Gegen Manchester City liegt ein Befund vor, der kaum Spielraum lässt. Jetzt entscheidet die Strafe, ob die Finanzregeln für jeden Klub gelten. Ein Kommentar.
Drei Jahre nach der Anklage liegt gegen Manchester City ein Befund vor, der kaum Spielraum lässt. Jetzt entscheidet die Strafe, ob die Finanzregeln für jeden Klub gelten – auch für einen, hinter dem ein Staat steht. Ein Kommentar.
Eine unabhängige Kommission hat Manchester City nach übereinstimmenden Berichten in 114 von 115 Anklagepunkten schuldig gesprochen, die die Premier League erhoben hatte. Die finanziellen Vorwürfe betreffen die Spielzeiten 2009/10 bis 2017/18, die übrigen die Zeit der Ermittlungen bis 2023. Eine Strafe ist noch nicht verhängt, der Klub bestreitet jedes Fehlverhalten und wird in Berufung gehen.
Im November 2023 zog die Premier League dem FC Everton für einen einzigen Verstoß gegen ihre Rentabilitätsregeln zehn Punkte ab; nach der Berufung blieben sechs. Nottingham Forest verlor im März 2024 aus demselben Grund vier Punkte.
ManCity ist in 114 Anklagepunkten schuldig. Wer das in Punktabzug umrechnet, landet unterhalb der Abstiegszone. Deshalb gehört der Klub jetzt in die zweite Liga.
Auf der einen Seite steht somit die Glaubwürdigkeit einer Liga, die Everton und Nottingham für weit kleinere Vergehen sanktioniert hat. Auf der anderen Seite steht ein Klub mit Eigentümern aus Abu Dhabi, einer Dekade voller Titel und der Frage, ob man heutige Spieler für die Bilanzen von damals bestrafen darf.
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Der Vorwurf zielt im Kern darauf, dass Geld aus dem Umfeld der Eigentümer als Sponsoring verbucht wurde. Verantwortlich dafür ist die Eigentümerstruktur, und die ist dieselbe wie 2009. Mit Newcastle United gehört ein weiterer Premier-League-Klub zu 85 Prozent dem saudischen Staatsfonds PIF.
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Ein mildes Urteil wäre eine Gebrauchsanweisung für jeden Staatsklub, der als Nächstes in der Premier League einsteigt.
Die 115 Punkte sind wie folgt aufgedröselt:
80 betreffen Finanzvorschriften. 54 davon falsche Angaben zu den Finanzen, vor allem zu Sponsoreneinnahmen, 14 zu den Zahlungen an Spieler und Trainer, 5 Verstöße gegen die Finanzregeln der Uefa und 7 gegen die Rentabilitätsregeln der Premier League.
Die übrigen 35 betreffen die mangelnde Mitwirkung an der Untersuchung zwischen Dezember 2018 und Februar 2023. Ein Klub, der jahrelang die Aufklärung behindert, hat keinen Anspruch auf Milde bei der Strafzumessung.
In den betroffenen Jahren wurde City dreimal englischer Meister: 2012, 2014 und 2018. Ob die Liga Titel aberkennen kann und will, ist offen; über die Strafe entscheidet die Kommission erst noch. Nachträglich gestrichene Meisterschaften würden die Tabellen von drei Spielzeiten umschreiben, die auf dem Rasen längst entschieden sind.
Die finanziellen Vergehen enden mit der Saison 2017/18. Wer City heute absteigen lässt, trifft einen Kader, der damals zum Großteil nicht im Klub war, einen Trainer, der erst in diesem Sommer gekommen ist – Enzo Maresca, bis Dezember 2025 Trainer des FC Chelsea –, und Fans, die nichts gebucht haben.
Erfolgscoach Pep Guardiola hat City 2026 nach zehn Jahren verlassen. Seine beiden ersten Spielzeiten, darunter die Meistersaison 2017/18, fallen in den Anklagezeitraum. Damit steht auch die Dekade, die den europäischen Fußball geprägt hat, unter dem Verdacht, mit Geld bezahlt worden zu sein, das die Regeln verbieten.
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Die Premier League erhob die Anklage im Februar 2023, die Anhörung vor der unabhängigen Kommission begann im September 2024, den Befund meldeten die Medien im September 2026, und danach folgt die Berufung. Eine endgültige Strafe kommt womöglich erst, wenn die ältesten Taten fast 20 Jahre zurückliegen. Was ist ein Regelwerk wert, dessen Durchsetzung länger dauert als eine Spielerkarriere?
2020 sperrte die Uefa City wegen aufgeblähter Sponsoreneinnahmen für zwei Jahre aus ihren Wettbewerben und verhängte 30 Millionen Euro Geldstrafe. Der Internationale Sportgerichtshof CAS kassierte die Sperre, weil die Vorwürfe teils nicht erwiesen, teils verjährt waren, und senkte die Strafe auf zehn Millionen Euro.
Wer jetzt jubelt, sollte wissen, dass City den Weg durch die Instanzen schon einmal gewonnen hat.
Indes verkauft die Premier League ihre Rechte weltweit auch mit City als Zugpferd. Dass sie trotzdem angeklagt hat, spricht für sie. Ob sie die Konsequenz aushält, zeigt erst die Strafe – und der Druck der übrigen 19 Klubs. Nach Medienberichten haben sich Arsenal, Tottenham, Liverpool und Manchester United bereits Schadenersatzforderungen vorbehalten, die sie nach dem Ende aller Berufungen geltend machen könnten.
Für die Bundesliga ist der Fall ein Lehrstück über ihre 50+1-Regel, die Investoren die Mehrheit an deutschen Klubs verwehrt.
Die 50+1-Regel wird hierzulande gern als Bremse beschrieben, die deutsche Klubs im Wettbewerb mit England zurückhält. Der City-Fall liefert das Gegenargument in Reinform: Eine Liga ohne Schranke für Investoren braucht am Ende eine Kommission, um ihre eigenen Regeln durchzusetzen, und wartet darauf seit Beginn der Ermittlungen im Dezember 2018 fast acht Jahre.
Von Pit Gottschalk