Zehn Ameisenvölker müssen in einem Wald bei Ulm-Seligweiler umgesiedelt werden. Grund ist der Ausbau der A8 bei Elchingen. Franz Gregetz ist ehrenamtlicher Ameisenheger und weiß, wie's geht.
Die A8 in der Nähe von Ulm soll bei Elchingen im Kreis Neu-Ulm sechsspurig werden. Bevor der Bau beginnt, müssen Millionen Ameisen aus einem benachbarten Waldstück nahe der Raststätte Ulm-Seligweiler umziehen. Ganz freiwillig verlassen die emsigen Krabbeltierchen ihren Bau allerdings nicht. Franz Gregetz aus Leutkirch ist der zweite Vorsitzende der Deutschen Ameisenschutzwarte und kümmert sich um die Umsiedlung.
60 Liter fassen die großen blauen Tonnen, die Franz Gregetz aus seinem Auto lädt. In den Tonnen sollen die Ameisen später transportiert werden. Außerdem befinden sich im Kofferraum Spaten, Schaufel, Axt und - besonders wichtig - Gummihandschuhe. Mit Werkzeug und Tonnen macht sich der Ameisenheger auf den Weg durch den Wald.
Bis zu zwei Meter hoch können Ameisenhügel werden, erklärt Gregetz. Um das Volk umzusiedeln, trägt er den Hügel Schicht für Schicht ab. Anschließend gräbt er mit beiden Händen bis zu eineinhalb Meter tief. So weit reicht der Ameisenbau in den Boden.
Die sitzen unter der Brille und spritzen Säure in meine Augen.
Spätestens dann wimmelt es überall. "Die kleinen Tierchen kämpfen dann mit allem, was sie haben", sagt Gregetz und lacht. Immer wieder spritzen sie ihm Ameisensäure entgegen. "Die sitzen unter der Brille und spritzen Säure in meine Augen." Das brenne zwar unangenehm, nach wenigen Sekunden sei der Schmerz aber wieder vorbei.
Den Großteil der vom Umzug betroffenen Ameisenhügel hat der ehrenamtliche Ameisenheger aus Leutkirch bereits in den vergangenen Wochen abgetragen. Jetzt muss er nur noch "nachschöpfen", wie es im Fachjargon heißt. Dafür geht der 78-Jährige noch mehrmals zum alten Standort und sammelt die zurückgebliebenen Ameisen ein.
Ein Waldameisenvolk hat bis zu 1.000 Königinnen. Bleibt auch nur eine am alten Standort zurück, kann sich dort erneut eine Kolonie bilden. Um das zu kontrollieren, fährt er die alten Standorte ab und schaut, was passiert.
Entdeckt Gregetz eine Ansammlung von Ameisen, packt er sie vorsichtig in eine seiner blauen Tonnen und fährt sie hundert Meter weiter zu ihrem neuen Zuhause am lichtdurchfluteten Waldrand. Viel Zeit bleibt ihm dafür allerdings nicht. Nach etwa fünf Wochen verändert sich der Nestgeruch, den die Arbeiterinnen von ihrer Königin übernehmen. Unter Umständen würden sie am neuen Standort nicht mehr akzeptiert. "Das ist wie eine Art Passkontrolle", scherzt der Rentner.
Umsiedlung: "Die Existenz des Volkes muss gefährdet sein"Das fachgerechte Abtragen und Umsiedeln von Ameisenvölkern ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Da alle zwölf heimischen, hügelbauenden Waldameisenarten nach dem Bundesnaturschutzgesetz besonders geschützt sind, ist für eine Umsiedlung eine Genehmigung der Unteren Naturschutzbehörde erforderlich. Außerdem darf eine Umsiedlung nur erfolgen, wenn die Existenz eines Volkes tatsächlich gefährdet ist, erklärt Gregetz.
