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Missing Link: Vor, zurück, vor zurück

Дата публикации: 25-10-2026 06:48:00

Seit 2018 will die EU die Zeitumstellung abschaffen – passiert ist nichts. Eine leicht satirische Spurensuche durch die Geschichte der europäischen Zeitpolitik.

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Gehen drei Institutionen in eine Bar… so könnten viele EU-Witze beginnen, denn jedes Mal, wenn die EU-Kommission einen Vorschlag gemacht hat, braucht das noch die Zustimmung von Europaparlament und Mitgliedstaaten, die sich im sogenannten Rat mehr oder minder einig sein müssen. Dieser Witz allerdings hat seit inzwischen acht Jahren einen gewissen Bart entwickelt: 2018, kurz vor der damaligen Europawahl, schlug die EU-Kommission das Ende aller Zeitumstellung in der Europäischen Union vor. 2019 wurde das vom Europaparlament für gut befunden.

Seit jeher ist das Thema ein Politikum. Das Ende der Zeitumstellung, die vollkommen falsch heißt, da wir dann nur die Uhren umstellen, wehrt sich weiterhin erfolgreich sogar gegen jeden EU-Populismus à la: „Seht, wir kümmern uns!“ Was eigentlich nur vorwärts läuft, lässt sich eben nicht so leicht zurückdrehen.

Aus der Zeit gefallene Zeitpolitik

Denn der Taktgeber der Moderne, der Post-Moderne und der Gegenwart ist einer der wenigen Bereiche, der selbst in politisch verworrenen, verwirrenden und erschreckenden Zeiten planetarisch irgendwie konsensfähig zu bleiben scheint. Doch während die Erde fröhlich im eigenen Takt dahin rotiert, ist die Politik aus eben jenem geraten: Noch immer wird zweimal im Jahr an der Uhr gedreht, vor, zurück, vor, zurück. Und niemand möchte sich wirklich merken, wann er eine Stunde „gewinnt“ und wann er eine Stunde „verliert“.

Dabei gab es einmal eine Zeit, da liefen die Uhren noch nicht weitgehend synchron, da war der Taktgeber weder die Ytterbium-Ionenfalle noch die kommende Generation optischer Uhren, die wiederum bereits jetzt absehbar von Uhren mit Thorium-dotierten Kalziumfluorid-Kristallen abgelöst werden. Aber müssen wir Menschen überhaupt nach Uhren leben? Reicht es nicht, wenn Maschinen dies tun? Impliziert nicht der Zeitfuror die Unterdrückung des Individuums auf systemischer Ebene, und haben nicht die Zeitmaschinen längst die Kontrolle über die Menschheit übernommen? Und wenn ja: Ließe sich dieses Rad zurückdrehen? Eine politische Frage, wie sie eben auch die eigentlich physikalische Größe Zeit ist.

Politische Willkür

Denn die Zuteilung der Zeitzonen war oft genug politisch willkürlich. Auch die Zeitumstellung mit der Einführung der Sommerzeit in Westeuropa 1977 war in den jeweiligen Ländern ein Politikum. Frankreich hatte sich gerade für die Sommerzeit entschieden, als an die wenigen Staaten, die damals die Europäische Gemeinschaft (EG) bildeten, die damalige EG-Kommission herantrat. Italien hatte die Zeitumstellung bereits, Großbritannien und Irland ebenso. Doch was soll der ganze Zinnober eigentlich? Schon damals musste „Brüssel“ seine Vorschläge begründen, wenn auch deutlich kürzer als heutzutage. Ging es wirklich um „daylight saving time“, die Sommerzeit, die uns mehr Tageslichtstunden bringen soll?

