Ein unbefristeter Vertrag bedeutet: Wohnung, Kredit, Familie, Zukunft. Die schwarz-rote Koalition will dieses Versprechen für immer mehr Menschen aufschieben – auf vier Jahre Befristung und sechs Verlängerungen. Massive Kritik kommt von Ricarda Lang, auch Gewerkschaften und Linke drohen mit Widerstand.
Hält nichts von Kettenverträgen: Ex-Grünen-Chefin Ricarda Lang.
Foto: Christoph Soeder/dpa/Christoph SoederExklusiv | Berlin · Ein unbefristeter Vertrag bedeutet: Wohnung, Kredit, Familie, Zukunft. Die schwarz-rote Koalition will dieses Versprechen für immer mehr Menschen aufschieben – auf vier Jahre Befristung und sechs Verlängerungen. Massive Kritik kommt von Ricarda Lang, auch Gewerkschaften und Linke drohen mit Widerstand.
Die von der Regierungskoalition geplante Ausweitung von befristeten Arbeitsverträgen sorgt für massive Kritik bei Grünen, Linken und Gewerkschaften. „Was die schwarz-rote Koalition auf dem Arbeitsmarkt plant, ist politisch organisierte Zukunftsangst. Die Union verschärft die Prekarisierung, die SPD läuft wieder einmal mit“, sagte die frühere Grünen-Chefin Ricarda Lang unserer Redaktion. Linken-Chef Luigi Pantisano erklärte: „Das ist kein Arbeitsmarktpaket, das ist ein Wegwerfjob‑Gesetz. Es verlängert Unsicherheit, statt Zukunft zu geben. Wer Menschen zwingt, sich über Jahre von Befristung zu Befristung zu hangeln, sagt ihnen damit: Ihr seid austauschbar.“
Die Lockerung der Regeln für die befristete Beschäftigung ist Teil der 34-Punkte-Reformagenda „für Aufschwung und Beschäftigung“, die die Koalitionsspitzen Anfang Juli beschlossen hatten. Neben einer Steuerreform ab 1. Januar 2027 und weiteren Schritten zum Bürokratieabbau hat die Union in den Verhandlungen Erleichterungen für Arbeitgeber durchgesetzt. Für Beschäftigte, die bis Ende 2030 neu eingestellt werden, soll eine sachgrundlose Befristung künftig bis zu 48 Monate lang möglich sein. Zudem sollen bis zu sechs Verlängerungen zulässig werden. Zum Vergleich: Derzeit dürfen sachgrundlose Befristungen maximal zwei Jahre dauern. In dieser Zeit sind bisher auch nur bis zu drei Verlängerungen von jeweils sechs Monaten möglich. Auch eine erneute sachgrundlose Einstellung bei demselben Arbeitgeber soll künftig erleichtert werden.
Kettenverträge betreffen vor allem junge Berufseinsteiger in Deutschland
Mehrere befristete Verträge hintereinander, häufig beim selben Arbeitgeber, werden auch „Kettenverträge“ genannt. Zahlen der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung von 2023 zeigten, dass damals fast 38 Prozent aller Neueinstellungen in Deutschland befristet waren. Rund die Hälfte der Arbeitsverträge bei jungen Berufseinsteigern seien befristet. Frühere Regierungen hatten die Möglichkeiten für „Kettenverträge“ daher eingeschränkt. Von der Wieder-Ausweitung verspricht sich die Union mehr Neueinstellungen. Vor allem in neu gegründeten Firmen und Start-ups sei dies oft nur mit befristeten Verträgen möglich.
Grüne und Linke halten jedoch von den Plänen nichts. „Wer sachgrundlose Befristungen auf vier Jahre ausweitet und das Vorbeschäftigungsverbot schleift, macht Kettenverträge zum Geschäftsmodell. Was mich daran besonders ärgert: Die Regierung tut so, als ließe sich so wirtschaftliche Dynamik entfachen. Dabei versucht sie nur, davon abzulenken, dass sie wirtschaftspolitisch blank dasteht“, kritisierte Ricarda Lang. „Treffen wird das vor allem Menschen, die ohnehin schon wenig Sicherheit haben: die Facharbeiterin und den Kassierer, Berufseinsteigerinnen und generell Beschäftigte in unsicheren Lebenslagen. Schon heute hangeln sie sich von Vertragsverlängerung zu Vertragsverlängerung.“ Die Regierung wolle das nun noch ausweiten. Die Folgen seien Einschnitte im Alltag. „Noch mehr Probleme bei der Wohnungssuche, kein verlässlicher Kredit, aufgeschobene Familiengründung. Wir fordern die Bundesregierung auf, diese Unsicherheit nicht auch noch zum Gesetz zu machen“, sagte die Grünen-Politikerin.
„Wir brauchen keine Ausweitung eines prekären Arbeitsmarktes mit Zitterverträgen, sondern sichere, unbefristete Jobs und Respekt vor der Arbeitsleistung der Beschäftigten. Nur so entstehen Vertrauen, Stabilität und eine Personalplanung, auf die sich beide Seiten auch in Krisenzeiten verlassen können“, sagte Linken-Chef Pantisano.
Gewerkschaften lehnen Ausweitung befristeter Verträge ab
Auch die Gewerkschaften wollen die Pläne nicht hinnehmen. „Die Ausweitung des Zeitraums für sachgrundlose Befristungen verlagert das unternehmerische Risiko auf die Beschäftigten. Das ist nicht akzeptabel“, sagte Frank Werneke, Vorsitzender der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. „Misstrauen gegen Beschäftigte und eine Ausweitung des Befristungswahnsinns schaffen kein Wachstum“, warnte Werneke. „Kritisch bewertet der DGB die Ausweitung sachgrundloser Befristungen auf vier Jahre – auch wenn die Regelung auf den Zeitraum bis 2030 begrenzt ist“, sagte DGB-Chefin Yasmin Fahimi.
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