesellschaft und dem Kreml erschüttert: Das Regime darf in der Politik frei schalten und walten, solange der Alltag stabil bleibt. Weit reichende ukrainische Angriffe bedrohen nun die wirtschaftliche und die soziale Stabilität. Es wächst mit der Sorge die Angst. Wenn die Ukraine ihre Tiefschlagdynamik beibehält und der russischen Energie- und Logistikinfrastruktur weiteren Schaden zufügt, könnte es zu Kaskadeneffekten in anderen Wirtschaftsbereichen kommen, so in der Landwirtschaft, dem Bankwesen oder der zivilen Luftfahrt.

Der Kreml sinnt auf Rache

Der Kreml hat Kiews Vorschläge für einen Waffenstillstand oder ein gegenseitiges Moratorium für Luftangriffe in der Tiefe abgelehnt. Ein Kompromiss würde nicht nur den ideologischen Grundlagen und dem Image des starken Mannes widersprechen, auf denen Putins Herrschaft beruht. Russlands chauvinistische Massenmedien, Militärblogger und ultranationalistische Aktivisten fordern Vergeltung, nicht Mässigung. Moskaus unmittelbare Reaktion bestand daher bisher in verstärkten Terrorangriffen auf ukrainische Zivilisten und in hybriden Operationen gegen europäische Einrichtungen, die die Ukraine unterstützen.

Sollte Russland Atomwaffen einsetzen, könnte die Ukraine «schmutzige Bomben» erwägen.

Der Kreml sinnt auf öffentliche Rache, um Entschlossenheit und militärische Stärke zu demonstrieren, weitere ukrainische Angriffe abzuschrecken und die westliche Unterstützung zu schwächen. Diese Strategie folgt dem russischen Konzept der «Eskalation zur Deeskalation». Welche künftigen Möglichkeiten zur Eskalation hat Moskau, und welche westlichen Massnahmen können ihre Wirksamkeit verringern?

Bislang bestand Russlands wichtigste Reaktion in verstärkter konventioneller Eskalation entlang des bisherigen Musters terroristischer Kriegführung gegen Zivilisten. Dazu gehörten die ausgeweitete Bombardierung von kritischer ukrainischer Infrastruktur wie Krankenhäusern, Lagerhäusern oder Kraftwerken sowie von Kultureinrichtungen wie Bibliotheken, Kirchen oder Universitäten und insbesondere verstärkte Raketen- und Drohnenangriffe auf Kiew. Letzteres spiegelt teilweise eine Umpriorisierung begrenzter russischer Angriffsmittel für die Terrorisierung der ukrainischen Hauptstadt wider.

Die verstärkte Bombardierung Kiews und anderer wichtiger Städte wie Odessa ist jedoch auch auf Russlands wachsende Produktionskapazitäten zurückzuführen. Der ukrainische Militärgeheimdienst berichtet, dass Russland inzwischen monatlich über 200 Marschflugkörper und ballistische Raketen herstellen könne. Laut unbestätigten Berichten gibt es Pläne, im Jahr 2027 bis zu 10 000 kostengünstige Marschflugkörper vom Typ Dan-T zu produzieren.

Für wen läuft die Zeit?

Sollte es Russland gelingen, billige weit reichende Waffen in grossem Massstab herzustellen, könnte dies den Druck auf Kiew und andere Metropolen enorm erhöhen, ohne dass die Bombardierung anderer Ziele vernachlässigt wird. Es ergäben sich konfligierende Herausforderungen für die Ukraine: einerseits mehr anfliegende Flugkörper, die mehr Abfangraketen erfordern, und andererseits eine breiter gestreute Bedrohung, welche den Schutz von Logistikknoten, Kommandozentralen, Luftwaffenstützpunkten und Städten erschwert.

Russland könnte den Krieg zudem eskalieren lassen, indem es erneut versucht, Weissrussland in den Krieg hineinzuziehen, weitere nordkoreanische Truppen einsetzt, mehr ausländische Söldner rekrutiert oder eine neue Massenmobilisierung einleitet. Eine Schlüsselfrage wird 2027 sein, ob Russland diese und ähnliche Pläne umsetzen kann, bevor ukrainische Langstreckenangriffe sie durchkreuzen.

Was eine Eskalation mit Massenvernichtungswaffen betrifft, so hat Russland bereits Methoden angewandt, die dem Einsatz solcher Waffen nahe kommen. So hat Moskau ukrainische Kernkraftwerke angegriffen, den gewaltigen Kachowka-Staudamm am Dnipro zerstört und chemische Giftstoffe im Frontgebiet eingesetzt. Die westlichen Reaktionen auf diese Grenzüberschreitungen fielen verhalten aus, was die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Eskalation in diese Richtung erhöht.

