Wenn eine preisgekrönte Romanautorin ein Theaterfestival für Gegenwartsdramatik eröffnet, kann das durchaus seinen Reiz haben. Die Erwartungen an den Abend waren groß – die Enttäuschung danach ist es aber ebenfalls.
Theater Autor:innentheatertage am DT Ort der verpassten Möglichkeiten
Wenn eine preisgekrönte Romanautorin ein Theaterfestival für Gegenwartsdramatik eröffnet, kann das durchaus seinen Reiz haben: Der fremde Blick von außen auf den Betrieb, auf die andere Kunst – die zwar ebenfalls mit Sprache zu tun hat, nur eben ganz anders, als das bei einem Roman der Fall ist.
Bei Heike Geißlers Eröffnungsrede der Autor:innentheatertage am Deutschen Theater bekommt man allerdings schlicht den Eindruck, dass sich hier jemand mit dem Theater der Gegenwart wenig auskennt – und sich auch wenig dafür interessiert. Ihre Rede hält sich an Gemeinplätzen auf und könnte genau so auch vor 20 Jahren bei jedem anderen Theaterfestival der Welt gehalten worden sein.
Wenig Substanzielles zur Gegenwartsdramatik
Geißler referiert über die Bühne als eigentliche Protagonistin des Theaters, als Ort der Möglichkeiten: "Was die Bühne macht, muss man dabei ja selbst erst einmal hinkriegen. Da sein. Kontinuierlich. Dranbleiben. Was hier also ermöglicht wird: die kontinuierliche Anwesenheit und Benutzbarkeit eines bespielbaren und bestenfalls die Möglichkeiten vermehrenden Ortes. Kontinuität ist immer ein Insistieren. Die Bühne ist also nicht nur da. Sie insistiert." Als Ort des möglichen Ungehorsams und Protests ruft die Autorin die Bühne auf. Daran ist so wenig falsch wie streitbar.
Auch die Intendantin Iris Laufenberg und die Festivalleiterin Lilly Busch haben in ihren Begrüßungsworten wenig zum Stand der Gegenwartsdramatik zu sagen – noch eine verschenkte Chance am "Ort der Möglichkeiten". Was man erfährt: Elf Gastspiele aus ganz Deutschland und der Schweiz sind diesmal zum Festival eingeladen, alles (wie immer) neue Stücke der Saison.
Gut besucht ist die Eröffnung der Autor:innentheatertage 2026 im Deutschen Theater. (Quelle: Jasmin Schuller)
Flache Gespenster-Comedy
Eine weitere verpasste Chance folgt auf dem Fuß. Weshalb die Festivalleitung ausgerechnet die flache Gespenster-Comedy "Drei Schwestern" der serbisch-österreichischen Autorin Barbi Marković als Eröffnungsinszenierung auserkoren hat, weiß der Himmel. Ein gutes Licht auf die neuen Stücke der Gegenwart wirft es jedenfalls nicht, wenn man drei offensichtlich in ihrer Pubertät steckengebliebenen Schwestern dabei zuhört, wie sie sich misogyn beschimpfen – die eine sei dumm und hässlich, die andere habe eine bescheuerte Frisur, die dritte solle mal besser aufhören zu singen. Mit Tschechows gleichnamigem Klassiker hat das Stück ohnehin nichts zu tun.
Die meiste Zeit sind die drei Schwestern in ihrer zu kleinen Wiener Wohnung damit beschäftigt, sich an ihrer Familienkonstellation abzuarbeiten: das übersehene Sandwich-Kind, die überforderte große Schwester, das resiliente Nesthäkchen. Und das sogar über ihren Tod hinaus. Eine der Schwestern hasst ihr Leben so sehr, dass sie ihre Haarspange in die Heiztherme wirft, die daraufhin explodiert. Die Schwestern sterben, spuken aber durch das Leben der neuen Mieterin: eine irre Psychologin, die mit Katzenfotos und Kristallen einzieht – und bald Kontakt mit den Geisterschwestern aufnimmt. Und zwar über deren weiterhin existierende Whatsapp-Gruppe, zu der die Verstorbenen die Katzenlady hinzufügen.
Ein QR-Code wird eingeblendet und das Publikum ist angehalten, auf dem eigenen Handy die Nachrichten mitzulesen. Was sich allerdings als überflüssig herausstellt – werden die Posts doch ohnehin auf der Bühne mitgesprochen. Wozu also die Smartphone-Spielerei? Um junges Publikum anzuziehen?
