Antimuslimische Ressentiments vertiefen die Spaltung der Gesellschaft. Wer einst „Ausländer raus“ skandierte, sagt heute: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“ Das nützt den Fanatikern.
Terror wirkt. Auf die Anschläge vom 11. September 2001 folgten Afghanistan-Krieg, Irak-Krieg, der weltweite „Kampf gegen den Terror“, inklusive Guantánamo, Abu Ghraib, NSA-Abhörskandal. Eine riesige Heimatschutzbehörde wurde in den USA aufgebaut, viele Freiheitsrechte gerieten unter Druck oder wurden angekratzt.
Terror wirkt. Osama bin Laden wollte ein Beben auslösen und die Muslime auf aller Welt hinter sich vereinen. Das erste ist ihm gelungen, das zweite zum Glück nicht. Allerdings haben sich viele Muslime radikalisiert.
Der Anlass ist jetzt knapp 25 Jahre her, seine Folgen sind bis heute zu spüren.
Auch in Deutschland tobt nach jedem Terroranschlag die Debatte über das Verhältnis von Sicherheit und Freiheit. In ihrem Zentrum steht die Frage, ob die Mittel des Rechtsstaates ausreichen, um die Gefahren abzuwehren. Nein, rufen die einen und wollen den starken Staat noch stärker machen. Sicherheit sei schließlich die Voraussetzung für Freiheit.
Dazu gehört die Forderung nach Abschiebung islamistischer Gefährder. Sofern sie deutsche Staatsangehörige sind, geht das allerdings nicht. Auch die Verhängung einer Präventivhaft ist an strikte rechtliche Voraussetzungen gebunden.
Wiederbelebt werden könnte daher die Forderung nach mehr Videoüberwachung öffentlicher Räume – wieso konnte der mutmaßliche Täter so lange unerkannt fliehen? – nach Lauschangriff und Vorratsdatenspeicherung, nach einer Antiterrordatei mit genetischem Fingerabdruck. Im Zentrum der aktuellen Diskussion stehen Fußfesseln für islamistische Gefährder.
Die Antiterrordebatte ist oft frustrierendDie anderen rufen: Eine Gesellschaft, die Daten auch unbescholtener Bürger erhebt, sie überwacht und kontrolliert, ist nicht mehr frei. Weil beide Seiten recht haben, führen Verständigungsversuche nur selten zu einem Ergebnis, sondern münden zumeist in einer Sackgasse. Eines ist die Antiterrordebatte mit Sicherheit – frustrierend.
Was wollen islamistische Terroristen? Die erste Antwort liegt auf der Hand: durch einen spektakulären Anschlag ein Höchstmaß an Angst in der Bevölkerung erzeugen. Dabei dienen die Toten und Verletzten dem psychologischen Effekt: Je größer die Angst, desto lauter die Rufe nach repressiven Maßnahmen.
Hinzu kommt eine aufgeladene Stimmung, die sich oft nicht allein gegen Islamisten richtet, sondern pauschal gegen Muslime als solche. Das empfinden die wiederum als kollektive Ablehnung, was die These der Islamisten stützt, Muslime würden im Westen niemals akzeptiert. So schließt sich der Radikalisierungskreis.
Kampf gegen Islamisten, Respekt vor dem Islam: Nur in dieser Doppelung kann der Nährboden des Terrorismus ausgetrocknet werden.
Malte Lehming
Etwas zugespitzt, aber nicht ganz falsch formuliert, ließe sich sagen, dass Islamisten mit ihren Anschlägen darauf setzen, dass islamkritische und antimuslimische Gruppen und Parteien – etwa die AfD – gestärkt werden. Denn dadurch wird auch die Islamophobie gestärkt, was moderate Muslime in die Arme der Islamisten treibt.
Islam als IdentifikationsmerkmalWer früher „Ausländer raus“ skandierte, sagt heute „der Islam gehört nicht zu Deutschland“. Auf die Betroffenen wirken beide Parolen ausgrenzend. Und weil sich Menschen meist nur in der Eigenschaft wehren können, in der sie angegriffen werden, überbetonen selbst säkulare Muslime ihre Religionszugehörigkeit als kulturelles Identifikationsmerkmal. Jedenfalls einige.
Kampf gegen Islamisten, Respekt vor dem Islam: Nur in dieser Doppelung kann der Nährboden des Terrorismus ausgetrocknet werden.
Das verlangt Aufmerksamkeit in beide Richtungen. Sinnvoll etwa könnte es sein, noch zielgenauer als bisher islamistische Netzwerke zu zerschlagen.
Im Jahr 2025 wurden laut Lagebild der Melde- und Dokumentationsorganisation „Claim“ bundesweit 4096 antimuslimische Vorfälle dokumentiert. Sie reichen von Anschlägen auf Moscheen über Schmierereien mit Schweineblut bis zu gewaltsamen Übergriffen auf Frauen, die ein Kopftuch tragen. Wehret den Anfängen! Das gilt auch hier.
Wer islamistisch motivierten Terror nutzt, um gegen Muslime zu hetzen, tappt in die Falle der Terroristen. Genau das wollen sie. Wer antimuslimische Parteien wählt, betreibt ebenfalls das Geschäft der Islamisten.
Terror wirkt, wirklich? Am 6. September sind Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt. Es folgen Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Schon jetzt ist die AfD im Osten Deutschlands stark. Legt sie nun weiter zu, könnte etwa in Sachsen-Anhalt ein AfD-Kandidat Ministerpräsident werden. Dann hätte der Attentäter Abdul Ballout womöglich eines seiner Ziele erreicht.
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