Ohne Ausbildung, ohne Plan, aber mit umso mehr Kreativität nähte Linnéa Samia Khalil vor fünf Jahren ihr erstes Kleidungsstück. 2024 trat Nemo in einem ihrer Outfits auf und holte darin den Sieg für die Schweiz. Für die schwedische Designerin ein Moment, der alles veränderte.
Ohne Ausbildung, ohne Plan, aber mit umso mehr Kreativität nähte Linnéa Samia Khalil vor fünf Jahren ihr erstes Kleidungsstück. 2024 trat Nemo in einem ihrer Outfits auf und holte darin den Sieg für die Schweiz. Für die schwedische Designerin ein Moment, der alles veränderte.

Bild: zvg/Stadt Malmö
Linnéa Samia Khalils Designs fallen auf. Sie sind bunt, schrill und pompös. Kein Wunder also, dass diese Adjektive auch auf den von ihr entworfenen ESC-Mantel zutreffen. Ende Januar überreichten die Delegierten der Stadt Malmö, wo der Eurovision Song Contest (ESC) im Mai 2024 stattgefunden hatte, ihn symbolisch an den neuen Gastgeber Basel. Hier wird der farbenfrohe Mantel zusammen mit anderen Staatsgeschenken aufbewahrt und wohl auch noch im Historischen Museum Basel, also in der Barfüsserkirche, ausgestellt.
Bild: Elfa Sweden/Lina Arvidsson
Für die 37-jährige Schwedin, die 2020 das Modelabel Pampas gründete, ist dies kaum zu fassen. «Es ist absolut crazy!», sagt sie im Gespräch mit dieser Zeitung. Sie beschreibt es als «a once in a lifetime experience», ein einmaliges Erlebnis. «Ich muss nach Basel kommen, um mir das anzusehen», sagt Khalil. «Ich habe mir schon Bilder von Basel angeschaut. Die Stadt sieht so schön aus.»
Die richtigen Kontakte verhalfen ihr zum DurchbruchSeit dem ESC in ihrer Heimatstadt Malmö hat sich Linnéa Samia Khalils Leben von einem Tag auf den anderen nachhaltig verändert. Sie war zur richtigen Zeit am richtigen Ort – und hatte sich in ihrer noch jungen Karriere als Designerin bereits einen Namen gemacht.
So kam es, dass eine befreundete Make-up-Artistin den Kontakt zu Nemo herstellte. Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand wusste: Im Laufe der Woche würde Nemo das geplante Bühnenoutfit durch eines von Linnéa Samia Khalil eintauschen und darin den Gesangswettbewerb für die Schweiz gewinnen.
Bild: zvg
Nemo war unzufrieden damit, wie das ursprüngliche Outfit bei den Proben aussah, erzählt Khalil, die einige ihrer Kleider während des ESC im Medienzentrum ausstellen konnte. «Es war genau der Style, den sich Nemo vorstellte», sagt sie. Die Make-up-Artistin stellte den Kontakt her, und im nächsten Augenblick trafen sie sich gemeinsam in Khalils Laden in Malmö. Und schnell musste es auch weitergehen. Das Treffen war am Samstag, am Montag zeigte sie Nemo ihre Ideen, am Dienstag fanden die ersten Proben vor der Kamera statt. «Es war unglaublich viel Arbeit. Wir arbeiteten Tag und Nacht», erinnert sie sich.
Bild: Martin Meissner/AP
Die Wahl fiel auf eine rosa Jacke in Zuckerwattenoptik. «Ich erinnere mich noch ganz genau, wie Nemo mein rosarotes Atelier betrat, die Jacke sah und sagte: ‹Oh, ich liebe es!›», sagt die Designerin mit einem Strahlen auf dem Gesicht. Für die intensiven Tanzeinlagen auf der Bühne wurde eine spezielle Jacke entworfen – eine, die all den Bewegungen standhalten konnte. So gut es ging. «Wir mussten die Kleidungsstücke nach jedem Durchlauf wieder zurechtrücken», sagt Khalil. «Und es waren, glaube ich, 20 Durchläufe!»
