Glück muss kein Zufall sein: Stanford-Professorin Tina Seelig erklärt, warum manche Menschen systematisch mehr Glück haben – und welche Gewohnheiten den Unterschied machen.
Glück muss kein Zufall sein: Stanford-Professorin Tina Seelig erklärt, warum manche Menschen systematisch mehr Glück haben – und welche Gewohnheiten den Unterschied machen.
Tina Seelig lehrt seit fast drei Jahrzehnten an der Stanford University in den USA. Die promovierte Neurowissenschaftlerin beschäftigt sich dabei vor allem mit Unternehmertum und Innovation. Ihren Studenten lehrt sie zum Beispiel Führungskompetenz, doch auch etwas Unerwartetes: „Eine der wertvollsten Lektionen, die ich meinen Schülern vermittle, ist, wie man Gelegenheiten für Glück schafft“, schreibt Seelig in einem Gastbeitrag bei „CNBC“.
„Ich vergleiche Glück gerne mit dem Wind: Man kann ihn nicht sehen, aber er ist stark und überall. Wenn man segeln kann, kann man ihn nutzen und für sich arbeiten lassen.“
Glück sei eben keine seltene Ressource. Mit ein paar Tricks lasse es sich einfangen.
Zum Beispiel plädiert Seelig für einen radikal anderen Umgang mit Scheitern. Das verbreitete Imposter-Syndrom – das Gefühl, nicht gut genug zu sein – wolle sie deswegen umtaufen in „Improvement Syndrome“. Ihr konkretes Werkzeug dafür: ein Misserfolgs-Lebenslauf, in dem man bei jedem Rückschlag festhält, was daraus zu lernen war.
Zwei von Seeligs Erkenntnissen betreffen die Beziehung zu sich selbst.
Doch auch im Außen lässt sich laut Seelig das Glück einfangen. Sie hat die Beobachtung gemacht, dass sich durch kleine, scheinbar unbedeutende Entscheidungen enorme Hebelwirkungen entfalten können. Zum Beispiel ein Gruß an eine fremde Person in der Warteschlange, der der Grundstein für eine lebenslange Freundschaft sein könnte, oder:
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„Ein Anruf bei einem ehemaligen Kollegen könnte zu einem spannenden neuen Job führen. Früher aufzustehen, um Sport zu treiben, könnte dir tatsächlich das Leben retten.“
Wer sein Leben so einrichtet, dass Raum für solche Momente bleibt, erhöhe laut Seelig die statistische Wahrscheinlichkeit für positive Wendungen.
Dass gerade das Grüßen mehr als eine Floskel ist, zeigt zum Beispiel der Gallup National Health and Well-Being Index – eine repräsentative US-Erhebung, für die seit 2008 vierteljährlich über 4500 Erwachsene zu Karriere, Gesundheit, Finanzen und Gemeinschaftsgefühl befragt werden. Das Ergebnis: Wer regelmäßig seine Nachbarn grüßt, erreicht auf der Wohlbefindensskala einen Wert von 64,1, wer hingegen niemanden grüßt, nur 51,5. „Die optimale Anzahl für das Wohlbefinden liegt bei sechs Begrüßungen“, sagte Dan Witters, Forschungsleiter der Studie, gegenüber dem US-Sender „CNN“. Solche Mikrointeraktionen oder auch „Weak Ties“ (zu Deutsch: schwache Bindungen) genannt, sorgen für ein Zugehörigkeitsgefühl zur Gemeinschaft und haben so auch einen Einfluss auf unsere Gesundheit.
Ein laut Seelig oft unterschätzter Hebel zu mehr Glück ist es, Wertschätzung und Dankbarkeit zu zeigen. Wer andere sichtbar anerkennt, etwa durch dankende Worte oder ein kleines Geschenk, aktiviere ein Netzwerk aus Wohlwollen und Hilfsbereitschaft.
Dass Seelig damit einen Nerv trifft, bestätigt auch die Wissenschaft. Die Positive Psychologie stuft Dankbarkeit längst als trainierbare Charakterstärke ein, und die neurobiologischen Befunde sind erstaunlich konkret: Wer echte Dankbarkeit empfindet, löst laut der American Brain Foundation eine Kettenreaktion im Gehirn aus.
Regelmäßige Dankbarkeitspraxis kann neuronale Signalwege sogar dauerhaft umstrukturieren, ein Effekt, den Neurowissenschaftler als kognitives „Rewiring“ bezeichnen. Dazu eignen sich zum Beispiel Dankbarkeitstagebücher, bewusst geschriebene Dankesnachrichten oder meditative Reflexionspraktiken.