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Bewegungssucht bei Männern: Wenn Training zur Belastung wird

Дата публикации: 20-09-2026 03:30:00

Viele Männer arbeiten hart an ihrem Körper. Fachleute beobachten, dass Training und Ernährung bei manchen zum Hauptfokus des Lebens werden – zu ihrem eigenen Schaden.

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Viele Männer arbeiten hart an ihrem Körper. Fachleute beobachten, dass Training und Ernährung bei manchen zum Hauptfokus des Lebens werden – zu ihrem eigenen Schaden.

Kathrin Reimann20.09.2026, 05.30 Uhr

4 Leseminuten


Illustration Jasmin Hegetschweiler / NZZ

Der Körper soll nicht nur gut aussehen. Er soll zeigen, dass man sich im Griff hat, dass man diszipliniert, leistungsfähig, willensstark ist. Roland Müller, Leiter «Sandro – Fachstelle für Männergesundheit» bei Männer.ch, beobachtet seit Jahrzehnten, wie solche Vorstellungen das Verhältnis von Männern zu ihrem Körper prägen. Der Druck habe zugenommen. «Es geht nicht nur darum, muskulös zu sein, sondern auch schlank, definiert, vital und leistungsfähig.»

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Lange wurden solche Probleme bei Männern kaum wahrgenommen. Essstörungen galten als weibliches Phänomen, auch die Diagnostik war entsprechend geprägt. «Bei Anorexia nervosa gehörte bis Ende der 1970er Jahre sogar das Ausbleiben der Menstruation zu den Diagnosekriterien», so Müller. Noch heute könne Entscheidendes übersehen werden: «Fragt man einen Mann, ob er schlanker sein möchte, verneint er womöglich. Fragt man hingegen, ob er muskulöser oder definierter sein möchte, kann die Antwort anders ausfallen.»

Gleichzeitig haben soziale Netzwerke den Vergleich verschärft. Innert Sekunden sehen Männer dort unzählige durchtrainierte Körper. «Die eigene Schablone davon, was normal ist, wird dadurch überschrieben», sagt Müller. Dabei bleibe oft unsichtbar, dass Bilder bearbeitet oder leistungssteigernde Substanzen im Spiel seien. «Soziale Netzwerke sind meist nicht der Auslöser, können eine bestehende Dynamik aber verstärken», so Müller.

Wenn Sport eine andere Funktion bekommt

Wann aber wird aus ambitioniertem Sport problematisches Verhalten? Flora Colledge, Lehr- und Forschungsbeauftragte für Gesundheitswissenschaften an der Universität Luzern, forscht seit Jahren zu Bewegungssucht. Diese ist bis jetzt nicht als eigenständige psychische Störung anerkannt. Entscheidend sei nicht die Zahl der Trainingsstunden, sondern welche Funktion der Sport übernehme.

«Problematisch kann es werden, wenn nicht mehr Freude, Fitness oder Leistung im Vordergrund stehen», so Colledge. Manche Menschen versuchen, durch Bewegung Stress zu bewältigen, depressive Gefühle zu verdrängen oder ein negatives Körperbild zu bekämpfen. Das Training verschafft kurzfristig Erleichterung, gleichzeitig nehmen Müdigkeit, Zeitdruck und Konflikte zu. «Sport wird zum einzigen Stresspuffer», sagt Colledge.

Die Expertin unterscheidet zwischen einer primären und einer sekundären Form der Bewegungssucht. Bei der primären steht die Bewegung selbst im Zentrum, etwa als Strategie gegen Stress oder negative Gefühle. Bei der sekundären Form dient sie einem anderen Ziel – beispielsweise abzunehmen oder Muskeln aufzubauen. Hier gibt es Überschneidungen mit Essstörungen und Muskeldysmorphie. «Das Hauptmotiv ist dann das Aussehen, nicht der Sport», sagt Colledge.