Die Schwestern stehen angeblich für "Streitkultur"
Die Schwestern sind mit langen geflochtenen Zöpfen aneinanderknüpft und tragen Gymnastikanzüge mit Spinnweben-Optik, da sie angeblich Kommunikationsfäden spinnen. Was eine Behauptung bleibt. Irgendwann erklären sich die Frauen glücklicherweise selbst – denn auf diese Interpretation wäre man nun wirklich nicht gekommen: Die drei Schwestern sollen für die Streitkultur in der Demokratie stehen – hören sie auf zu streiten, gewinnen die "Bros", also die Männer, die die Welt zerstören.
Abgesehen davon, dass es natürlich grober Unfug ist, ausschließlich Frauen zu den Retterinnen der Demokratie zu machen, kann man von "Streitkultur" bei den Schwestern beim besten Willen nicht sprechen. Schon gar nicht von politischer. Fraglich, ob man sich da nicht lieber mit den "bösen Bros" verbünden wollen würde.
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Nett und harmlos: Jan-Christoph Gockels "Polaris"
Noch eine verpasste Chance, wenn auch eine deutlich unterhaltsamere, bringt das DT am selben Wochenende mit Jan-Christoph Gockels neuem Stück "Polaris" auf die Bühne – eine Produktion, die die unglaubliche Möglichkeit hatte, zwei Wochen lang mit Regisseur, Filmemacher und zwei Schauspieler:innen in der Antarktis zu recherchieren. Die entstandene Produktion ist nett und anekdotenhaft – und irritierend harmlos, angesichts der Extremzustände im ewigen Eis.
Auf Laken, die die Bühne wie ein weißes Schneezelt umrahmen, werden die Videoschnipsel eingespielt, die das Team von der deutschen Neumayer-Station mitgebracht hat. Eine Forscherin macht mit dem Theaterteam im Eis Ballett. Ein Mann rodelt in Eisbärkostüm einen Hang herunter. Die Berliner Theaterleute haben Kostüme mitgebracht und inszenieren mit den Forscher:innen ein Stück. Das wirkt zunächst banal, bekommt aber einen tieferen Sinn beim Blick auf ein Foto von 1902, auf dem Arktisforscher ebenfalls im Eis Theater spielen – um in der Einsamkeit nicht völlig durchzudrehen. Was passiert mit dem Menschen in Isolation und in menschenfeindlicher Natur? Das wird zum Kernthema des Abends.
Denn Jan-Christoph Gockel spürt einem Kriminalfall aus dem Jahr 2018 nach. Damals ging die Nachricht von einem Antarktisforscher um die Welt, der einen Kollegen niedergestochen hatte – angeblich, weil der ihm stets das Ende von Büchern verraten hat. Ebenfalls einer, der durchgedreht ist.
Neben vielem anderen wird nun dieser Fall nacherzählt. Manchmal sieht man das weiße weite Schneegebirge projiziert, dann wieder die beengten Räume der Station. Dann werden ein paar Forscher befragt. Alles, wie immer bei Gockel, anekdotisch und unzusammenhängend.
Schräge Clowns
Wolfram Koch und Julia Gräfner sind die beiden Schauspieler:innen, die mit in die Antarktis reisen durften. Sie spielen die Russen, von dem der eine den anderen niedersticht. Wie sich die beiden als schräge Clowns gegenseitig das Leben schwermachen, ist durchaus unterhaltsam. Aber eben auch: viel Klamauk.
Was es wirklich bedeutet, monatelang in einer Minizelle im menschenfeindlichen Eis festzusitzen, warum die Forscher:innen hier nicht eben selten durchdrehen – dem kommt Gockel nicht auf die Spur. Eine Ernüchterung – wenn man bedenkt, wie aufwendig und teuer dieses Projekt gewesen sein muss. Touristen kostet es, so heißt es im Stück, 100.000 Euro, eine Woche ins Eis zu reisen. Die Erwartungen an den Abend waren groß – die Enttäuschung danach ist es ebenfalls.
Sendung: rbb24 Inforadio, 08.06.2026, 8:55 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 08.06.2026, Meret Reh im Gespräch mit Barbara Behrendt
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