Eine Delegation von Vertreterinnen und Vertretern lateinamerikanischer Kinderbuch-Verlage ist dank der Förderung von Pro Helvetia durch die Schweiz gereist, um den Dialog mit der hiesigen Szene zu vertiefen. Anlässlich von Netzwerkveranstaltungen, Atelierbesuchen und Treffen mit Autorinnen und Autoren, Illustrierenden sowie Verlagsfachleute knüpften sie nachhaltige Kontakte und loteten Möglichkeiten für eine künftige Zusammenarbeit aus. Während auf […]
Der Beitrag Gemeinsam auf Entdeckungsreise durch die Schweizer Kinderbuchlandschaft erschien zuerst auf Pro Helvetia.
Während auf der Nordhalbkugel der Frühling Einzug hielt, schuf die Begegnung zwischen zwei unterschiedlichen Welten den Nährboden für neue Verbindungen. Eine Delegation von Vertreterinnen und Vertretern sechs lateinamerikanischer Verlage reiste im April in die Schweiz, um während einer Woche an Netzwerkveranstaltungen und verschiedenen Treffen teilzunehmen.
Das von Pro Helvetia initiierte und geförderte Programm umfasste Begegnungen mit hiesigen Verlagsfachleuten, Besuche in Ateliers von Illustrierenden sowie Gespräche über den Buch- und Verlagsmarkt, über die Entstehung von Büchern für eine junge Leserschaft und über deren künstlerische und pädagogische Aspekte. Im Vordergrund standen nicht kommerzielle Themen; das Programm zielte vielmehr darauf ab, den Teilnehmenden einen vertieften Einblick in die Schweizer Szene zu vermitteln und ihnen Gelegenheit zu geben, neue Kontakte zu knüpfen, die den Grundstein für eine Reihe von Projekten und für langfristige Beziehungen legen sollten.
«Persönliche Beziehungen sind im internationalen Buchmarkt wichtig. Oft kommt eine Übersetzung durch eine persönliche Begegnung zustande, die durch Formate wie diese Einladung ermöglicht wurde», meint die Schweizer Autorin und Übersetzerin Eva Roth dazu. Sie begleitete die Gruppe aus Lateinamerika als Coach und organisierte ihr Programm.
Besuch im Atelier von Eva Roth ©Samara KraussDie eingeladenen Verlage sind im internationalen Markt gut etabliert, und das Schweizer Verlagsumfeld war ihnen nicht völlig fremd. Der argentinische Verlag Limonero zum Beispiel startete 2014 als ein auf Übersetzungen spezialisiertes Haus. Bereits früh veröffentlichte er «Mon Tout Petit» der Schweizer Kinderbuchschaffenden Germano Zullo & Albertine.
Lulu Kirschenbaum, Co-Gründerin von Limonero und Delegationsteilnehmerin, erzählt: «Das Buch war für unseren Verlag sehr wichtig und verkauft sich immer noch sehr gut. Es hat uns viel Sichtbarkeit verschafft und uns auch erlaubt, unsere verlegerische Philosophie zu festigen: Kinderbücher sind Bücher für Kinder, sollen aber auch Erwachsene ansprechen – sie sind ein Genre, das über Kinderliteratur hinausgeht. Das Buch hat uns die Schweizer Verlagsbranche nähergebracht.»
Das Programm trug jedoch auch dazu bei, bisher unerforschte Aspekte in den Fokus zu rücken. Mónica Bergna vom mexikanischen Verlag Alboroto Ediciones arbeitet seit rund dreissig Jahren im Verlagswesen und ist den Umgang im internationalen Markt gewohnt. Trotzdem war die Erfahrung mit dem Programm für sie sehr bereichernd.
Sie fasst es so zusammen: «Es hat meinen Blick auf die Dinge verändert. Ich pflegte Kontakt zu Schweizer Verlagen, hatte aber keine Ahnung von der Vielfalt der Branche – da lässt sich sehr viel entdecken. Man findet Frisches und Neues, manchmal auch Ungewöhnliches, immer von hoher Qualität. Und die Bildsprache hat sich kontinuierlich weiterentwickelt. Zudem gibt es viel Humor – das hatte ich so nicht erwartet, es überraschte mich.»
Das Projekt bot Raum für neue Entdeckungen, nicht nur für die Vertretenden der eingeladenen Verlage, sondern auch für die Profis aus der Schweiz. «Der Schweizer Kinderbuchmarkt ist, wie alle Literaturen der Schweiz, stark auf seine Sprachräume ausgerichtet», so Eva Roth. «Als Deutschschweizerin staunte ich wie die eingeladenen Verlagsfachleute aus Lateinamerika über die Verlagsvielfalt und die sorgfältig hergestellten und mutigen Publikationen», merkt sie weiter an.
