Die Hauptstadt Taschkent stattet 26 Schulen mit Smart-Kameras aus. Offiziell will der Staat die Bildung stärken. Die pädagogische Sorge weicht in diesem Experiment aber autoritärer Kontrolle.
Die Hauptstadt Taschkent stattet 26 Schulen mit Smart-Kameras aus. Offiziell will der Staat die Bildung stärken. Die pädagogische Sorge weicht in diesem Experiment aber autoritärer Kontrolle.
02.10.2026, 18.17 Uhr
4 Leseminuten

Maxim Shemetov / Reuters
Die Schule Nummer 300 im Süden der usbekischen Hauptstadt Taschkent hat sich herausgeputzt. Hier, im rasch wachsenden Stadtteil Sergeli, hat der Staat etliche Schulen neu hergerichtet. Hat sie renoviert, umgebaut, zum Teil neue Gebäude gebaut. Die 300er besuchen mehr als 2000 Schüler von 6 bis 18 Jahre. In der Schule wird neben Usbekisch auch Russisch unterrichtet, es gibt Zusatzkurse in Schach, Klavier, Robotechnik. Und seit wenigen Tagen auch Kameras in den Klassenräumen.
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Mit Face-ID überwachen diese die Anwesenheit, die Aufmerksamkeit und die Gesundheit der Kinder. «Investition in die Bildung Usbekistans», nennt auch Präsident Schawkat Mirsijojew das neue Technologieprojekt. Die 300er ist damit, neben 25 weiteren Schulen der Stadt, ein Versuchskaninchen. Sollten die 446 angebrachten Smart-Kameras in den Testschulen dem Staat das erhoffte Resultat liefern, wird er alle Schulen des Landes an das System «SI Davomat» anschliessen.

Pressestelle der Stadtverwaltung von Taschkent
Das ist ein KI-Tool, das die Gesichter der Schüler erfasst und Lehrern wie auch dem Bildungsministerium melden soll, wie aufmerksam diese dem Unterricht folgen. Was «Aufmerksamkeit» ist, bestimmt selbstredend der Staat. Ist das Kind zu einer bestimmten Zeit nicht im Klassenraum, schickt das System eine Nachricht an die Eltern – aber auch an den Schuldirektor, den örtlichen Präventionsinspektor, eine Art Polizist und Sozialarbeiter in einem, Beamte der Nationalgarde und den Vertreter der sogenannten Mahalla. Das ist ein Nachbarschaftskomitee, dessen Rolle bereits in der einstigen Diktatur der Sowjetzeit und auch unter dem früheren Präsidenten Islam Karimow das über alles wachende Auge des Regimes im Quartier war.
Selbst das Gesundheitsministerium bekommt die Daten und gleicht sie mit seinen eigenen ab. Ist das Kind dort als krank gemeldet, hat die Familie wenig zu befürchten. In anderen Fällen gilt der Schüler als Schwänzer und wird fortan von den Behörden «begleitet», wie es in der Bürokratiesprache heisst. Die soziale Kontrolle wird damit mit Algorithmen aufgerüstet.
Haben die Schulen wenig Absenzen, sollen sie als «grüne» Schule markiert werden. Melden sie viele Abwesenheiten, bekommen sie die Farbe Rot. Damit liessen sich ganze Quartiere pauschal als «Schwänzer-Wohngegend» stigmatisieren. Das pädagogische Problem verkommt so schnell zu einem Problem der nationalen Sicherheit.
Was international als fragwürdig gilt – immerhin gewährt die Uno-Kinderschutzkonvention Kindern das Recht auf Privatsphäre und Schutz vor staatlicher Willkür –, sieht Usbekistan als Verbesserung seiner Bildung. Der usbekische Präsident präsentiert sich als technikaffin, er fordert technokratische Effizienz, setzt auf E-Governance und will das Land damit aus dem Schatten der jahrzehntelangen Isolation der Ära Karimow führen.

Präsidialamt Usbekistan via Imago
«SI Davomat» aber geht genau dorthin zurück. Einmal erfasste biometrische Daten lassen sich kaum wieder löschen. Wie der Staat die Sicherheit dieser Daten gewährleisten will, gibt er nicht preis. Mit Kameras an den Wänden und Decken ist im Klassenzimmer kaum mehr Raum für die persönliche Entfaltung der Kinder, für ihre Fehler, für kritisches Denken. Die Schule erzieht dadurch zu Selbstzensur, zu vorauseilendem Gehorsam, zu einem transparenten Untertanen. Etwas, das die Usbeken auch ohne Kameras in den Schulen seit Jahrzehnten kennen. Die wenigen Kritiker im Land äussern auch deshalb Bedenken, weil sie in «SI Davomat» den Vorläufer dessen sehen, was in China als Sozialkredit-System bekannt ist.
Peking verknüpft Finanzdaten, das digitale Verhalten seiner Bürger, deren Gesetzestreue und verteilt soziale Punkte. Verhalten sich die Menschen so, wie der Staat das will, gibt es etwaige Vergünstigungen. Fällt dagegen jemand mit einem Verhalten auf, das der Staat als negativ beurteilt, durch Regierungskritik etwa oder Schulden, muss er mit Sanktionen wie Reisebeschränkungen, Jobverlust oder einem eingeschränkten Zugang zu Schulen für sein Kind rechnen.

Pressestelle der Stadtverwaltung von Taschkent
In Taschkent gibt es die Face-ID auch in der U-Bahn, auch manche Universitäten setzen sie ein – und erleichtern den Behörden damit die Überwachung. Die meisten Eltern stossen sich nicht an der Sammelwut von Daten. Sie stört es vor allem, dass das KI-System an den Schulen die strukturellen Ursachen fürs Schwänzen nicht beseitigt. In den sozialen Netzwerken klagen die Eltern darüber, dass im Winter oft der Bus ausfalle und ihre Kinder es einfach nicht pünktlich zur Schule schafften. Dass sie manchmal das kränkelnde Kind daheim liessen, ohne sich an die Poliklinik zu wenden, um es krankschreiben zu lassen. Dass die Kinder oft auf den Feldern helfen müssten, weil sonst der Unterhalt der Familie gefährdet sei.
Für «SI Davomat» wären diese Kinder Schwänzer. Die banalsten Gründe, so befürchten Eltern, könnten so zu einem Fall von Kindesvernachlässigung werden. Kaum eine Familie will in die Fänge der Behörden geraten. Die vermeintlich einfachste Lösung, auch aus der Angst heraus: Schmiergeld. Die Korruption im Bildungswesen würde dadurch nicht abgeschafft, sondern noch lukrativer.
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