Kurz vor Schulbeginn nimmt die Diskussion um die Situation an den Schulen im Saarland Fahrt auf. Die Lehrerverbände kommentieren die Pläne der Ministerin. Im Sommergespräch äußerte sie Sorgen in Sachen Rechtsextremismus. Das sagen die Lehrkräfte dazu.
Saarbrücken · Kurz vor Schulbeginn nimmt die Diskussion um die Situation an den Schulen im Saarland Fahrt auf. Die Lehrerverbände kommentieren die Pläne der Ministerin. Im Sommergespräch äußerte sie Sorgen in Sachen Rechtsextremismus. Das sagen die Lehrkräfte dazu.
Die Ferien sind leider schon wieder vorbei. Und die Diskussion um die beste Zukunft für saarländische Schulen ist damit auch wieder entfacht.
Foto: Annette Riedl/dpa/Annette RiedlDas von Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot (SPD) angekündigte Maßnahmenpaket in Sachen Schulpolitik hat auf Seiten der Lehrerverbände viele Reaktionen ausgelöst. Ein Kritikpunkt lautet, dass einige der geplanten Maßnahmen deutlich früher ansetzen müssten.
Schulpolitik: Viele Reaktionen der Lehrerverbände auf Ministerinnen-Pläne im Saarland
So plädiert etwa Britta Magenreuter, Vize-Landesvorsitzende des SLLV (Saarländischer Lehrerinnen- und Lehrerverband), dafür, die geplanten „Kompass-Klassen“ für Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen nicht erst in den Klassenstufen 8 und 9 anzusiedeln, sondern deutlich früher. Die Zielgruppe der Kompass-Klassen würden die Gemeinschaftsschulen (GemS) „oft schon in Klassenstufe 5, 6 und 7“ erreichen, so Magenreuter gegenüber der SZ.
Britta Magenreuter, SLLV-Referentin für Gemeinschaftsschulen und stellvertretende Landesvorsitzende.
Foto: SLLVÄhnliches gelte für die von Streichert-Clivot angekündigten „Neustarter-Klassen“, die Schulabbrechern eine zweite Chance zum Schulabschluss geben sollen. „Hier wäre es viel wichtiger, präventiv zu handeln“, gibt die stellvertretende SLLV-Vorsitzende zu bedenken.
Magenreuter weiß denn auch den gesamten SLLV hinter sich, wenn sie einmal mehr darauf hinweist, dass der wohl wichtigste Hebel zu einer Entschärfung der schulischen Probleme kleinere Klassen wären. „Gerade wenn nun von Übergangsmanagement die Rede ist, sollte dies eine der ersten Überlegungen sein“, gibt Magenreuter zu bedenken: „Grundschulkinder, die gut behütet nach vier Jahren in vollgestopfte GemS-Klassen kommen, erleben nicht selten einen Schock“, holt Magenreuter aus, um dann hinterzuschicken, dass sich Kinder in kleineren Klassen „wohler fühlen, besser gesehen würden und effektiver lernen könnten“. Bis zur Klassenstufe 7 brauche es, beginnend schon in den Grundschulen, eine Doppelbesetzung der Hauptfächer.
Lob mit Fragezeichen für Förderschulverordnung
Mit Blick auf die von der CDU angestoßene Inklusionsdebatte weist der SLLV-Vorsitzende Dominik Schwer darauf hin, dass es an den Förderschulen an „sonderpädagogischer Expertise fehlt“. Nicht zuletzt deshalb, weil es weiterhin keinen Studiengang Sonderpädagogik gebe. Die im vergangenen Schuljahr verabschiedete Förderschulverordnung weise zwar „in die richtige Richtung“, so Schwer zur SZ. „Ob sie jedoch ein Erfolg wird, entscheidet sich nicht auf dem Papier, sondern dadurch, ob die Schulen jetzt auch die notwendigen personellen und strukturellen Voraussetzungen erhalten.“ Dass das Ministerium für Bildung und Kultur (MBK), wie die Ministerin am Donnerstag in der Staatskanzlei ankündigte, weitere 15 Lehrkräfte im Rahmen sonderpädagogischer Qualifizierungsmaßnahmen fortbilden will, wird an der grundsätzlichen Misere nichts ändern.