Unterschiedliche Welten erkundenDie erste Station der Programmtour war Genf. Dort tauschten sich die Teilnehmenden mit Verlagsfachleuten aus der Westschweiz aus und besuchten die Künstlerin Mirjana Farkas in ihrem Atelier. Danach reisten sie weiter nach Bern, wo sie Halt machten im Atelier von Johanna Schaible, und von dort ging es schliesslich nach Zürich: Auf dem Programm stand ein Treffen mit Deutschschweizer Vertretenden von Verlagen und Institutionen sowie mit Autorinnen bzw. Autoren und Illustrierenden. Dabei tauschte man sich auch über den Schweizer Markt für Kinderbücher aus, und es fand ein Illustrationsworkshop statt, der von Magali Franov geleitet wurde.
Johanna Schaibl präsentiert ihre Arbeiten bei einem Besuch in ihrem Atelier ©Samara Krauss«Ich fand es richtig erfrischend», berichtet Lulu Kirschenbaum. «Ich habe schon an etlichen Einladungsprogrammen teilgenommen, und manchmal sind sie so dichtgedrängt, dass man nicht die ganze Vielfalt zu sehen bekommt, zum Beispiel, wie die Kunstschaffenden arbeiten. Ganz anders hier: In die Welt eines Illustrierenden einzutauchen oder eine Bibliothek zu besuchen – das war alles sehr bereichernd.»
Die unabhängige Verlegerin Mónica Romero Girón ergänzt: «Du lernst andere Ansätze kennen. Und es ist auch grossartig, mit Menschen zusammenzukommen, die deine Leidenschaft teilen.»
Für Alejandra Quiroz vom mexikanischen Verlag Leetra waren vor allem die Atelierbesuche speziell bereichernd. «In ihre Welten einzutreten und etwas über ihre Arbeitsweise, ihr Schaffen und ihre Erfolge zu erfahren, hat mich tief bewegt, sowohl persönlich wie auf beruflicher Ebene.»
Illustrationsworkshop mit Magali Franov ©Mónica Bergna«Wir Verlagsfachleute sitzen täglich viele Stunden vor dem Bildschirm – um Texte Korrektur zu lesen, Rechnungen zu prüfen, Mails zu beantworten –, sodass wir oft den Kontakt verlieren zu den Menschen, die ein Buch erschaffen», berichtet der Chilene Pablo Álvarez, der den Verlag Ediciones Ekaré Sur vertritt. «Gerade Autorinnen und Autoren oder Illustrierende können uns viel mitgeben, deshalb fand ich die Aktivitäten des Programms sehr inspirierend.»
Und Samara Krauss, die Vertreterin des brasilianischen Verlags Saber e Ler / Nanabooks, ergänzt: «Wenn man ihr Atelier sieht und die Art und Weise, wie sie arbeiten, bekommt man ein viel besseres Verständnis für ein Buch.»
Dank dieser Erfahrung hätten sie nun Illustrierende auf dem Radar, berichten die eingeladenen Verlagsfachleute, und die Beziehungen zur Schweizer Szene hätten sich vertieft. Für Mónica Romero war es auch der Moment, ihre Planung für die Übersetzung von Werken zu überdenken und die Arbeiten frühzeitig anzugehen, um den Schaffensprozess von Übersetzerinnen und Übersetzern besser zu berücksichtigen.
Austausch über ArbeitsweisenDas Programm gab nicht nur einen Einblick in die hiesige Produktion von Kinderbüchern, sondern bot den Teilnehmenden auch Gelegenheit, sich auszutauschen über ihr jeweiliges Umfeld, ihre Erfahrungen und darüber, wie unterschiedlich das Thema Übersetzen in verschiedenen Regionen angegangen wird.
«Wir arbeiten mit Kindern. Und obwohl alle Menschen unterschiedlich sind, zeigt ein solcher Austausch auch, welchen Stellenwert die Kindheit in einer Gesellschaft hat und welche Herausforderungen sich für Kinder je nach Kontext stellen», beschreibt es Mónica Romero. «Dass eine Realität nicht die unsere ist, heisst noch lange nicht, dass wir sie nicht verstehen, uns für sie interessieren und von ihr lernen können.»
