HVO100 ist im deutschen Großhandel erstmals günstiger als fossiler Diesel. Experten erklären, warum die Preise fallen und was das für Tankstellen bedeutet.
Stand: 26.09.2026, 10:14 Uhr
HVO100 ist im deutschen Großhandel erstmals günstiger als fossiler Diesel. Experten erklären, warum die Preise fallen und was das für Tankstellen bedeutet.
München – Eine ungewöhnliche Entwicklung auf dem deutschen Kraftstoffmarkt könnte für Dieselfahrer interessant werden: Die erneuerbare Diesel-Alternative HVO100 ist im Großhandel erstmals günstiger als herkömmlicher fossiler Diesel. In einzelnen Regionen betrug der Preisvorteil zuletzt sogar rund zehn Cent je Liter. Noch kommt davon an vielen Tankstellen wenig an – das könnte sich jedoch ändern.

Nach Berechnungen der Preisberichtsagentur Argus Media für Ippen.Media lag HVO100 am 18. September im bundesweiten Durchschnitt um mehr als sechs Euro je 100 Liter unter dem Preis von fossilem B7-Diesel. Am 22. September betrug der Abstand noch rund 5,50 Euro je 100 Liter. Vereinfacht entspricht das einem Großhandelsvorteil von rund 5,5 Cent je Liter.
HVO100 günstiger als Diesel: Warum die Diesel-Alternative plötzlich billiger istRegional fiel die Differenz sogar deutlich größer aus. „An einzelnen Tanklagerstandorten lag HVO100 zuletzt zeitweise rund 10 €/100 l unter dem Preis von B7-Diesel, beispielsweise in Hamburg“, erklärt Marcel Pott, Experte für den deutschen Ölprodukte-Markt bei Argus Media, auf Nachfrage unserer Redaktion.
Das ist bemerkenswert: Seit HVO100 im Mai 2024 in Deutschland an Tankstellen verkauft werden darf, war die erneuerbare Alternative normalerweise teurer als klassischer Diesel.
Warum HVO plötzlich günstiger ist als DieselHinter der Preisumkehr steckt eine Kombination mehrerer Faktoren. Einer davon ist die Krise auf dem internationalen Dieselmarkt. Die Preise für fossilen Diesel sind infolge der geopolitischen Spannungen und gestörter Handelsströme kräftig gestiegen. Höhere Rohölpreise sowie gestiegene Fracht- und Versicherungskosten verteuern fossile Kraftstoffe zusätzlich.
HVO reagiert darauf weniger stark. Die Abkürzung steht für „Hydrotreated Vegetable Oil“. Der Kraftstoff wird vor allem aus biogenen Rest- und Abfallstoffen wie Altspeiseölen, Tallöl oder tierischen Fetten hergestellt. Seine Preisbildung hängt deshalb weniger unmittelbar vom Rohölpreis ab.
Hinzu kommen regulatorische Unterschiede. Zwar fällt für HVO100 und Diesel dieselbe Energiesteuer von 47,04 Euro je 100 Liter an. Fossiler Diesel wird jedoch zusätzlich mit dem nationalen CO₂-Preis belastet. Nach Angaben von Argus entspricht das derzeit einem Kostenfaktor von rund 17 Euro je 100 Liter. Bei HVO100 entfällt dieser Posten. Auch die Erdölbevorratungsabgabe von derzeit rund 30 Cent je 100 Liter fällt für HVO nicht an.
Einen weiteren Vorteil bringt die Treibhausgasminderungsquote, kurz THG-Quote. Anbieter von HVO können durch das Inverkehrbringen des Kraftstoffs THG-Quotenwerte generieren und vermarkten. Die entsprechenden Zertifikatspreise erreichten zuletzt nach Angaben von Argus Rekordniveaus.
Damit entsteht ein doppelter Effekt: Fossiler Diesel wird durch CO₂-Kosten und andere Belastungen verteuert, während HVO-Anbieter zusätzliche Einnahmen durch die THG-Quote erzielen und den Kraftstoff günstiger anbieten können.
HVO könnte auch an Tankstellen mit Diesel gleichziehenEntscheidend für Autofahrer ist allerdings nicht der Preis am Tanklager, sondern an der Zapfsäule. Dort kostet HVO100 bislang meist noch mehr als Diesel.
Doch auch dieser Abstand ist bereits deutlich geschrumpft. Während HVO100 nach seiner Einführung zeitweise mehr als 20 Cent je Liter teurer war, liegt der Aufschlag nach Angaben von Argus inzwischen an vielen Tankstellen nur noch bei etwa vier bis acht Cent je Liter. Vereinzelt werde HVO bereits zum gleichen Preis wie Diesel oder sogar etwas günstiger angeboten .Sollte sich der Großhandelsvorteil halten, könnte sich dieses Bild weiter verändern.
„Sollte der aktuelle Preisvorteil von HVO100 gegenüber B7-Diesel im Großhandel bestehen bleiben oder sich weiter vergrößern, dürfte sich dies tendenziell auch an den Zapfsäulen bemerkbar machen“, sagt Pott. Dann sei denkbar, dass HVO100 vielerorts zum gleichen Preis wie Diesel oder sogar mit einem Abschlag verkauft werde.
Mehrere Tankstellenbetreiber hätten gegenüber Argus bereits erklärt, HVO100 bewusst attraktiv bepreisen zu wollen, um den noch vergleichsweise jungen Kraftstoff im Markt zu etablieren und neue Kunden zu gewinnen.
Eine Garantie, dass die rund fünf bis zehn Cent Preisvorteil aus dem Großhandel vollständig beim Autofahrer ankommen, gibt es allerdings nicht. Die Betreiber entscheiden selbst über ihre Preisstrategie und Margen.
Mehr als 750 Tankstellen bieten HVO100 anDas Tankstellennetz ist seit der Einführung gewachsen. Nach Angaben des Branchenverbands eFuelsNow kann HVO100 inzwischen an mehr als 750 Tankstellen in Deutschland getankt werden.
Nicht jedes Dieselfahrzeug darf den Kraftstoff allerdings nutzen. Autofahrer sollten auf die Freigabe ihres Herstellers achten. Bei vielen neueren Fahrzeugen weist ein „XTL“-Symbol im Tankdeckel auf die Verträglichkeit hin .Ob aus dem derzeitigen Preisvorteil im Großhandel eine dauerhafte Wachablösung an der Zapfsäule wird, ist dennoch offen.
Denn auch HVO hat einen entscheidenden Engpass: Die verfügbaren Rohstoffe und Produktionskapazitäten lassen sich nicht unbegrenzt ausweiten. Steigt die Nachfrage deutlich, kann das den Preis wiederum nach oben treiben.
Hinzu kommt eine Abhängigkeit vom Ausland. „Deutschland verfügt derzeit zudem über keine heimische HVO100-Produktion“, erklärt Pott. Die verfügbaren Mengen würden importiert. Dadurch sei Deutschland von internationalen Lieferketten und Transportwegen abhängig .Wie empfindlich diese sein können, habe sich bereits im Sommer gezeigt. Wegen der zeitweise eingeschränkten Schiffbarkeit des Rheins kam es laut Argus an mehreren Tanklagern entlang des Flusses zu HVO-Leerständen. (Quellen: Argus Media, Reuters, ADAC, eFuelsNow, Bundesgesetzblatt) (mare)
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