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Saisoneröffnung im Open-Air-Theater Globe Berlin: Shakespeare im Regen

Дата публикации: 05-07-2026 08:46:46

Das Globe Berlin hat seine Freiluft-Spielzeit mit Shakespeares "Was ihr wollt" eröffnet, inszeniert vom britischen Shakespeare-Experten Ben Crystal.


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Saisoneröffnung im Globe Berlin Shakespeare im Regen

Szene aus "Was ihr wollt" von Globe Berlin (Quelle: Thorsten Wulff)
Szene aus "Was ihr wollt" von Globe Berlin (Quelle: Thorsten Wulff)

Von Kai Salander

Es sind alles andere als optimale Bedingungen für den Start der Sommersaison im Globe: Freilufttheater im strömenden Regen, dennoch sind an diesem Abend nahezu alle Plätze besetzt. Das Publikum sitzt rund um die rechteckige Holzbühne. Bevor es losgehen kann, schiebt das Theaterteam erst einmal die Pfützen mit Besen vom Bühnenboden – niemand soll beim Spiel ausrutschen.

Dann tritt Regisseur und Shakespeare-Experte Ben Crystal auf, begrüßt das Publikum zur Premiere von "Was ihr wollt" und erinnert an eine passende Zeile aus dem Schlusslied des Stücks: "For the rain it raineth every day." Das Publikum schmunzelt und hat es sich unter bunten Regenschirmen so gemütlich wie möglich gemacht.

Proben wie zu Shakespeares Zeiten

Crystal erklärt, zu Shakespeares Zeiten hätten Schauspieler üblicherweise nur drei bis fünf Tage zum Proben gehabt. Heute sieht es anders aus: Ensembles würden sich mit sechs bis acht Wochen deutlich mehr Zeit nehmen. Die Truppe vom Globe habe dagegen nur knapp zwei Wochen vor der Premiere geprobt und das ganz nach elisabethanischer Tradition – jeder zunächst allein mit dem eigenen Text, nicht im Zusammenspiel mit den Kollegen.

Seine Probenarbeit knüpft ans historische Vorbild an: 2008 hat er mit der "Quick-Raise"-Methode ein Verfahren entwickelt, mit dem professionelle Shakespeare-Produktionen in wenigen Tagen entstehen – historische Bühnenpraxis, kombiniert mit modernen Schauspieltechniken.

"Was ihr wollt": Verwirrspiel um Gestrandete in Illyrien

Es ist eine Komödie, die ganz nebenbei drängende Fragen unserer Zeit aufgreift, ein Stück, das sich um Gestrandete in der Fremde und um verwirrte Herzen dreht, die am Ende ihren Frieden finden. Das passt zum Motto der aktuellen Spielzeit: "Flucht & Frieden". Viola strandet nach einem Schiffbruch in Illyrien, ihren Zwillingsbruder Sebastian glaubt sie ertrunken. Als Mann verkleidet tritt sie in die Dienste des Herzogs Orsino – und soll ausgerechnet für ihn um die Gräfin Olivia werben. Die verliebt sich prompt in den hübschen Boten, während Viola längst für Orsino schwärmt. Als dann auch noch Sebastian quicklebendig auftaucht, ist das Verwirrspiel komplett. Sechs Schauspieler stemmen das gesamte Figurenkarussell, fast alle in Doppel- und Dreifachrollen.

Viele Lacher und ein gefälschter Liebesbrief

Benjamin Krüger und Philipp Myk toben als die Trinkkumpane Toby und Andrew über die Bühne. Nadja Schimonsky punktet mit ausdrucksstarken Monologen, oft genügt schon ihr Blick für große Gefühle. Astrid Köhler gibt die Gräfin Olivia ergreifend und mit viel Reife. Schauspielerin Wiebke Acton erntet für ihren Gesang viel Zwischenapplaus. Und als Adrian Stowasser als Haushofmeister Malvolio auf einen gefälschten Liebesbrief hereinfällt, lacht das Publikum minutenlang. Der Brief stammt aus der Feder der Zofe Maria – ihre Rache, weil der sittenstrenge Malvolio den nächtlichen Gelagen von Toby und Andrew ein Ende machen will. Maria imitiert Olivias Handschrift und gaukelt Malvolio vor, die Gräfin sei heimlich in ihn verliebt. Der Brief trägt ihm auf, ständig zu lächeln und gelbe Strümpfe zu tragen, kreuzweise gebunden – alles Dinge, die Olivia verabscheut. Malvolio tappt Szene für Szene tiefer in die Falle. Das Ensemble nutzt dabei das komplette Theater als Bühne, um sich vor ihm zu verstecken: Die einen verschanzen sich auf der hölzernen Fassade, andere pirschen durch die Publikumsreihen – das macht das Spiel ein Stück weit immersiv.

Die Kostüme von Hanna Zietlow und Lilly Sun Maennig zitieren die elisabethanische Silhouette – Kniebundhosen, Westen, gepuffte Ärmel –, brechen sie aber bewusst: Feste trägt statt klassischem Narrenkleid graues Patchwork mit sichtbaren Flicken, Olivia trauert hinter schwarzem Spitzenschleier, und Malvolio stakst in strengem Schwarz mit Kette an der Weste über die Bühne, die weinroten Puffärmel als einziger Farbtupfer.

Ben Crystal lässt Shakespeare in Berlin aufleben

Regisseur Crystal inszeniert zum ersten Mal in Berlin. Der Brite spielt selbst am Shakespeare's Globe in London und gilt international als Spezialist für die Originalaussprache des elisabethanischen Englisch – dort steht er als Hamlet auf der Bühne, als das Haus zum ersten Mal seit 400 Jahren wieder in originalem Klang spielt.

So ist es ein recht launisches Stück, bei dem viel Multitasking gefragt ist: Monologe und Dialoge wechseln mitten im Satz vom Deutschen ins elisabethanische Shakespeare-Englisch. Das gelingt dem Cast mühelos – keine Spur von der vergleichsweise kurzen Probenzeit. Außerdem singen und spielen alle Schauspieler die Lieder selbst, auf Gitarre, Ziehharmonika und Harfe. Die steht zum Schutz vor Regenschauern unter einem Sonnenschirm. Ab und zu stößt einer der Darsteller an den Schirm, und das Wasser darauf schwappt beinahe ins Publikum. Solche Schrecksekunden – wie auch der Hund, der in der ersten Szene um die Bühne irrt – zeigen: Dieses Theater spielt mitten im Leben. Ganz wie das Original, das Londoner Globe von 1599: Dort steht das Publikum unter freiem Himmel dicht an der Bühne, gespielt wird bei Tageslicht – und wenn es regnet, regnet es eben. Die meisten Gäste stört das nicht, andere sind in der Pause durchgefroren und verlassen das Globe.

Was bleibt, ist ein authentischer Streifzug durch das elisabethanische Theater: Ben Crystal hat Shakespeare für einen Abend in Berlin aufleben lassen. "Was ihr wollt" läuft noch bis Anfang September auf der Freilichtbühne des Globe Berlin in Charlottenburg.

Sendung: rbb|24, 05.07.2026, 10:45 Uhr

Audio: rbb|24, 05.07.2026, Simon Wenzel

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