Ein deutsch-polnisches Theaterensemble setzt sich mit Geschichten von Zwangsarbeit, Schicksalsgemeinschaften und Vertreibung auseinander. Nachdem sich bereits das polnische Publikum überzeugen konnte, ist jetzt die Tour an den brandenburgischen Ufern gestartet.
Tourenstart auf deutscher Oder-Seite Theaterschiff zeigt deutsch-polnische Schicksale am Ende des Weltkriegs
Von Volker Michael
"Wir sind auf dem Wasser und das ist ein sehr eindrucksvoller Ort," sagt Schauspielerin Paula König. "Es schaukelt, alles fließt um einen herum und man ist ein bisschen losgelöst von den Regeln des Festlands." Die Bühnen von Theatern gelten im Volksmund als "Bretter, die die Welt bedeuten". Doch manche dieser heiligen Hölzer befinden sich nicht in altehrwürdigen Bauten, sondern schwimmen auf dem Wasser, während auf ihnen ein Theaterstück gespielt wird. Dieser Tage fährt ein Theaterschiff die Oder entlang.
Gestartet ist es im polnischen Cigacice und anderen schlesischen Orten am Oberlauf des Grenzflusses. "Jan & Martha" heißt das Stück, das von deutschen und polnischen Schauspielern in beiden Sprachen gespielt wird. Am Montag war die Geschichte erstmals in Brandenburg zu erleben, und zwar in Eisenhüttenstadt (Oder-Spree).
Publikum fährt mit durch deutsch-polnische Geschichte
Jan & Martha erzählt wahre und realistische Geschichten aus dem letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs und der Folgezeit. Das ganze Boot wird dabei als begehbare Bühne genutzt, welches einen Bauernhof an der östlichen Oder symbolisiert. So wird das Unterdeck beispielsweise zum Kartoffelkeller. Während die Darstellenden in der Mitte zwischen Erntesäcken agieren, sitzt das Publikum drum herum.
Deutsch-polnisches Theaterschiff auf der Oder
Schicksale in leisen Tönen erzählt
Paula König spielt die Figur der Martha - eine deutsche Bäuerin, die den polnischen Zwangsarbeiter Jan nutzt, um die Arbeitskraft ihres Mannes zu ersetzen. Währenddessen macht ihr Schwager Otto - ein Mitglied der SS - der Landwirtin Avancen und setzt alles daran, Jan zu beseitigen. Laut poltert Otto im Zorn von der Bühne und unterstellt Jan etwa, er habe die Stiefel gestohlen. Für einen Zwangsarbeiter hätte das das Todesurteil bedeuten können. Nun ist es an Martha, Jan zu beschützen.
Doch laut und gewalttätig sind nur wenige Szenen. Die leisen und nachdenklichen Töne überwiegen. Trotzdem wirken alle Sätze intensiv und unmittelbar - sowohl die polnischen als auch die deutschen. Die Figuren Martha und Jan singen gemeinsam und bringen sich gegenseitig ihre Sprachen bei.
Bei aller gelegentlichen Harmonie zwischen den Protagonisten wird jedoch nichts beschönigt oder verschwiegen. Nachdem die Rote Armee das Dorf erreicht hat, will ein betrunkener russischer Soldat Martha vergewaltigen. Jan rettet sie, indem er dem Russen Angst macht, dass dieser sich mit Typhus anstecken werde.
Schauspieler und Zuschauer reflektieren über eigene Geschichte
Für Schauspieler Pawel Niczewski, der den Jan gibt, war die Arbeit eine Wiederbegegnung mit seiner eigenen Familie. "Mein Großvater war ein großer Erzähler und hat viel vom Krieg gesprochen", berichtet er. "Er war selbst in einem Kriegsgefangenenlager gefangen." Zudem sei sein Onkel britischer Pilot gewesen und habe deutsche Städte bombardiert. "Für alle Familien in Polen ist die Zeit vor 1945 immer noch äußerst wichtig", berichtet er weiter. "Ich habe als Kind viel zugehört und das hat mir bei der Arbeit jetzt geholfen und mich stark beeinflusst."
Nach der ersten Premiere auf polnischer Seite, mit überschwänglichen Reaktionen des dortigen Publikums, wie Schauspielerin Paula König erzählt, folgte am Montag nun die zweite auf der deutschen Seite der Oder. Auch hier seien die Zuschauer angetan gewesen, resümiert der deutsche Erzähler der Geschichte, Gottfried Breitfuss nach seinem Auftakt.
Die Menschen in Deutschland seien zwar nicht so direkt und emotional. Wegen der deutschen Schuld gebe es in den Familien bis heute schließlich Schweigen und Verdrängen. Doch tief berührt hätte sich auch das Publikum in Brandenburg gefühlt.
Viele blieben auch nach Ende der Aufführung noch und tauschten Erinnerungen aus, etwa über ihre eigenen Fluchtschicksale. Eine Zuschauerin berichtet: "Die Fragen stellt man jetzt, wo die Eltern schon tot sind." Ein anderer ergänzt: "Jeder muss neu beginnen und mit Hass und Ungerechtigkeit fertig werden. Das kann man nur, indem man anderen und sich selber vergibt und neu nach vorne schaut."
"Jan & Martha" gastiert am Dienstag in Frankfurt (Oder) und setzt anschließend über die kommenden Tage die Tour an verschiedenen Orten des Oderbruchs [janmartha.com] fort. Der Eintritt ist frei, eine Reservierung und Spenden sind erwünscht.
Sendung: rbb|24, 07.07.2026, 13:30 Uhr
Audio: rbb|24, 07.07.2026, Volker Michael
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