Networking-Veranstaltung mit Verlegerinnen und Verlegern aus dem französischsprachigen Raum der SchweizBesondere Aufmerksamkeit erregte die Arbeit von SJW, einer Institution, deren Ziel es ist, Kinder zum Lesen zu animieren. «Ich hatte noch nie von ihnen gehört», sagt Alejandra Quiroz. «Wie es ihnen gelungen ist, eine gängige Lesepraxis zu hinterfragen und auf den Kopf zu stellen, um so die Qualität des Leseerlebnisses zu verbessern, ist wirklich erstaunlich.»
Ein weiteres bemerkenswertes Projekt ist die Plattform Bolo Klub für junge Illustrierende. «Es war inspirierend, zu erfahren, wie sie organisiert sind: eine Gemeinschaft von Illustrierenden, deren Mitglieder alle zwei Jahre wechseln und sich gegenseitig Feedback geben – eine Art von kultureller Überlebensstrategie sozusagen», erzählt Lulu Kirschenbaum.
Den Dialog fortführenDie Tour war zeitlich so geplant, dass sie genau vor der Kinderbuchmesse in Bologna stattfand, der wichtigsten internationalen Messe der Kinderbuchbranche. So hatten die Teilnehmenden Gelegenheit, nach Italien weiterzureisen und den Austausch fortzuführen.
Mónica Romero berichtet, dass sie dank des Programms Schweizer Verlegerinnen und Verleger kennenlernte, mit denen sie zuvor keinen Kontakt hatte, und dann später in Bologna mit einem neuen Blick an ihren Messestand gehen konnte, um sich ihre Verlagsprogramme anzuschauen. «Literaturagenturen sind ein wichtiges Bindeglied, aber der direkte Kontakt zu einer Verlegerin oder einem Verleger ist ungleich bereichernder – so erfahre ich aus erster Hand, weshalb er oder sie sich für die Produktion eines Buchs entschieden hat und wie der Entscheidungsprozess ablief.»
«Als ich in Bologna ankam, hatte ich dank der Tour eine neue Vorstellung vom Schweizer Markt. Ich kehrte mit mehr Fragen als Antworten zurück, und ich denke, das ist ein gutes Zeichen. Ich lernte eine andere Art kennen, Kinderbücher zu gestalten und herzustellen, und ich habe nun grosse Lust, noch mehr über diese Branche zu erfahren», betont Mónica Bergna.
Zu Besuch in der Geschäftsstelle von Pro Helvetia in Zürich. Von links nach rechts: Mónica Bergna, Pablo Álvarez, Lulu Kirschenbaum, Samara Krauss, Alejandra Quiroz, Mónica Romero Girón, Oriana Fasciati (Pro Helvetia) und Eva RothDie Profis aus Lateinamerika sind sich einig, dass zahlreiche Werke ihr Interesse geweckt haben und sich daraus nun viele potenzielle Projekte ergeben können.
«Nachträglich habe ich sowohl von Illustrierenden als auch von Verlagen gehört, dass ein reger Austausch über einzelne Projekte in Gang gekommen war. Das kann direkt zu Übersetzungen führen», sagt Eva Roth. «Ich hoffe und gehe davon aus, dass die neuen Kontakte in allen Konstellationen weiterwachsen werden.»
Pablo Álvarez konnte dank der Erfahrung seine Kenntnisse über das Schweizer Verlagswesen erweitern. «Ich freue mich sehr darauf, mit Schweizer Verlagen zusammenzuarbeiten, deren Verlagsprogramm unserem eigenen besonders nahekommt.»
Carina Solari, die beim Schweizer Verlag La Joie de Lire zuständig ist für Auslandsrechte, hat die lateinamerikanische Delegation getroffen. Sie sagt, Treffen mit internationalen Verlagen seien sehr wichtig, aber nichts gehe über persönliche Begegnungen, um sich über Arbeitsweisen und verlegerische Interessen auszutauschen und dauerhafte Beziehungen aufzubauen. «Es braucht Zeit, um sich gegenseitig besser kennenzulernen, sich zu verstehen und zu spüren, welche Art von Buch ein ausländischer Verleger oder eine Verlegerin sucht. Herauszufinden, wie ausländische Märkte funktionieren, etwa in Bezug auf das Vertriebssystem oder auf Verlagsrabatte etc., ist ebenfalls wichtig für das gegenseitige Verständnis und hilft, Beziehungen nachhaltig zu gestalten und Rechte zu vermarkten.»
Eva meint abschliessend dazu: «Der internationale Lizenzmarkt braucht diese Beziehungen. Ich bin gespannt, ob in den kommenden Jahren weitere Schweizer Titel in Lateinamerika erscheinen werden.»
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