Betriebsrat und IG Metall schildern erstmals, was der Abbau von 160 Stellen im Werk verändert – und wie sie Alfdorf für einen späteren Verkauf absichern.
Stand: 19.09.2026, 13:33 Uhr

Betriebsrat und IG Metall schildern erstmals, was der Abbau von 160 Stellen im Werk verändert – und wie sie Alfdorf für einen späteren Verkauf absichern.
Alfdorf. Es ist erst ein paar Wochen her, da ging Heike Madan durch die Büros im Entwicklungsbereich von ZF Lifetec in Alfdorf. Die Erste Bevollmächtigte der IG Metall Ostalb wollte mit den Beschäftigten über die Tarifrunde sprechen. Dort standen viele Schreibtische leer, manche schon abgeräumt. Kolleginnen und Kollegen hatten Angebote aus dem Freiwilligenprogramm angenommen und das Werk verlassen.
"Ziemlich befremdlich" sei das gewesen. So beschreibt Madan ihren Rundgang durch die Büros. Der Stellenabbau, über den lange vor allem in Verhandlungen und Zahlen gesprochen wurde, ist im Arbeitsalltag angekommen. Nach Angaben von Betriebsratschef Daniel Sauerbeck fallen über zwei Freiwilligenprogramme insgesamt 160 Arbeitsplätze weg, rund zehn Prozent der Belegschaft. Betroffen sind vor allem Forschung und Entwicklung sowie die Verwaltung.
Weniger Stellen, klare StrukturenDer Abbau kam nicht über Nacht. Nach Sauerbecks Darstellung sah die Unternehmensleitung betriebsbedingte Kündigungen zunächst als den einzigen Weg, die Sparziele zu erreichen. Betriebsrat und IG Metall nahmen daraufhin Verhandlungen auf. Bis Ende März verhandelten die Beteiligten in einem ersten Schritt ein Freiwilligenprogramm aus. Weil das Finanzziel trotz erreichter erster Zielzahl noch nicht vollständig erfüllt war, schlossen beide Seiten bis Ende Juli die Verhandlungen über ein zweites Freiwilligenprogramm ab. Dieses läuft noch bis Ende September.
Das Unternehmen will die betroffenen Bereiche nach Sauerbecks Darstellung effizienter organisieren: Aufgaben, Ressourcen und Entscheidungskompetenzen sollen klarer zugeordnet werden. Dabei sollen auch Aufgabenbereiche bestimmt werden, die künftig wegfallen – sie könnten zum Beispiel automatisiert werden.
Was für die Verbleibenden bleibtDas Freiwilligenprogramm umfasst Aufhebungsverträge, Altersteilzeit, eine Transfergesellschaft und Qualifizierungsmaßnahmen. Der Abbau soll über diese freiwilligen Angebote erfolgen. Für die verbleibenden Beschäftigten verändert sich dennoch der Arbeitsalltag. Sauerbeck rechnet damit, dass Beschäftigte zwischen Bereichen wechseln und dafür qualifiziert werden müssen. Teams und Führungskräfte müssen klären, wie sie Projekte weiterführen und die verbliebene Arbeit verteilen.
Auf der Betriebsversammlung im Juli sei diese Frage aufgetaucht: "Wie sollen wir unsere Projekte in der Zeitvorgabe schaffen?" In Gesprächen mit Beschäftigten hörte Madan Sorgen, dass weniger Kolleginnen und Kollegen künftig dieselbe Arbeit bewältigen müssen. In manchen Büros sind die Folgen längst sichtbar, während sich die neue Organisation erst noch finden muss.
Keine betriebsbedingten KündigungenBetriebsbedingte Kündigungen und Kürzungen der Arbeitszeit soll es in Alfdorf 2026 und 2027 nicht geben, sagt Sauerbeck. Sollten sich die wirtschaftlichen oder industriellen Rahmenbedingungen verschärfen, müssten Unternehmen und Arbeitnehmervertreter allerdings erneut über Maßnahmen beraten.

Die Vereinbarung fällt in eine Phase, in der eine andere, lange offene Frage vorerst beantwortet ist. Ende Juli teilte ZF mit, Lifetec bleibe bis auf Weiteres vollständig im Konzern. Verkauf und möglicher Börsengang liegen damit vorerst auf Eis. Die Sparte soll operativ eigenständig bleiben. ZF will Lifetec vorerst weder verkaufen noch wieder vollständig in den Konzern einbauen.
Für Sauerbeck ist das eine Erleichterung. "Wir können uns wieder darauf konzentrieren, gestärkt hervorzugehen", sagt er. Sauerbeck sagt, die Belegschaft könne sich nun wieder stärker auf die Arbeit konzentrieren, statt täglich über mögliche Verkaufs- oder Börsenszenarien zu sprechen.
Der Hebel im ErnstfallBetriebsrat und IG Metall haben bei ihren Verhandlungen außerdem für den Fall vorgesorgt, dass die Eigentümerfrage oder der Kostendruck später wieder auf den Tisch kommen. Der Überleitungstarifvertrag war nach Madans Darstellung an ein Closing oder einen Börsengang geknüpft. Weil beides vorerst ausbleibt, kommt er derzeit nicht zur Anwendung.
Die Gewerkschaft hat nach Madans Darstellung zusätzlich vereinbart: Sollte ZF Lifetec betriebsbedingt kündigen wollen, müsste das Unternehmen mit der IG Metall über einen Sozialtarifvertrag verhandeln. Dann wäre die IG Metall Verhandlungspartnerin, und der Betriebsrat stünde nicht allein am Tisch. In Baden-Württemberg sei dieses Instrument nach Madans Erfahrung eher unüblich.
Ein Plan für AlfdorfParallel beginnt bereits die nächste Verhandlung. Bis zum Sommer 2027 wollen Unternehmen und Betriebsrat festlegen, wie der Standort bis 2031 aufgestellt sein soll. Intern heißt dabei vom Zielbild 2031 die Rede. Verhandelt werden sollen nicht nur Beschäftigtenzahlen, sondern auch Produkte, Auslastung, Investitionen, Qualifizierung und die technologische Rolle von Alfdorf. Die zentrale Frage lautet: Welche Aufgaben soll das Werk künftig behalten oder hinzugewinnen?
Eine neue Test-Schlittenanlage könnte Teil dieser Antwort werden. Das Land Baden-Württemberg hat dafür rund fünf Millionen Euro bewilligt. Mit der Anlage sollen passive Sicherheitssysteme wie Airbags und Gurte getestet werden. ZF Lifetec prüft den Zeitpunkt für die mögliche Realisierung und nennt keinen Zeitplan für den Bau. Sauerbeck wertet die Förderzusage dennoch als wichtiges Signal für den Standort.
Die leeren Schreibtische werden nicht wieder besetzt. Aber die Frage, die in Alfdorf vier Jahre lang alles überlagert hat, ist vorerst beantwortet: Lifetec bleibt bei ZF. Jetzt wird sich zeigen müssen, wie viel von der Arbeit, die heute noch auf den Schreibtischen liegt, in Alfdorf bleibt – und welche neue hinzukommt.
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