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Nach Hautkrebsvorsorge auch Zweifel an Chlamydien-Screening

Дата публикации: 23-08-2026 08:51:00

Die Niederlande haben die Vorsorgeuntersuchung bereits gestoppt. Was eine 14 Jahre lange Studie über Nutzen und Risiken herausgefunden hat – und was das für Deutschland heißt.

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Die Niederlande haben die Vorsorgeuntersuchung bereits gestoppt. Was eine 14 Jahre lange Studie über Nutzen und Risiken herausgefunden hat – und was das für Deutschland heißt.

Chlamydien sind weltweit die häufigste sexuell übertragbare bakterielle Infektion – und in den meisten Fällen verursachen sie überhaupt keine Symptome. Deshalb können sich Frauen unter 25 einmal im Jahr darauf testen lassen, auch ohne Verdacht. Diese Vorsorge sieht die Leitlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) vor, die 2008 eingeführt wurde. Das Ziel dahinter: Infektionen früh abfangen und langfristige Komplikationen verhindern.

In den Niederlanden hat man dazu Fazit gezogen: Der Nutzen eines Screenings ohne Anlass sei nicht hinreichend belegt. Seit dem 1. Januar 2025 werden Frauen ohne Symptome in öffentlichen Gesundheitsämtern nicht mehr routinemäßig auf Chlamydien getestet.

Vor allem symptomatische Chlamydien-Fälle sind gefährlich

„Es scheint mit Blick auf die Prävention späterer Komplikationen nichts zu bringen, asymptomatische Tests bei Chlamydien breitflächig durchzuführen“, sagt Henry de Vries. Er ist Professor für Hautinfektionen an der Universität von Amsterdam und hat die jüngste Empfehlung zum Chlamydienscreening mitverantwortet.

Die Empfehlung basiert auf einer Studie. De Vries und andere Forscher kontaktierten 2008 über 200.000 Frauen und luden sie zum Chlamydienscreening ein. Diejenigen, die reagierten, wurden dann 14 Jahre lang begleitet: Sie wurden jährlich getestet, gaben Blutproben ab und beantworteten Fragen zum Verlauf ihrer Infektion. Verglichen werden konnte damit erstmalig, wie sich eine positive Chlamydieninfektion auf spätere Komplikationen, den Kinderwunsch und die Schwangerschaft auswirkt.

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Das Ergebnis: Das Risiko für Komplikationen ist für Frauen mit vergangener Infektion bis zu 2,8-mal höher. Allerdings gilt das nur für symptomatische Infektionen. Vergleicht man Frauen mit einer asymptomatischen Infektion mit Frauen, die noch nie infiziert waren, so sind die Unterschiede für alle Outcomes nicht signifikant.

Gesundes Immunsystem kann Viren selbst bekämpfen

Unbehandelte Chlamydien können in den oberen Genitaltrakt aufsteigen und zu einer Beckenentzündung (Pelvic Inflammatory Disease, PID) führen. Eine Infektion kann auch die Eileiter schädigen und Verklebungen verursachen und so auch die Fruchtbarkeit vermindern.

Die Sorge, dass junge Frauen eine unbemerkte Infektion in sich tragen, die ihre Fruchtbarkeit nachhaltig schädigen kann, war einer der Hauptgründe, das Chlamydienscreening überhaupt einzuführen. Doch de Vries und seine Kollegen sagen nun: Die Chance, dass das passiert, geht gegen Null.

Im Gegenteil zeige die Studie, dass asymptomatische Infektionen in den meisten Fällen deutlich harmloser seien als bislang angenommen, sagt de Vries: „Menschen bekommen Chlamydien, haben sie für einen bestimmten Zeitraum und dann kann sie der Körper selbst ausscheiden.“ In diesem Sinne sei die Chlamydieninfektion mit einer Infektion mit humanen Papillomviren (HPV) vergleichbar, die viele sexuell aktive Menschen bekommen. Ein gesundes Immunsystem kann die Viren innerhalb von Monaten bis Jahren selbst bekämpfen.

Screening kann auch negative Folgen haben

Vor diesem Hintergrund habe man in den Niederlanden die Vor- und Nachteile des Screenings abgewogen. Denn derzeit resultiert jeder positive Chlamydientest in einer Antibiotikatherapie. Wenn aber asymptomatische Fälle sich auch von selbst ausheilen können, überwiegt womöglich das Risiko antimikrobieller Resistenzen, so de Vries.

Und beachten müsse man auch die Auswirkungen, die ein positiver Test auf Beziehungen habe. Eine Chlamydiendiagnose könne Misstrauen auslösen, obwohl die Infektion schon Monate im Körper vorhanden sein kann. De Vries zieht den Vergleich zu einer HIV-Infektion, die unbehandelt fast immer in Aids endet: Jede diagnostizierte HIV-Infektion sei von Vorteil, weil man damit Aids vorbeuge. „Das ist bei Chlamydien einfach nicht der Fall.“

Dünne Datenlage in Deutschland

Sollte sich Deutschland ein Beispiel daran nehmen? Immerhin wurde mit dem GKV-Sparpaket beschlossen, statt eines anlasslosen zu einem risikobasierten Hautkrebsscreening überzugehen. Die Begründung: Es fehlten Studien, die eine reduzierte Sterblichkeit hätten nachweisen können.

De Vries betont, dass sich auch die Zahl der Chlamydieninfektionen in Ländern mit und ohne Screening über die Jahre kaum unterschiedlich entwickelt hat. In Deutschland gibt es nur in Sachsen-Anhalt eine Meldepflicht für Chlamydien; Aussagen, wie häufig sie überhaupt vorkommen, lassen sich daher nur sehr schwer treffen.