Vor allem wird Moskau seine nuklearen Signale fortsetzen – möglicherweise durch eine weitere Neuformulierung seiner Militärdoktrin, wie schon 2024 geschehen, oder etwa durch Übungen mit Trägersystemen für Atomsprengköpfe. Ein Atomtest an einem Ort wie Nowaja Semlja würde eine neue Stufe nuklearer Einschüchterung markieren. Unmittelbarer eskalierende Optionen wären neue Angriffe auf zivile Nuklearanlagen, eine demonstrative Atomexplosion in einem unbewohnten Gebiet der Ukraine oder – im extremsten Fall – der Einsatz einer taktischen Kernwaffe gegen ukrainische Streitkräfte oder Zivilisten.

Eine Eskalation mit Massenvernichtungswaffen birgt jedoch zwei Risiken für Russland. Erstens würde der Bruch des seit achtzig Jahren bestehenden nuklearen Tabus das Weltsicherheitssystem erschüttern. Er könnte daher weltweit heftige Gegenreaktionen auslösen, auch seitens Chinas und Indiens, und Russlands geopolitische Position untergraben.

Zudem hat die Ukraine bewiesen, dass sie tief in Russland zuschlagen kann. Sollte Russland Massenvernichtungswaffen einsetzen und die internationale Reaktion unzureichend ausfallen, könnte die Ukraine erwägen, eigene Vergeltungsfähigkeiten zu entwickeln, darunter sogenannte «schmutzige Bomben», das heisst konventionelle Sprengköpfe mit strahlendem Material aus Kernkraftwerken. Auch wenn eine solche Vergeltung weniger wirksam wäre als ein Nuklearschlag, hätte eine mögliche radioaktive Verseuchung russischen Staatsgebiets erhebliche Folgen für Russland.

Ein Übergreifen auf Europa?

In ganz Europa ist in letzter Zeit die Vorstellung, Russland könne den Konflikt durch einen militärischen Vorstoss über die Ukraine hinaus eskalieren lassen, zu einem vieldiskutierten Thema geworden. Nach der Logik dieses Szenarios würde ein konventioneller russischer Angriff, etwa im Ostsee- oder im Schwarzmeerraum, darauf abzielen, die Nato und die EU so zu schockieren, dass sie ihre Unterstützung für die Ukraine verringern.

Ein solcher Angriff könnte jedoch auch den gegenteiligen Effekt haben und die europäische Unterstützung für die Ukraine verstärken. Vor allem könnte er die Beistandsartikel 4 des Nordatlantikvertrags und 42 des EU-Vertrags von Lissabon auslösen und Russland damit in einen Zweifrontenkrieg gegen den Westen und die Ukraine verwickeln – ein Ergebnis, das eher zum Vorteil Kiews als Moskaus wäre. Aus diesen Gründen erscheint ein konventioneller russischer Frontalangriff auf Nato- beziehungsweise EU-Gebiet unwahrscheinlich.

Andererseits nimmt Moskaus hybride Eskalation in weiten Teilen Europas bereits heute merklich zu und dürfte sich noch weiter verschärfen. Russland wird voraussichtlich seine Cybersabotage, Angriffe auf Rüstungshersteller, Logistikknoten, Eisenbahnen, Flughäfen und Häfen, seine GPS-Störungen, Luftraumverletzungen, das tiefe Eindringen mit Drohnen sowie die Desinformationskampagnen ausweiten. Diese Operationen nutzen Mehrdeutigkeit aus, verzögern die Zuordnung und erschweren Reaktionen. Bislang fehlt es sowohl der Nato als auch der EU an ausreichenden koordinierten und ausformulierten gemeinsamen Reaktionsmechanismen, die geeignet wären, solche Angriffe kollektiv abzuwehren, bevor wachsende gesamteuropäische Unsicherheit zu einem Vorteil für Russland wird.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die radikalsten Eskalationsoptionen des Kremls – ein massiver Einsatz von Massenvernichtungswaffen in der Ukraine oder ein konventioneller Frontalangriff auf einen Nato-Mitgliedstaat – für Russland zugleich die gefährlichsten und kostspieligsten sind. Moskaus wahrscheinlichste Eskalationspfade sind daher verstärkte Terrorangriffe auf die zivile Infrastruktur der Ukraine und ausgeweitete hybride Kriegführung gegen Europa.