Christine Streichert-Clivot hatte im traditionellen Sommergespräch auch zu rechtsextremistischen Tendenzen an den Schulen Stellung genommen und dabei ihrer Sorge Ausdruck verliehen, dass demokratiefeindliche Positionen sich häuften. Es komme nicht nur „immer wieder zu Schmierereien“, sondern etwa auch zu Anfeindungen gegenüber queeren Schulgemeinschaften. Auf SZ-Anfrage bestätigt auch der saarländische Lehrerinnen- und Lehrerverband, „dass sowohl sprachliche als auch körperliche Gewalt sehr stark zunehmen“.
„Verrohung der Sprache“ nimmt in Schulen zu
Auch die SLLV-Vize Britta Magenreuter zeigt sich alarmiert: „Bereits in der 5. Klasse erleben wir eine Verrohung der Sprache und ein Nachahmen von Gesten und Zeichen, die die Kinder in den sozialen Medien sehen. Dazu gehören mitunter auch rechtsextremistische Zeichen und entsprechendes Vokabular.“ Die Kinder würden das Aufgeschnappte zum Teil nachahmen, ohne dass ihnen klar sei, „wie verletzend, gemein und respektlos sie sich verhalten“.
Marcus Hahn, Vorsitzender des saarländischen Philologenverbandes.
Foto: Robby LorenzÄhnlich äußert sich mit Blick auf die Gymnasien der Vorsitzende des saarländischen Philologenverbandes (SPhV), Marcus Hahn. Extremistische Inhalte würden in der Schülerschaft mittlerweile häufiger verbreitet. Etwa auf dem Weg, dass Memes und Videos mit teilweise verfassungsfeindlichem Hintergrund geteilt würden. Hahn spricht von „einer wilden Mischung aus privaten und schulischen Kommunikationswegen, die im Grunde vollkommen unkontrollierbar geworden ist“. Auch wenn vieles wohl „als Scherz gemeint“ sei, zeige dies „die mangelnde Sensibilität für die herausposaunten Inhalte“, so der SPhV-Vorsitzende. Dass von dritter Seite womöglich offen auf Schüler Einfluss genommen werde, demokratiefeindliche Äußerungen zu verbreiten, kann Hahn nicht bestätigen. „Die Schüler, die solche Dinge verbreiten, verstehen sich nicht als Agenten einer politischen Strömung.“
Panne sorgt für fehlende Tablets in Eingangsklassen
Unmittelbar vor Schuljahresbeginn weist der Vorsitzende des Philologenverbandes im Gespräch mit der SZ noch auf ein ganz anderes, akutes Problem hin: Demnach werden „in einer Vielzahl von weiterführenden Schulen zu Schuljahresanfang Tablets fehlen“. Schüler der Eingangsklassen und zum Teil wohl auch die Lehrkräfte erhalten demnach keine Endgeräte.
Hahn zufolge soll die Auslieferung sich womöglich bis nach den Herbstferien hinziehen. Diese Verzögerung sei nicht akzeptabel. Hahn wettert, die Panne liefere „ein haarsträubendes Bild von organisatorischen Mängeln“. „Gerade die Schulen, die sich auf den vom Bildungsministerium vorgegebenen Weg gemacht und auf analoge Bücher verzichtet haben, stehen jetzt mit leeren Händen da.“
Was das Bildungsministerium meint
Das Ministerium mochte die Probleme am Freitag auf SZ-Nachfrage weder bestätigen noch dementieren. Man verwies darauf, dass die Ausstattung mit Endgeräten „stellvertretend für alle Schulträger“ durch den Landkreis Saarlouis erfolge. Manche Schulträger statteten die fünften Klassen erst im Herbst neu aus. Bis dahin ließen sich jedoch „bereits vorhandene Geräte einsetzen“, so eine Sprecherin. SZ-Informationen zufolge soll die Panne auf Seiten des Regionalverbandes passiert sein. (oli)