Viele Azubis finden keine Wohnung in Berlin. Das neu eingerichtete Azubiwerk kann nur einen Bruchteil der Nachfrage bedienen.
154 Wohneinheiten bietet das Berliner Azubiwerk an.
Foto: dpa/Soeren Stache
»Wir bilden gerne aus«, sagt Tanja Schirmann, Geschäftsleiterin der Umzugsfirma Plischka. Den Nachwuchs an das Berufsleben heranzuführen, sei für sie gesellschaftliche Aufgabe. Doch Schirmann steht vor einem großen Problem: Ihre Azubis finden keine Wohnungen. Bewerber aus Brandenburg, die eigentlich schon ihren Ausbildungsplatz sicher hatten, sagten wieder ab, weil sie keine Wohnung in Berlin fanden. »Das sind Rahmenbedingungen, die Betriebe nicht alleine lösen können«, so die Geschäftsleiterin.
Mit dem Problem ist die Möbeltransportfirma aus Tempelhof nicht allein. 29 Prozent der Unternehmen berichten, dass es in den vergangenen fünf Jahren vorgekommen sei, dass Auszubildende ihre Stellen nicht antraten, weil sie keinen Wohnraum fanden. Bei weiteren 15 Prozent wurden bereits bestehende Ausbildungsverträge gekündigt, weil die Azubis keine Unterkunft finden konnten. Das geht aus einer Befragung der Industrie- und Handelskammer (IHK) unter 479 Unternehmen hervor.
»Fehlender Wohnraum ist kein Einzelfall-Problem mehr, sondern ein strukturelles«, sagt IHK-Geschäftsführerin Manja Schreiner am Mittwoch bei einer Pressekonferenz. 65 Prozent aller Ausbildungsanfänger benötigten demnach eigenen Wohnraum. Dies betreffe sowohl aus anderen Bundesländern oder dem Ausland Zuziehende als auch junge Berliner, die aus dem Elternhaus ausziehen wollen. Bis 2040 werde sich dieser Wert nach IHK-Berechnungen auf 71 Prozent steigern, so Schreiner. Jährlich würden dann 3400 Wohnungen allein für Ausbildungsanfänger benötigt.
Tanja Schirmann hatte zwischenzeitlich eine Lösung für das Problem gefunden – allerdings nur für einen kleinen Teil ihrer Auszubildenden. Plischka warb zeitweise Auszubildende aus Zimbabwe und Namibia an. »Ich bin mein ganzes Netzwerk durchgegangen, um eine Lösung für ihre Wohnungssuche zu finden«, berichtet die Geschäftsführerin. Am Ende hätten die angehenden Azubis in freien Wohnungen in einem Studierendenwohnheim unterkommen können. Doch das funktioniere nur selten, weil hohe Anforderungen erfüllt sein müssten. So dürften die Plätze nicht schon von Studierenden besetzt sein.
»Fehlender Wohnraum ist kein Einzelfall-Problem mehr, sondern ein strukturelles.«
Manja Schreiner Industrie- und Handelskammer Berlin
Umso mehr Hoffnung legt Schirmann auf das Azubiwerk, das in diesem Jahr seine Arbeit aufgenommen hat. Analog zum deutlich größeren Studierendenwerk bietet das neu gegründete Azubiwerk aktuell 154 Wohnheimplätze für Auszubildende in einem Neubauprojekt in Lichtenberg an. Die Miete für die Zimmer in Zweier-Wohngemeinschaften ist auf 340 Euro warm begrenzt – ein Drittel der durchschnittlichen Ausbildungsvergütung. Voraussetzung ist nur ein gültiger Ausbildungsvertrag. Weil die Nachfrage das Angebot weit übersteigt, werden die Plätze zu einem Teil nach einem Punktesystem vergeben, zum anderen ausgelost.
Das Azubiwerk sei »ein wichtiger Schritt«, sagt IHK-Geschäftsführerin Manja Schreiner. Angesichts der riesigen Nachfrage seien die vorhandenen Plätze allerdings nur ein Tropfen auf den heißen Stein. »Das Azubiwerk muss zum zentralen Steuerungsinstrument für günstigen Wohnraum für Azubis gemacht werden«, fordert sie.
Ab kommendem Jahr wird in Berlin die Ausbildungsplatzumlage gelten. Unternehmen, die keine Azubis ausbilden, müssen dann eine Abgabe zahlen, mit der Unternehmen unterstützt werden sollen, die ausbilden. 75 Millionen Euro sollen nach Schätzungen so umverteilt werden. Hintergrund ist die in Berlin überdurchschnittlich hohe Zahl von Schulabgängern, die keinen Ausbildungsplatz finden.
In der Diskussion war zeitweise auch, dass auch das Azubiwerk mit Mitteln aus der Umlage bezuschusst werden könnte. Die IHK lehnt das allerdings ab. »Das Land muss Wohnraum zur Verfügung stellen – aus dem eigenen Haushalt«, sagt Manja Schreiner. »Es ist nicht die Aufgabe der Unternehmen, Haushaltslöcher zu stopfen.«
Gedanke der Umlage sei, dass Unternehmen, die ausbilden, belohnt würden. Sie befürchtet auch, dass eine Querfinanzierung des Azubiwerks der Einstieg in weitere Zweckentfremdung wäre. »Uns war wichtig, dass das Geld nicht für irgendwas verwendet wird«, so Schreiner. Ihre IHK betrachtet die Ausbildungsplatzumlage generell kritisch.
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