Um Eskalation für Moskau zu einem Verlustgeschäft zu machen, sollte die EU die Herstellung russischer Raketen und Drohnen erschweren – durch eine bessere Rückverfolgung geborgener ausländischer Bauteile und schnellere Sanktionen gegen deren Hersteller und Händler. Westliche und nichtwestliche Partner der Ukraine sollten gemeinsam mit der Ukraine kostengünstige Abfangwaffen und Systeme der elektronischen Kampfführung produzieren. Die europäischen Staaten müssen Protokolle zum Schutz von Logistik- und Produktionsknotenpunkten entwickeln, durch welche die Ukraine unterstützt wird. Hinzu kommen Verfahren für die Erkennung und Neutralisierung von Gefahren sowie, im Falle eines erfolgreichen russischen Angriffs, für eine Umleitung oder Ersetzung der betroffenen Kapazitäten.

Lesia Bidochko und Andreas Umland sind Policy Fellows am European Policy Institute in Kiew (Epik).

11 Kommentare

Erwin Dufner

vor 19 Minuten

Ein sehr langer Artikel, der erst in seinem letzten Absatz endlich etwas konstruktives enthält. Ja, die EU muss die Ukraine endlich militärisch massiv unterstützen. Als allererstes fällt mir dazu die Lieferung der Taurus ein, denn diese können den Krieg wirklich nach Russland führen.

Mirco Schmid

Heute

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Russland selbst kann ohne äussere Hilfe den Krieg nicht aufrechterhalten, daher ist es unwahrscheinlich, dass es Europa offen angreift. Der Krieg gegen die Ukraine hat das Land an den Rand des Abgrunds gefühlt. Was leider nicht heisst, dass es den Krieg nicht noch gewinnen könnte, dafür müsste es in den Abgrund geschoben werden, sofern es sich nicht einsichtig zeigt. Einsicht ist etwas, was Putin, der das Land führt, leider nicht kennt. Er konnte nicht akzeptieren, dass der Untergang der Sowjetunion keine Katastrophe war, sondern die Konsequenz des eigenen Versagens. Als die Ukraine sich Europa zuwandte, konnte er nicht akzeptieren, dass das das Ergebnis seines persönlichen Versagens war. Russland hatte schlicht nichts mehr zu bieten, was eine aufstrebende Gesellschaft will. Würde Russland jetzt einem Vernunftfrieden zustimmen, müsste er sich eingestehen, dass Russland nicht nur wirtschaftlich, sondern auch militärisch rückständig ist. Nicht, dass die Welt nicht Zeuge des Versagens wurde, aber er kann mit der Illusion arbeiten. Daher fürchte ich, das Russland weiter eskalieren wird. Es kann nicht anderes, denn es hat wirtschaftlich keine Zukunft, geopolitisch ist es angeschlagen, wurde zur "Tankstelle" von China und ist von nordkoreanischer Waffenhilfe abhängig. Tief gefallen, aber der Fall kann noch tiefer kommen. Aktuell ist es auch schwer, dass Europa mit Verhandlungen etwas erreichen kann, da Putin sich überlegen fühlt. Er will verkaufen, dass er mit den USA und China auf Augenhöhe ist. Was er längst nicht mehr ist. Und Trump ist weder gewillt noch fähig, Putin zu einem Verhandlungsfrieden zu bewegen. Europa sollte Unterstützung der Ukraine aufrechterhalten, damit die kleine Chance besteht, dass Putin aus Vernunft reagiert. Mindestens bis zu den nächsten US-Präsidentschaftswahlen, sodass Putin keinen Vebündeten mehr im Weissen Haus hat. Das wird unabhängig des Wahlausgangs so kommen.

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Russlands Militär steckt in der Ukraine fest, gleichzeitig wächst die Angst vor einem Angriff auf die Nato. Doch das ist nur ein scheinbarer Widerspruch. Auch wenn Europa dies am liebsten verdrängt: Putin sieht sich im Krieg mit dem gesamten Westen.

Russlands Terror gegen die Ukraine hat eine neue Stufe erreicht. Das Ziel besteht offensichtlich darin, Städte wie Kiew unbewohnbar zu machen. In dieser Situation braucht die Ukraine für ihre Verteidigung mehr denn je westliche Hilfe.

Putin teste die Grenzen jedes einzelnen Nato-Staats, sagt Jaroslaw Gromadzinski. Er beschreibt das Drehbuch des russischen Präsidenten für den hybriden Krieg und erklärt, wie dieser die Schwächen der westlichen Demokratie für seine Zwecke missbraucht.

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