Müller kennt solche Verflechtungen aus seiner Arbeit. Manche Männer kontrollieren ihre Ernährung immer stärker, zählen Makronährstoffe und teilen Lebensmittel in «gut» und «schlecht» ein. Bei einer Muskeldysmorphie fühlen sich selbst austrainierte Männer als zu wenig muskulös. Training und Ernährung werden weiter optimiert, ohne dass die Unzufriedenheit verschwindet.

Flexibilität geht verloren

Bewegungssucht beschränkt sich nicht auf junge Männer im Fitnessstudio. In einer von Colledge untersuchten Stichprobe lag das Durchschnittsalter bei 44 Jahren. Männer und Frauen seien insgesamt ähnlich häufig betroffen. Problematisches Verhalten werde häufiger bei Einzel- und Ausdauersportarten beobachtet. Wer alleine trainiert, kann Umfang und Intensität selbst bestimmen – und gegenüber anderen leichter verbergen.

Bei Männern gebe es Hinweise darauf, dass Sport häufiger zum Mittel werde, um Stress und negative Gefühle zu bewältigen, sagt Colledge. Das könne auch damit zusammenhängen, dass Männer weniger andere Möglichkeiten nutzten, um über Gefühle zu sprechen und Druck abzubauen. Sport hingegen ist gesellschaftlich positiv besetzt: Wer viel trainiert, gilt als diszipliniert und leistungsfähig.

Viel Disziplin macht jedoch noch keine Bewegungssucht. Ambitionierte Sportler planen Erholung und trainingsfreie Phasen ein. Bei einer Bewegungssucht geht diese Flexibilität verloren. Dann wird auch trainiert, wenn der Körper eine Pause verlangt oder andere Lebensbereiche darunter leiden. Gerade bei Männern kann das lange unauffällig bleiben. Müller beobachtet, dass Scham und traditionelle Männerbilder es erschweren, über Ess- und Körperbildprobleme zu sprechen. Statt Hilfe zu suchen, wird das Unbehagen mitunter dort bekämpft, wo es gesellschaftlich Anerkennung findet: mit noch mehr Training und noch mehr Kontrolle über den eigenen Körper.

So bleibt Sport gesund

Wie lässt sich verhindern, dass Training und Ernährung das Leben bestimmen? Roland Müller empfiehlt, bewusst für Vielfalt zu sorgen. «Neben Sport sollen andere Hobbys und soziale Kontakte ihren Platz behalten.» Ebenso wichtig seien trainingsfreie Tage und Situationen, in denen beim Essen nicht alles nach Plan laufe – etwa im Restaurant.

Auch der Umgang mit sozialen Netzwerken spielt eine Rolle. Müller rät, sich regelmässig zu fragen: Wem folge ich – und was machen die Inhalte mit mir? Bilder scheinbar perfekter Körper können die Vorstellung davon verschieben, was normal und erreichbar ist. Hilfreich sei zudem, sich mit dem Einfluss der Genetik auf den Körper auseinanderzusetzen.

Flora Colledge setzt bei den Trainingsgründen an und erklärt: «Wer merkt, dass er vor allem Sport treibt, um Belastungen zu bewältigen, kann nach weiteren Strategien suchen.» Gespräche, Atem- und Entspannungsübungen oder Veränderungen im Alltag können helfen, Stress abzubauen.

Ist bereits ein hoher Leidensdruck entstanden, empfiehlt Müller professionelle Unterstützung. Bei Ess- und Körperbildstörungen kommen unter anderem verhaltenstherapeutische Ansätze zum Einsatz. Starre Regeln können schrittweise gelockert, gemiedene Lebensmittel eingebaut und problematische Vorstellungen vom eigenen Körper hinterfragt werden.

Für Bewegungssucht hingegen gibt es bis jetzt keine etablierte Therapie. Die Störung ist nicht als eigenständige Diagnose anerkannt. Entsprechend fehlen laut Colledge wissenschaftlich geprüfte Behandlungsprogramme. Betroffene können sich jedoch an psychotherapeutische Fachpersonen wenden, etwa aus der kognitiven Verhaltenstherapie.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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