Aus der Ferne verfolgte sie Nemos Auftritte mit, die Proben und die Liveshows. Es sei alles so surreal gewesen. «Ich sass in der Arena und fragte mich: ‹Was geht hier vor? Passiert das alles grad wirklich?›», so Linnéa Samia Khalil. Sie sei immer nervös, wenn Künstlerinnen oder Künstler Kleidung von ihr trügen. Aber es sei auch ein gutes Gefühl.
Von der Musik- zur Design-KarriereAll das ist für Linnéa Samia Khalil noch relativ frisch. Sie absolvierte weder eine Schneiderinnen-Lehre noch ein Modedesign-Studium. Die 37-jährige Schwedin scheint ein Naturtalent zu sein. Eines mit einem Herz für ausgefallene Kleidung und Musik. Denn Khalil ist eigentlich Sängerin. 15-jährig erhielt sie als jüngste Stipendiatin aller Zeiten das Kungälv-Kulturstipendium. Acht Jahre später erreichte sie den sechsten Platz in einer schwedischen Castingshow.
Video: Youtube/Linnéa Samia Khalil
Sie war gerade auf Tour, als aufgrund der Coronapandemie alles stillgelegt wurde. «Ich hatte keinen Job mehr, ich hatte nichts zu tun», erzählt sie. Sie sei unruhig gewesen und habe etwas finden wollen, das ihr Freude bereitet.
«Farben und Stoffe machten mich in dieser ziemlich traurigen Zeit glücklich. Und das brauchte ich in diesem Moment», sagt Khalil. Sie fing an zu nähen, ohne Skizzen, ohne Muster und ohne Erfahrung. Auch heute noch lässt sie sich von den Stoffen inspirieren und leiten; auf vorgängige Entwürfe verzichtet sie. Während der Pandemie postete sie ihre Kleider auf Instagram. Plötzlich bekam sie Nachrichten von Leuten, die ihre Kreationen kaufen wollten. «Ich dachte mir: Shit, wieso nicht? Ich brauche Geld!», sagt sie lachend.
«Für uns ist das natürlich eine riesige Ehre»Nur rund vier Jahre vergingen somit von ihrem ersten selbst gemachten Kleidungsstück bis zum ESC in Malmö, wo ihr Outfit weltweit von über 160 Millionen Menschen gesehen wurde. Das sorgte auch in der südschwedischen Stadt für Freude. Obschon es die drittgrösste Stadt des Landes ist, ist die Bevölkerung mit rund 360’000 Personen doch überschaubar. «Ich glaube schon, dass sie sehr stolz darauf sind, dass der ESC-Siegeract von einer lokalen Designerin eingekleidet wurde», sagt Khalil.
So kam es schliesslich auch zur Idee, der Stadt Basel statt eines Schlüssels, wie es sonst Tradition ist, ein Kleidungsstück zu überreichen. Designt und geschneidert vom Modelabel Pampas. «Für uns ist das natürlich eine riesige Ehre», so die Gründerin. Die Verantwortlichen der Stadt Malmö gaben Linnéa Samia Khalil und ihrer Schneiderin viel kreativen Spielraum. Die Grundidee stand aber schon: Sie wollten einen ähnlichen Mantel wie jenen, den Nemo bei der Eröffnungszeremonie auf dem türkisfarbenen Teppich getragen hatte.
Bilder: Martin Sylvest Andersen/Getty Images Europe
Für den «Basler» Mantel spielte das Thema Nachhaltigkeit eine zentrale Rolle. Dafür verwendeten Khalil und ihrer Schneiderin Stoffreste aus Fahnen und Werbebannern, die nach dem ESC in Malmö übrig geblieben waren. Es sei keine leichte Aufgabe gewesen. «Es waren Stoffe, mit denen wir zuvor noch nie gearbeitet hatten», sagt die 37-Jährige. «Die Nähmaschine ging unzählige Male kaputt.» Zwei Wochen lang arbeiteten die zwei, bis das Stück schliesslich fertig war – der bunte, schrille und pompöse Mantel, der nun in Basel weilt. In einer Stadt, die Linnéa Samia Khalil erst von Bildern kennt.
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