Vor rund 40 Jahren war Olaf "Leo" Seier einer der prägendsten Spieler bei Union Berlin. In Köpenick landete er damals, weil er nicht "linientreu" genug für den BFC Dynamo war. Im Interview spricht der heute 67-Jährige über das Leben als Fußballer in der DDR.
Interview Ex-Union-Kapitän Olaf "Leo" Seier "Nach der Rede von Schabowski sind alle durchgedreht"
Olaf "Leo" Seier spielte von 1983 bis 1991 für Union Berlin - und prägte dabei eine bemerkenswerte Phase, die mit einer Sensation im Intertoto-Cup ihren Höhepunkt fand: Vor 40 Jahren holte der Mittelfeldspieler mit den Köpenickern überraschend den Gruppensieg im später als "UI-Cup" bekannt gewordenenen Sommer-Klubturnier der UEFA. Beim entscheidenden letzten Spiel gegen Standard Lüttich (2:1) erzielte Seier den zwischenzeitlichen Ausgleich.
Bei Union wurde der gebürtige Rostocker schnell zum Fan-Liebling und führte seine Mannschaft in wichtigen Spielen als Kapitän aufs Feld. Eine Fußballer-Karriere geprägt von Talent, Disziplin - und Politik.
rbb|24: Herr Seier, Ihre fußballerische Karriere begannen Sie als Jugendlicher in Rostock. Dann folgte eine sehr erfolgreiche Zeit mit dem BFC Dynamo, in der sie drei Meisterschaften feierten. Aber dann wurde es komplizierter...
Olaf Seier: Ja, durch die Verwandtschaft meiner Frau hatten wir Kontakte in den Westen. Ich denke mal, dass die Staatssicherheit und der BFC Dynamo das wussten. Ich wurde dann nicht mehr zu internationalen Spielen mitgenommen. Da wurden Spieler bevorzugt, die zwar lange verletzt waren, aber sportlich und politisch zuverlässiger waren für die Leute vom BFC.
rbb|24: Deshalb wollten sie den Verein verlassen?
Seier: Ja, ich habe dann offiziell gesagt, dass ich weg will vom BFC. Da drohten sie mir mit einer Sperre für die erste und zweite Liga in der DDR. Das war mir aber egal. Es hatte sich schon wie ein Lauffeuer rumgesprochen, dass ein Spieler, der beim BFC viel Erfolg hatte, auf dem Markt war.
rbb|24: Und wie kam es dann zu dem Wechsel zu Union Berlin?
Seier: In Berlin im Sportforum fand zufällig eine Trainertagung statt, wo auch der Chef-Trainer von Union, Harry Nippert, war. Der hat mich angesprochen und gesagt, dass er über den DFV [Deutscher Fußball-Verband der DDR; Anm d.Red.] versucht, mich ohne Sperre freizubekommen. Das war für mich wie ein Sechser im Lotto, dass ich in Berlin weiterspielen konnte, und auch weiter in der DDR-Oberliga [höchste Liga zu der Zeit; Anm.d.Red.].
Seier im Jahr 1988 im Interview mit Journalist Ulf-Dieter Hesse (Quelle: picture alliance / contrastphoto | O.Behrendt)
rbb|24: 1986 qualifizierten Sie sich mit Union für den Intertoto-Cup. Da ging es gegen internationale Gegner wie Lüttich, Lausanne und Uerdingen. Hat es das noch spezieller gemacht, dass drei West-Mannschaften in Ihrer Gruppe waren?
Seier: Es war für uns überhaupt eine Sensation, dass wir uns über den 7. Tabellenplatz qualifiziert hatten. Union war eigentlich eine Mannschaft, die gegen den Abstieg gespielt hat. Und diese Gegner waren für uns natürlich unwahrscheinlich interessant.
rbb|24: Wie liefen gerade diese Auswärtsspiele dann ab?
Seier: Nach Uerdingen und nach Lüttich sind wir mit dem Bus gefahren. Das war für viele Union-Spieler, die noch nie im Ausland waren, schon eine Sensation. Ich war damals Jung-Nationalspieler und hatte schon Qualifikation gespielt - in Schweden und Finnland - und war mit dem BFC auch unterwegs gewesen. Ich war deshalb nicht so heiß auf den Westen.
rbb|24: In Uerdingen haben Sie dann aber die Familie glücklich gemacht.