Das weiß auch Nadine Scholten, Leiterin des Center for Health Services Research and Communication (CHSR) am Universitätsklinikum Bonn. Sie leitet auch das Projekt FemScreen-CT, das mit Förderung des G-BA seit Anfang des Jahres die Inanspruchnahme des Chlamydienscreenings hierzulande untersucht. Bis Ende 2027 sollen daraus Handlungsempfehlungen entstehen, 2028 läuft nämlich die Leitlinie des G-BA aus. Ziel ist es, eine bessere Datengrundlage zu schaffen. Denn: „Man muss sagen: Das Thema Chlamydien ist einfach durch und durch datentechnisch untererfasst“, so Scholten.

Für eine Entscheidung sind zu viele Fragen offen

Für die Entscheidung aus den Niederlanden reicht aus ihrer Sicht die Evidenz derzeit nicht aus: „Die Frage ist: Warum macht man das Chlamydienscreening überhaupt? Und das Ziel ist es unter anderem, Infertilität und Eileiterschwangerschaften zu verhindern.“ Bei solchen schwerwiegenden Folgen brauche es mehr als eine Studie, findet Scholten. Die Schwierigkeit bestehe darin, dass sich aus ethischen Gründen keine randomisiert-kontrollierten Studien durchführen ließen – „weswegen Evidenzaussagen kritisch reflektiert werden müssten“, so Scholten.

So gebe es aus ihrer Sicht durchaus Hinweise darauf, dass viele Infektionen spontan ausheilen können. Doch hinsichtlich der Gefahren von Reinfektionen seien noch viele Fragen ungeklärt:

„Von grundlagenorientierter Immunologie über Mikrobiologie, dem Krankheitsverlauf, der Klinik und der Infektiologie bis hin zur Epidemiologie klaffen große Forschungslücken bei Chlamydien.“

Und selbst, wenn die Studie in den Niederlanden zweifellos nachgewiesen hätte, dass nur asymptomatische Fälle zu Komplikationen führten, hätte Scholten Bedenken, daraus Schritte für das Screening abzuleiten. Dann verschiebe man nämlich die Verantwortung, sich Hilfe zu suchen, auf die jungen Frauen – denen es vielleicht an Aufklärung fehle. Symptome von Chlamydien sind häufig diffus und überlappen sich mit anderen sexuell übertragbaren Infektionen (Sexually transmitted infections, STIs). „Die Frauen sind dann darauf angewiesen, dass der Arzt oder die Ärztin auch bei unklaren Beschwerden an Chlamydien denkt“, sagt Scholten.

Die Diagnostik, mit der Ärzte dann diese Beschwerden abklären müssten, würde schlussendlich einen höheren Aufwand bedeuten, als derzeit durch das Screening entsteht, so Scholten.

Ohne Screening wäre Risiko wohl auch zu hoch

Auch Norbert Brockmeyer, Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft (DSTIG), sagt: Das Risiko, symptomatische Fälle durch Unwissen nicht zu entdecken, wäre ohne Screening zu hoch. In einer Studie mit Menschen, die vermeintlich asymptomatische STIs hatten, hätten so viele erst durch gezieltes Nachfragen erkannt, dass sie doch Symptome erlitten hatten. „Ich meine, wer rennt schon direkt zum Arzt, wenn er vielleicht ein Bläschen sieht, das nach drei Tagen wieder weg ist?“, sagt Brockmeyer.

Beide kritisieren, dass die Prävention von Chlamydien über das Screening hinaus gedacht werden müsse. Denn wenn junge Frauen regelmäßig gescreent, ihre männlichen Sexualpartner aber außen vor gelassen würden, könnten Transmissionszahlen niemals langfristig sinken. Da Chlamydien aber nicht die Unfruchtbarkeit von Männern beeinflussten, sei dies bislang nicht als notwendig erachtet worden.

Derzeit kein Screening-Stopp geplant

Vorerst, darauf verweist Nadine Scholten, sei die Senkung der Fälle jedoch nicht das unmittelbare Ziel des Screenings. Ihr Projekt will noch in diesem Jahr erste Ergebnisse vorlegen. Eine Empfehlung, dem niederländischen Beispiel zu folgen, sei derzeit kaum denkbar: „Vielleicht sind wir in zehn Jahren so weit, dass wir sagen: ‚Jetzt haben wir so viel Wissen und Erfahrung – wir müssen das Screening nicht mehr machen‘“, sagt sie. „Aber aktuell weiß man es noch nicht genau. Unter Umständen ist es doch der falsche Weg und wir haben asymptomatische Frauen, bei denen man Jahre später merkt, man hätte Infertilität verhindern können.“

Henry de Vries wartet auch darauf, verlässliche Ergebnisse präsentieren zu können. Ein Jahr werden nun schon asymptomatische Fälle nicht gescreent – bislang seien auch Beckenentzündungsfälle nicht gestiegen. Doch erst nach dem zweiten Jahr ließen sich die Werte besser vergleichen, sagt er.

Auf die Frage, wie sehr auch eine mögliche finanzielle Ersparnis in die Entscheidung eingeflossen sei, antwortet de Vries sehr klar: „Absolut gar nicht.“ Das sei auch in der Kommunikation an die Öffentlichkeit von enormer Bedeutung: „Das ist keine Budgetkürzung. Das ist eine Entscheidung, die auf Evidenz und Gesundheit beruht. Und das ist das einzige Outcome, das uns wichtig war.“

Von Natascha Koch

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