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Islamismus in Deutschland: Wer wegschaut, macht sich mitschuldig

Дата публикации: 27-07-2026 14:38:54

Islamismus gehört kompromisslos bekämpft. Das geht aber nur, wenn die deutsche Mehrheitsgesellschaft demokratische Muslime endlich als das sieht, was sie sind: unsere Verbündeten.

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Wie genau es dem mutmaßlichen Attentäter Abdul Ballout am Samstag gelang, sein Verbrechen zu verüben, bleibt auch zwei Tage danach in vielen Punkten unklar.

Doch das Muster ist deutlich erkennbar: Islamisten greifen ihre Ziele nicht zufällig an. Sie wählen Orte, an denen Menschen ihre Freiheit öffentlich leben.

In diesem Fall waren es die Freiheit, zu lieben, wen man will, und auch die Freiheit, die eigene Identität nicht zu verstecken. Islamisten tragen den Terror an Orte, an denen sichtbar wird, was ihre Ideologie verbietet.

Ich habe am Samstag mitdemonstriert auf der Straße des 17. Juni. Ich wollte Solidarität zeigen mit einer großen Bevölkerungsgruppe, die von Rechtsextremisten und Islamisten gleichermaßen attackiert wird und deren Freiheit es zu verteidigen gilt. Es war ein warmer Sommerabend, es war ein friedliches, kraft- und auch humorvolles Fest.

Mit Islamisten verhält es sich wie mit Rechtsextremisten: Die Intoleranten haben unsere Toleranz nicht verdient. Islamismus gehört entschlossen bekämpft, mit den Mitteln des Rechtsstaats, politisch und zivilgesellschaftlich. Betätigungsverbote gegen radikale Gruppen müssen durchgesetzt werden, salafistische TikTok-Prediger endlich Widerspruch erfahren.

Doch wer dabei den Islamismus nicht scharf vom Islam trennt, bekämpft nicht bloß die Falschen. Er schadet auch Millionen Muslimen, die auf der Seite der Demokratie und Freiheit stehen. Diese Differenzierung ist weitaus mehr als eine Frage der Redlichkeit oder Fairness gegenüber den hier lebenden Muslimen. Sie ist die Voraussetzung dafür, Islamismus erfolgreich zu bekämpfen.

Erinnerung an Magdeburg

Als im Dezember 2024 ein Mann in Magdeburg seinen Wagen auf den dortigen Weihnachtsmarkt steuerte, nahmen die rassistischen Übergriffe auf Migranten deutlich zu. Im Durchschnitt wurde jeden Tag ein Migrant körperlich angegriffen oder schwer bedroht, vor allem solche, die für muslimisch oder arabisch gehalten wurden. Dass der Täter gar kein Muslim, sondern im Gegenteil bekennender Islamhasser war, änderte daran nichts. Eine solche Dynamik, also die Kollektivhaftung nach der Tat eines Einzelnen, ist in Berlin zum Glück bislang nicht erkennbar.

Als ich Samstagabend vor der Bühne mit dem Schriftzug „Kink needs no shame“ feierte, tanzte direkt vor mir ein verheiratetes arabisches Ehepaar, hinter mir eine Kölnerin, deren Eltern aus dem Iran stammen. Auf der Bühne sprang dazu ein Mann mit Hundemaske herum. Es war wunderbar.

Wer Islamismus kompromisslos bekämpft, verteidigt queere Menschen, Juden, Frauen, Andersgläubige – und Millionen demokratischer Muslime.

Sebastian Leber

Wer den Islamismus ernsthaft bekämpfen will, muss demokratische Muslime als Verbündete schützen, anstatt sie nach jedem Anschlag mit den Tätern in einen Topf zu werfen. Pauschales Misstrauen macht friedliche Muslime zu Verdächtigen und möglichen Zielen von Vergeltung.

Nach jedem Anschlag kommt die Frage auf, was „die Muslime“ denn nun tun oder erklären müssten. Aber was tun wir als Mehrheitsgesellschaft, damit demokratisch gesinnte Muslime nicht für Verbrechen haftbar gemacht werden, deren Ideologie viele von ihnen selbst ablehnen und fürchten?

Islamismus schadet den demokratischen Muslimen gleich doppelt. Erstens, weil islamistische Anschläge natürlich auch Muslime töten und terrorisieren. Zweitens, weil jeder islamistische Anschlag Millionen friedlicher Muslime mit in Haftung nimmt.

Solidarität mit queeren Menschen darf nicht selektiv sein. Wer ihre Rechte gegen die AfD verteidigt, muss sie auch gegen Islamisten verteidigen. Und wer Islamisten bekämpft, darf dabei nicht Millionen Muslime den Rechtsextremen ausliefern.

Es geht hier letztlich um denselben demokratischen Reflex: die Freiheit derjenigen zu schützen, deren Freiheit angegriffen wird.

Islamisten und Rechtsextreme nähren sich gegenseitig. Jeder Anschlag liefert den Rechtsextremen neues Material, und jede pauschale Ausgrenzung bestätigt die islamistische Progaganda.

Islamismus ist eine totalitäre, menschenverachtende Ideologie. Ihre Anhänger betrachten demokratische, liberale oder schlicht unpolitische Muslime als Abweichler beziehungsweise als Menschen, die es zu beeinflussen gilt.

Gerade im liberalen Berlin erlebt man immer noch, dass die Mehrheitsgesellschaft bei islamistischem Hass wegschaut, zum Beispiel aus Sorge, andere zu diskriminieren. Wen man durch dieses Wegschauen alles im Stich lässt, geht dabei leicht unter. Wer Islamismus kompromisslos bekämpft, verteidigt queere Menschen, Juden, Frauen, Andersgläubige – und Millionen demokratischer Muslime.

Was verdient Ihrer Meinung nach mehr Aufmerksamkeit, als es derzeit bekommt?

Schreiben Sie mir: aufdemschirm@tagesspiegel.de.

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