Zeitlose Argumente

Die Dokumente sprechen eine klare Sprache: „Was den Stromverbrauch angeht, so bleibt er im Wesentlichen konstant: geringfügige Energieeinbußen während der Sommerzeit in Italien, voraussichtliche Zunahme von 0,3 bis 1 Prozent in Frankreich und keine nennenswerten Veränderungen in Großbritannien“, gaben die Brüsseler Beamten schon 1975 den Mitgliedstaaten auf den Weg. Das war ziemlich gut geschätzt – 2018 meldeten einschlägige Versorger, dass Italien mit 580 Gigawatt etwa 0,2 Prozent weniger Stromverbrauch habe, in Frankreich etwa 0,1 Prozent, in Deutschland sei die Einsparung dank Energiesparlampen nicht mehr messbar und aus Spanien kam die Bezifferung von fünf Prozent des Stromverbrauchs. Diversität, wie sie Europa eh und je pflegt, auch im Reporting von Auswirkungen.

Auch positive Auswirkungen auf den Straßenverkehr seien statistisch nicht zu berichten, argumentierten die Beamten vor 51 Jahren. Einzig, dass mehr Tageslicht für etwaige Freizeitgestaltung übrig bliebe, war ein stichhaltiges Argument. Neben der schlichten Tatsache, dass es innerhalb der Gemeinschaft zweckmäßig wäre, eine Lösung zu finden, die für alle Gebiete mit vergleichbaren geografischen Gegebenheiten gilt, wie es damals hieß.

Dies gilt auch für die Zeitpunkte des Inkrafttretens. Die EG endete im Osten mit Schweden, der Bundesrepublik und Italien, da schien das sinnvoll, pragmatisch und praktisch. Zudem hatte Frankreich sich eh schon entschieden. Und doch: „Aus psychologischen und politischen Gründen sollte der Eindruck vermieden werden, dass Systemänderungen nach dem Gießkannenprinzip vorgenommen werden“, heißt es im Schreiben der Kommission an den Rat der Mitgliedstaaten. Doch klar war eigentlich: Es sollten alle wenigstens im gleichen Takt vor- und zurückstellen. Doch schon die Umsetzung dieser Idee nahm erneut Jahre in Anspruch.

Übergroße Zeitzonen sind kein Problem der Umstellung

Nicht absehbar war da, dass sich nicht nur die Bundesrepublik per Beitritt erweitert, sondern mit Polen im Osten und Spanien im Westen die EU-Einheitszeitzone noch breiter werden würde, obwohl eigentlich schon Benelux und Frankreich an den Grenzen der Mitteleuropäischen Zeit (MEZ) liegen, und seitdem auch noch jedes Mal die Uhren vor- und zurückstellen. Dazugehören, das gilt nicht nur für die EU, ist wichtig. Die Mitteleuropäische Zeitzone, die von der polnisch-litauischen Grenze bis Ceuta und Melilla reicht, bedeutet: Zugehörigkeit. Ob im Suwalki Gap oder am Atlantik: überall ist es gleich spät, nur am einen Ende eben viel früher hell und am anderen viel später dunkel.

Egal, wie sehr das den Menschen auf den Zeiger gehen mag: Es ist so festgelegt und für alle etwas seltsam. Und wenn die Sommerzeit in der EU zuschlägt, dann eben überall. Längst ist festgelegt, wann in den kommenden Jahren in der Europäischen Union an den Uhren gedreht wird: Es bleibt beim letzten März- und beim letzten Oktobersonntag.

Zumindest so lang, bis die Mitgliedstaaten sich jeweils festlegen wollen, was sie eigentlich möchten. Denn sie sollen sich seit 2019 auf eine gemeinsame Linie einigen. Das sieht der damalige EU-Parlamentsbeschluss für das Ende der Zeitumstellung als nächsten Schritt vor. Zuvor hatten sich in einer EU-weiten Umfrage mit enormer Beteiligung 84 Prozent der 4,6 Millionen Teilnehmer für ein Ende des Hin und Hers ausgesprochen. Allein rund 3 Millionen der Befragten kamen aus Deutschland.