Rettungsumsiedlung vor dem Ausbau der A8"Was wir aktuell hier bei Elchingen machen, ist eine Rettungsumsiedlung", erklärt Gregetz. "Wir bringen die Tiere in Sicherheit, bevor die Bagger anrollen." Eine Rettungsumsiedlung erfolgt vorsorglich, bevor ein Bauvorhaben beginnt und ein geschütztes Ameisenvolk zerstört würde. Der Planer des A8-Ausbaus habe sich mit der Frage an ihn gewandt, ob in dem Waldstück Waldameisen leben könnten. "Und dann habe ich bei der Suche auch einige Völker gefunden."
Wir bringen die Ameisen in Sicherheit, bevor die Bagger anrollen
Anders ist es bei einer Notumsiedlung: Sie wird notwendig, wenn während laufender Bauarbeiten plötzlich ein geschütztes Nest entdeckt wird. In solchen Fällen müssen die Arbeiten in der Regel unterbrochen werden, bis das Ameisenvolk fachgerecht umgesiedelt wurde.
Ameisen müssen "Sympathietest" bestehenDer neue Lebensraum sollte den Bedingungen am bisherigen Standort möglichst ähnlich sein, so der 78-Jährige. Waldameisen benötigen ausreichend Licht und dürfen nicht in unmittelbarer Nähe konkurrierender Ameisenvölker angesiedelt werden. Andernfalls drohen Revierkämpfe, die für eines der Völker tödlich enden können, erklärt Gregetz.
Ob zwei Ameisenvölker miteinander auskommen, testet er vorab mit einem sogenannten "Sympathietest". Dafür setzt er jeweils einige Arbeiterinnen beider Völker gemeinsam in ein Kunststoffgefäß mit Deckel. Ignorieren sich die Tiere, ist das ein gutes Zeichen. Greifen sie sich hingegen sofort an, gilt der Standort als ungeeignet. Dann beginnt die Suche nach einem neuen Platz von vorn.
Ist der geeignete Standort gefunden, erleichtert Gregetz den Ameisen die Eingewöhnung mit einer Portion Zucker. "Die Tiere sind dann erst einmal versorgt und bleiben am neuen Platz", erklärt er. Auch am alten Standort streut er Zucker aus. Das Lockfutter hält die verbliebenen Arbeiterinnen in der Nähe des Nestes, sodass sie sich leichter einsammeln und anschließend ebenfalls umsiedeln lassen.
Franz Gregetz hat sich schon als Kind für kleine Tierchen interessiert. "Wir haben zwei Stöckchen auf der Wiese aufgestellt, eine Schnur gespannt und Ameisen darüber balancieren lassen", erinnert er sich. Während die Ameise immer sicher ans andere Ende kam, flog der Schmetterling weg und der Käfer purzelte einfach runter. Franz und seine Freunde nannten das ihren eigenen kleinen Tierzirkus.
Ohne Ameisen kein funktionierender WaldHeute fasziniert den Rentner vor allem die Rolle der Ameise im Ökosystem. Die Waldameisen sind eine sogenannte Schlüsseltierart. Ohne sie gibt es keinen funktionierenden Wald, erklärt Gregetz. Die fleißigen Tierchen machen Jagd auf alle Insekten im Wald, egal ob Schädlinge oder Nützlinge.
Und sie sorgen dafür, dass sich gewisse Pflanzen wie frühblühende Kräuter, Schneeglöckchen, Schlüsselblumen und Waldveilchen im Wald verbreiten können. "An den Samenkörnchen hängt ein süßes Anhängsel. Wie ein kleiner Rucksack. Und den wollen die Ameisen haben", so der Ameisenheger. Sie tragen den Samen Richtung Nest und verbreiten ihn so ganz nebenbei.
Insgesamt zwei Monate dauert die Umsiedlung der zehn Ameisenvölker entlang der A8. In etwa zwei Wochen will Franz Gregetz damit fertig sein. Dann wird er nur noch zweimal vorbeikommen, um zu sehen, ob die Umsiedlung erfolgreich war.
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