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Warum Zeiss in chinesischen Smartphone-Kameras steckt

Дата публикации: 08-09-2026 04:00:00

Der Optikkonzern aus Oberkochen liefert das Objektiv, vivo baut das Gerät. Was dahintersteckt, ist mehr als ein Logo.

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Stand: 08.09.2026, 08:22 Uhr

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Das vivo X300 Pro ist das aktuelle Kamera-Flaggschiff des chinesischen Herstellers – auf den ersten Blick ein Premium-Handy wie viele andere. Großes Display, schneller Prozessor, guter Akku. Dann dreht man es um.

Das vivo X300 Pro ist das aktuelle Kamera-Flaggschiff des chinesischen Herstellers – auf den ersten Blick ein Premium-Handy wie viele andere. Großes Display, schneller Prozessor, guter Akku. Dann dreht man es um. © vivo

Der Optikkonzern aus Oberkochen liefert das Objektiv, vivo baut das Gerät. Was dahintersteckt, ist mehr als ein Logo.

Oberkochen. Das vivo X300 Pro ist das aktuelle Kamera-Flaggschiff des chinesischen Herstellers – auf den ersten Blick ein Premium-Handy wie viele andere. Großes Display, schneller Prozessor, guter Akku.

Dann dreht man es um.

Auf der Rückseite sitzt ein großes, rundes Kameramodul mit drei Linsen. Am Rand steht ein Schriftzug, den man eher auf einem Fernglas erwarten würde als auf einem Handy: ZEISS. Daneben der Name "Sonnar". Diese Objektivkonstruktion entwickelte Zeiss vor rund hundert Jahren für klassische Kameras. Jetzt taucht sie, leicht abgewandelt, auf einem Smartphone auf, das in China entwickelt und gebaut wurde. Optiken aus Oberkochen. In einem Handy aus Shenzhen.

Die Technik hinter dem Logo

Seit 2020 entwickeln Zeiss und vivo gemeinsam Kameras für die X-Serie des chinesischen Herstellers, beginnend mit dem X60. Zeiss bringt sein Objektivwissen ein, dazu die sogenannte T-Stern-Entspiegelung: eine Beschichtung, die störende Lichtreflexe auf Fotos verhindert und seit Jahrzehnten Markenzeichen der klassischen Zeiss-Kameraobjektive ist. Im aktuellen X300 Pro steckt das Ergebnis: eine Telekamera, die weit entfernte Motive so scharf einfängt, dass sie an ein kleines Teleobjektiv erinnert, dazu Farbprofile, die zurückhaltender wirken als die oft überzeichneten Standardfarben chinesischer Smartphone-Kameras. Das britische Fachmagazin Amateur Photographer nannte das Gerät eines der besten Kamera-Smartphones, die es je getestet habe.

Eine Werkstatt, die zum Weltkonzern wurde

Um zu verstehen, wie ein 180 Jahre altes deutsches Unternehmen auf der Rückseite eines chinesischen Smartphones landet, muss man zurück an den 17. November 1846. An diesem Tag eröffnete der Mechaniker Carl Zeiss in Jena eine kleine Werkstatt für Feinmechanik und Optik. Mit dem Physiker Ernst Abbe an seiner Seite wurde daraus einer der bedeutendsten Optikkonzerne der Welt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Firma geteilt, ein Teil zog nach Oberkochen; erst nach der Wiedervereinigung wuchsen beide Teile wieder zusammen.

Heute erzielt die Zeiss-Gruppe rund 12 Milliarden Euro Umsatz im Jahr. Die Sparte Consumer Markets, zu der Brillengläser, Ferngläser und die Smartphone-Kooperationen gehören, kommt auf gut 1,5 Milliarden Euro – ein kleiner, aber sichtbarer Teil des Konzerns. Die Smartphone-Partnerschaft ist historisch betrachtet nur das jüngste Kapitel eines sehr alten Geschäftsfelds: Schon lange bevor vivo ins Bild kam, hatte Zeiss vorgemacht, wie sich Optik-Wissen an Elektronikkonzerne lizenzieren lässt, etwa in der jahrzehntelangen Partnerschaft mit Sony. Vivo ist also keine Kehrtwende, sondern die Fortsetzung eines bewährten Modells – nur mit chinesischem statt japanischem Partner.

Vom Nischenprojekt zur strategischen Achse

Wie wichtig die Partnerschaft inzwischen für beide Seiten geworden ist, zeigte sich im August 2025: Zeiss und vivo verlängerten ihre Zusammenarbeit und weiteten sie aus – künftig soll sie über Smartphones hinausgehen. Nach eigenen Angaben haben inzwischen mehr als 22 Millionen Menschen weltweit Geräte mit der gemeinsam entwickelten Technik genutzt.

vivo wirbt mit Zeiss-Technologie.

vivo wirbt mit Zeiss-Technologie. © vivo

Zeiss-Chef Andreas Pecher sprach von einem "bedeutenden Meilenstein", vivo-COO Baishan Hu nannte die Firmen "Weggefährten mit gemeinsamer Vision". Solche Sätze gehören zum Pflichtprogramm jeder gemeinsamen Presseerklärung. Dahinter steckt aber ein handfestes wirtschaftliches Kalkül: Zeiss bekommt Zugang zu einem Absatzvolumen, das mit klassischen Kameraobjektiven nie erreichbar wäre. Und vivo kauft sich ein Gütesiegel – so wie es Xiaomi mit Leica getan hat oder Oppo mit Hasselblad.

Die eigentliche Entwicklungsarbeit findet nicht in Shenzhen statt, sondern in einem eigenen Testlabor in Oberkochen. Dort arbeiten Zeiss- und vivo-Teams gemeinsam an neuen Optiken, bevor sie in China in Serie gehen.

Was das über Zeiss und China sagt

Die vivo-Partnerschaft ist kein Einzelfall, sondern Teil eines größeren Musters: Zeiss hat sich in den vergangenen Jahren strategisch immer tiefer mit China verzahnt, nicht nur als Absatzmarkt, sondern als Produktions- und Entwicklungsstandort. Auch in der industriellen Messtechnik, einer weiteren wichtigen Zeiss-Sparte, hat China die USA im vergangenen Geschäftsjahr erstmals als wichtigsten Absatzmarkt überholt; 2024 eröffnete Zeiss dort einen neuen Forschungs- und Fertigungsstandort im Industriepark Suzhou. Die Kamera-Kooperation mit vivo ist nur die sichtbarste Variante dieser Entwicklung – weil sie, anders als Messtechnik für Industriekunden, in Millionen Hosentaschen landet.

Baishan Hu, Executive Vice President & Chief Operating Officer bei vivo und Präsident des vivo Central Research Institute (links), und Andreas Peschke, CEO der Zeiss Group (rechts), unterzeichneten eine Kooperationsvereinbarung.

Baishan Hu, Executive Vice President & Chief Operating Officer bei vivo und Präsident des vivo Central Research Institute (links), und Andreas Peschke, CEO der Zeiss Group (rechts), unterzeichneten eine Kooperationsvereinbarung. © Zeiss

Für die Ostalb bedeutet das: Der Name Zeiss steht am Stammsitz weiterhin für Entwicklung, Forschung und ein Testlabor, in dem die Technik für Millionen Smartphones entsteht. Aber das Volumen, mit dem die Marke heute in die Welt getragen wird, entsteht überwiegend dort, wo die Geräte tatsächlich vom Band laufen – in China. Ein Stück Schwaben steckt, gut sichtbar in dickem Schriftzug auf dem Kameramodul, in einem Massenprodukt – gebaut aber wird es tausende Kilometer entfernt von Oberkochen.

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