EU-Kommission zur Sommerzeit-Abschaffung: 1975 reloaded

Übrigens argumentiert die EU-Kommission bei der Abschaffung der Zeitumstellung durchaus ähnlich, wie sie das über 40 Jahre zuvor bei der Einführung tat. Die Brüsseler wissen inzwischen mehr über den menschlichen Biorhythmus: Zwar werden der Zeitumstellung positive Effekte durch mehr Möglichkeiten für Freizeitaktivitäten im Freien und damit für die Gesundheit zugeschrieben, schreiben sie in der Beschlussvorlage für die Abschaffung von 2019. Chronobiologische Forschungsergebnisse legten aber nahe, dass die Auswirkungen auf den menschlichen Biorhythmus stärker sein könnten als bisher angenommen.

Für die Zeit nach der Abschaffung mahnt die Kommission – wie schon 1975 – eine möglichst einheitliche Lösung an, nur etwas anders verpackt: Unkoordinierte Zeitumstellungen zwischen den Mitgliedstaaten wären für den Binnenmarkt schädlich, „denn sie würden zu höheren Kosten für den grenzüberschreitenden Handel, zu Unannehmlichkeiten im Verkehr, bei der Kommunikation und bei Reisen sowie zu einer geringeren Produktivität bei Gütern und Dienstleistungen führen.“

Die gewünschten Energieeinsparungen durch die Sommerzeit seien nach den Erkenntnissen der Forschung nur marginal. Zur Wechselwirkung zwischen der Sommerzeitregelung und Unfällen im Straßenverkehr lägen noch keine gesicherten Erkenntnisse vor. Schlafverlust könnte aufgrund der Vorstellung der Uhren im Frühjahr das Unfallrisiko erhöhen. Es werde aber auch angenommen, dass sich die verlängerte Tageslichtphase an Sommerabenden positiv auf die Sicherheit im Straßenverkehr auswirkt.

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Befürchtungen hinsichtlich der Störung im Biorhythmus der Tiere in der Landwirtschaft und der Verschiebung von Melkzeiten dürften dank der Einführung neuer Ausrüstungen, künstlicher Beleuchtung und Automatisierung weitgehend gegenstandslos geworden sein, schreibt die Kommission. Eine weitere Tageslichtstunde im Sommer könne auch vorteilhaft sein, da sie zusätzliche Arbeitsstunden für Tätigkeiten im Freien ermöglicht.

Die perfekte Zeitersparnis-Lösung

Wie es nicht geht, macht Marokko vor. Das Land, das eine Weile ebenfalls der MEZ angehörte, und damit dafür sorgte, das bis tief in den Atlantik hineinragend der Mitteleuropatakt galt, hat in den vergangenen Jahren vielfach an der Uhr gedreht – mit Dauersommerzeit, Dauerwinterzeit, Zeitzonenwechseln und Uhrumstellungen zu Beginn und Ende des Fastenmonat Ramadan. Nun aber soll damit Schluss sein: seit dem 20. September ist der nordwestafrikanische Staat – mit dem Ziel von Dauerhaftigkeit – in UTC+00:00 zuhause. Wie mit der Zeit verfahren wird, ist also keine verfahrene EU-Diskussion, auch andere können viel Zeit mit der Suche nach perfekten Lösungen verbringen.

Doch die wirklich smarten Herren der Zeit haben sich einen ganz besonderen Kniff überlegt: sie diskutieren einfach nicht mehr. Die Initiative von Kommission – die erwartet bis Ende des Jahres noch eine Studie zur möglichen Abschaffung – und Parlament wurde von den Mitgliedstaaten einfach auf die lange Bank geschoben. Es ist keine Lösung in Sicht, jede Initiative versandet und es gibt wichtigeres zu diskutieren. Der Rat der Mitgliedstaaten hat seit dem 2018-2019er-Beschluss viel Zeit gespart: nach anfänglichem Aktionismus wurde in der zuständigen Ratsarbeitsgruppe seit Jahren de facto nichts mehr daran getan, eine Lösung herbeizuführen. Eine Zeitersparnis, die mit bloßem Uhrumstellen so nicht zu erzielen wäre. Heute wurde übrigens um eine Stunde zurückgestellt – wenn Sie jetzt ausgeschlafen haben, bedanken Sie sich dafür bei der EU.

(nen)

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