Seier: Ja, ich hatte Wunschzettel bekommen, was sie gerne haben wollten. Beim Einkaufen habe ich dann zwei komische Kerle hinter mir bemerkt. Die hatten Jesus-Latschen aus dem Osten an - da wusste ich, dass das die Staatssicherheit ist. Aber ich hatte überhaupt nicht vor, abzuhauen. Dann hätte man das auch anders angestellt.
rbb|24: Wie war das Leben als Fußballer in der DDR allgemein so?
Seier: Wir waren sehr privilegiert. Wir hatten zum Beispiel Telefone, Autos und Grundstücke. Das hat kein normaler DDR-Bürger bekommen. Die privilegierten oberen 10.000 kamen zuerst aus der Politik, dann kamen die Künstler, Schauspieler, Musiker und dann schon die Leistungssportler.
rbb|24: Und wie hat sich das noch geäußert?
Seier: Wir sind an bestimmte Weinsorten gekommen, an Obst und andere Sachen, die du in keinem Supermarkt und keiner Kaufhalle kaufen konntest. Und natürlich haben wir auch gutes Geld verdient gegenüber der normalen berufstätigen Bevölkerung. An Weihnachten habe ich vernünftiges Bier mit nach Hause zu meinen Eltern nach Rostock genommen. Oder auch Bananen, Apfelsinen und selbst Schokolade.
rbb|24: Sie haben alle beliefert?
Seier: Zumindest die Familie, sodass wir schöne Abende verleben konnten. In Berlin ging es den Leuten etwas besser, aber sonst war die Krise ganz schön akut Mitte der 80er-Jahre.
rbb|24: Lassen Sie uns einen Sprung zum Mauerfall machen. Kurz danach fand ein legendäres Freundschaftsspiel zwischen Union Berlin und Hertha BSC statt - das erste zwischen Ost und West. Sie haben Union als Kapitän ins Olympiastadion geführt. Wie emotional war das?
Seier: Das war eines der größten Highlights meiner Laufbahn. Allein dass dieses Spiel zustande kam, die vielen Zuschauer [über 50.000; Anm.d.Red.], und dann führt man die Mannschaft als Kapitän rein in diesen Kessel. Daran war ja zwei, drei Jahre vorher gar nicht zu denken. Das war schon ein einmaliges Erlebnis.
Olaf Seier (links) und Theo Gries (rechts; damals Hertha BSC): Erinnerung an das Freundschaftspiel am 27.1. 1990 zwischen Hertha BSC und dem 1. FC Union Berlin (Quelle: IMAGO / Matthias Koch)
rbb|24: Ich habe gelesen, dass Sie in der Nacht des Mauerfalls gar nicht richtig gefeiert haben, weil Sie fit für ein Spiel sein mussten. Das klingt sehr diszipliniert.
Seier: Wir waren in der zweiten Liga und wollten unbedingt aufsteigen. Nach der Rede von Schabowski sind dann alle durchgedreht. Ich habe das natürlich mitbekommen, aber am nächsten Freitag war normaler Trainingstag und danach sind wir zum Punktspiel gefahren. Da konnte man von Donnerstag auf Freitag nicht groß feiern oder anstoßen. Das war da die professionelle Einstellung als Fußballer.
rbb|24: Bereuen Sie das im Nachhinein?
Seier: Nein, das war okay. Und danach war es dann viel schöner. Wir haben dann eben Sonnabendabend gefeiert.
Andre Sirocks (links) und Olaf Seier freuen sich über den 1:1-Ausgleichstreffer gegen Hertha (Quelle: picture-alliance / Thomas Wattenberg)
rbb|24: Nach ihrer Spielerkarriere waren Sie noch viele Jahre als Trainer tätig bei verschiedenen Berliner Klubs. Das machen Sie heute nicht mehr. Wie leben Sie heute den Fußball in Ihrem Alltag aus?
Seier: Ich gucke gerne Fußball (lacht). Ich habe eine Dauerkarte auf Lebenszeit bei Union, deshalb bin ich oft in der Alten Försterei und habe noch viele Kontakte. Dirk Zingler hat mich als Spieler noch kennengelernt. Oder auch mit Christian Arbeit [Stadionsprecher bei Union Berlin; Anm.d.Red.]. Ich war sein Idol damals als er Kind war und ich Spieler (lacht).
rbb|24: Vielen Dank für das Gespräch.
Der Text ist eine gekürzte, redigierte Fassung des Interviews.
Sendung: rbb|24, 14.08.26, 10:51 Uhr
Audio: rbb|24, 14.08.26, Antonia Hennigs
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